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Die Haustür steht offen, draußen wartet Nina und unterhält sich mit Frau Warnke, die gerade eine kleine Zigarettenpause macht. Ich steuere zielstrebig auf die Kinderkarre zu und wühle mit meiner Schnauze in dem Korb. Hab ihn, den Zettel ! Jetzt brauche ich ihn nur noch Carolin zu geben, dann ist meine Mission erfüllt.

»So, bin ausgerüstet !« Caro ist mittlerweile auch vor der Tür angekommen. »Wir müssen leider Herkules mitnehmen. Hedwig ist irgendwie genervt von ihm.«

Nina verzieht den Mund.

»Och, ich dachte, wir machen jetzt zu zweit Hamburgs Edelboutiquen unsicher. Ob ein Dackel am Neuen Wall so gern gesehen wird ? Die machen doch eher in Haute Couture als in Hundefutter.«

»Mach dir keine Sorgen um unser Shoppingerlebnis.« Caro klopft Nina beruhigend auf die Schulter. »Ich glaube, notfalls kann ich die mit einer gut gedeckten Kreditkarte gnädig stimmen.«

Ja, bestimmt. Aber Shopping ist doch nicht das Wichtigste, Carolin ! Guck doch mal, was ich in der Schnauze habe ! Ich springe an ihr hoch und versuche, den Papierball dabei möglichst auffallend zu präsentieren.

»Was hast du denn da, Herkules ?«

Carolin greift nach dem Papier. Ah, es funktioniert.

»Weiß nicht, das hat er eben aus der Kinderkarre rausgeholt«, erzählt ihr Frau Warnke. »Vielleicht ’ne olle Windel oder dreckige Feuchttücher ?«

»Igitt ! Es ist auch ganz nass ! Wie eklig, Herkules ! Was soll das denn ?«

»Geben Sie ruhig her, ich schmeiße es weg«, bietet Frau Warnke an, »ich muss mir nach dem Rauchen sowieso die Hände waschen.«

NEIN ! NICHT ! Nicht wegschmeißen ! Lesen ! Ich fange an zu bellen und zu hecheln, aber ich kann nicht verhindern, dass das Unheil seinen Lauf nimmt: Carolin bedankt sich artig und drückt Frau Warnke das Knäuel in die Hand, die dreht sich um und geht wieder rein. VERFLUCHT ! Mein schöner Plan !

»Komm, Herkules, wir müssen los. Aber benimm dich, wenn du schon mitdarfst ! Das ist eine große Ehre. Und eine Riesenausnahme. Normalerweise sind Männer bei der folgenden Aktion verboten !«

Danke, Frauchen. Ich fühl mich gerade auch richtig gut.

»15. Juni, sagen Sie ? Dann sind Sie aber wirklich sehr früh dran. Aber das macht natürlich nichts. Vorfreude ist die schönste Freude, und es ist auch nicht verkehrt, sich verschiedene Kollektionen anzusehen. Wir bekommen ja alle drei Monate neue Ware. Immer topaktuell. Mailand und Paris. Wir führen beides.«

Wir stehen in einem Laden voller Baisers. So jedenfalls hat Nina diese Sorte Kleid doch mal genannt: Baiser. Sie sind fast alle lang und fast alle weiß – wobei sich Caro gerade ein Kleid anschaut, das kurz ist, aber auch weiß. Sie hängt das Keid wieder an den Ständer und dreht sich zu der älteren, ziemlich stark angemalten Dame um, die hier die Verkäuferin zu sein scheint.

»Nein, nicht 15. Juni nächstes Jahr. Ich meine 15. Juni dieses Jahr. Ich brauche ein Brautkleid für den 15. Juni dieses Jahres.«

Dabei lächelt Caro sehr sanft. Die Verkäuferin schnappt nach Luft und findet im ersten Moment keine Worte. Nina, die schräg hinter ihr steht, scheint krampfhaft ein Kichern zu unterdrücken, jedenfalls zittert sie am ganzen Körper. Kurz darauf hat sich die ältere Dame wieder gefangen.

»Dieses Jahr ? 15. Juni dieses Jahres ? Aber, aber … das ist in fünf Tagen ! Diesen Samstag. Heute haben wir Montag !«

Caro nickt, immer noch sehr freundlich lächelnd.

»Ja, ich weiß. Und morgen haben wir schon Dienstag. Da suche ich mir wohl besser schnell etwas aus, nicht wahr ?«

»Äh, ja, dann schaue ich jetzt mal nach Kleidern in Ihrer Konfektionsgröße. Für eine Bestellung beim Couturier bleibt definitiv keine Zeit mehr. 36/38, nehme ich an ?«

Caro nickt. Die Verkäuferin verschwindet mit hektischen Schritten zwischen den Kleiderständern. Couturi-wer ? Ein seltsamer Laden hier.

Nina kichert.

»Na, der haste aber den Schock ihres Lebens verpasst. Ich dachte schon, ich müsste meine verstaubten Kenntnisse über die Herzdruckmassage wieder ausgraben.«

Caro kichert ebenfalls.

»Och, ich finde, es kann einem Schlimmeres passieren als eine Kundin, die ganz spontan viel Geld ausgeben will.«

»Stimmt. Ich habe allerdings auch noch nicht ganz verstanden, woher dein plötzlicher Sinneswandel kommt. Ursprünglich wolltest du doch kein Brautkleid. Vor ein paar Monaten haben wir noch Witze darüber gemacht. Als du mich gestern Abend gefragt hast, ob ich heute mitkommen will, habe ich mich schon ein bisschen gewundert.«

»Tja, weißt du, ich stand vorletzte Woche mit Marc auf der Terrasse vom Goßlerhaus. Und da wurde mir erst so richtig bewusst, was für eine wahnsinnig besondere Sache das eigentlich ist. Ich meine – ich blickte in den Park und stellte mir vor, wie wir alle nach der Trauung dort mit einen Glas Sekt in der Hand stehen werden. Und ich konnte die Aufregung spüren, die mich Samstag garantiert am Wickel haben wird. Und dann fand ich meine Ursprungsidee mit dem normalen Abendkleid doch nicht mehr so gut. Weil es eben kein normaler Tag ist. Dann habe ich ein paar Nächte darüber geschlafen, und das Gefühl war immer noch da. Deswegen habe ich dich angerufen.«

»Cool. Verstehe.«

Nee, ich verstehe es nicht. Was kann denn ein Kleid mit einem Gefühl zu tun haben ? Wieso macht das einen so großen Unterschied für Caro ? Aber vielleicht kann hier jemand nicht mitreden, der jeden Tag das Gleiche anhat, nämlich: sein eigenes Fell.

Die Verkäuferin taucht wieder auf und schleift drei riesige Säcke hinter sich her, die sie schließlich an die Kleiderstange neben dem großen Spiegel hängt.

»So, wenn Sie mal schauen mögen ?« Sie öffnet den ersten Sack und zieht etwas heraus, was wie ein gigantischer Wattebausch aussieht. »Unser Modell Prelude. Majestätisch voluminöser Rock in Organza, mit Wabenrüschen. Bei Ihrer schmalen Figur bestimmt sehr schön. Der tiefe Ausschnitt der Büste ist drapiert.«

Nina und Caro starren das Teil an und rufen gleichzeitig »Das Baiser !«, dann fangen sie an zu lachen.

Die Verkäuferin guckt irritiert.

»Also eher nicht ?«

»Nein«, antwortet Caro, »eher nicht.«

»Aber wieso denn ?«, mischt sich Nina ein, »ich möchte es wenigstens mal an dir sehen. Vielleicht sind wir überrascht, wie gut es dir steht.«

»Na gut. Wenn du meinst.«

Caro will nach dem Kleid greifen, aber die Verkäuferin hält lächelnd einen Arm vor die Kleiderstange.

»Nein, nein. Das können Sie nicht einfach so anziehen. Dabei brauchen Sie Hilfe. Ich gebe Ihnen jetzt erst mal eine Korsage, einen Reifrock und passende Schuhe. Und wenn Sie das alles angezogen haben, rufen Sie mich. Dann komme ich mit dem Kleid und helfe Ihnen hinein.«

Heilige Fleischwurst ! Man kann dieses Ungetüm nicht allein anziehen ? Was für einen Sinn macht denn bitte schön Kleidung, in die ein Mensch nicht allein hineinkommt ? Das wird ja immer absurder. Das Gleiche scheint sich auch Nina zu denken. Die kramt nämlich in der großen Schultertasche, die sie dabeihat, und zieht erst eine Flasche und dann zwei Gläser hervor.

»Sie gestatten, dass sich meine Freundin erst mit einem Schluck Champagner stärkt ?«

Zu meinem Erstaunen lächelt die ältere Dame und nickt.

»Aber selbstverständlich ! Man kauft ja nicht jeden Tag ein Brautkleid. Warten Sie, ich hole Ihnen zwei Stühle.«

Wie nett ! Ein kleines Picknick. So etwas habe ich beim Shoppen mit Caro noch nie erlebt. Schade, dass Nina für mich nichts mitgenommen hat. Ich könnte auch ein Leckerli vertragen.

Ein Glas Champagner später verzieht sich Caro mit den Sachen, die ihr die Verkäuferin eben in die Hand gedrückt hat, in die Umkleidekabine. Es dauert eine ganze Weile, dann ruft sie: »Kann losgehen !«

Die Verkäuferin nimmt den Organzatraum von der Stange und verschwindet ebenfalls in der Kabine. Als die beiden wieder herauskommen, haut es mich von den Pfoten: Carolin sieht genauso aus wie das Mädchen in Luisas Lieblingsmärchen. Carolin hat sich in Cinderella verwandelt ! Vor Schreck fange ich an zu bellen.