Выбрать главу

Die Schwanzspitze von Beck zuckt hektisch hin und her.

»Siehst du: Genau das ist der Fehler. Du hast Angst. Und das merken die Frauen. Stattdessen solltest du Selbstbewusstsein und Wagemut ausstrahlen, dann klappt das schon.«

Sehr lustig ! Wie soll man denn Wagemut und Selbstbewusstsein ausstrahlen, wenn man weder das eine noch das andere hat ? Jedenfalls in Bezug auf Cherie. Herr Beck scheint zu merken, dass meine Zuversicht nicht gerade überwältigend ist.

»Pass auf. Ein letzter guter Tipp: Wenn du morgen Cherie triffst, dann stell dir einfach vor, sie sei ich. Mit anderen Worten: Ein alter, dicker, kurzsichtiger Kater. Du machst das schon !«

Das Trauzimmer im Goßlerhaus sieht erstaunlicherweise genauso aus wie der Salon von Schloss Eschersbach. Ein Holzboden, der nicht aus langen Dielen wie in der Werkstatt besteht, sondern aus lauter großen Quadraten, auf Hochglanz blankgewienert, dazu Decken so hoch, dass ich ganz nach oben schauen muss, um das feine Musterband, das einmal ringsherum läuft, überhaupt sehen zu können, und bodenlange, helle Vorhänge an jedem Fenster. Wau ! Das hat Gesicht ! Gut, dass Carolin so ein tolles Kleid anhat – damit passt sie genau hierher. Nina hat ihr morgens die Haare zu Locken gedreht und dann alles auf einen großen Haufen getürmt und mit zwei Flaschen Haarspray festgeklebt, nur eine einzelne Strähne lockt sich lässig an Caros Wange vorbei. Wobei Haufen längst nicht so elegant klingt, wie die Frisur in Wirklichkeit aussieht. Es hat zwar Stunden gedauert, das Gebilde so hinzukriegen, aber es hat sich gelohnt: Carolin sieht wunderschön aus. Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche Steigerung bei meinem Frauchen noch möglich wäre.

Aber auch alle anderen haben sich mächtig in Schale geschmissen: Marc sieht in seinem Anzug so vornehm aus, wie ich ihn sonst nur von Weihnachten kenne, Daniel hat ausnahmsweise auch nicht Jeans und T-Shirt an, sondern eine helle Stoffhose nebst Hemd, und selbst Willi, den Marc offenbar doch eingeladen hat, hat sich in ein Jackett gezwängt. Das Hemd darunter spannt zwar ein wenig, und zwischen zwei Knöpfen blitzt ab und zu sein Bauch durch, aber gemessen an dem, was er sonst immer trägt, wenn er Zeitungen verkauft, ist er heute superchic. Hedwig trägt Hut, Caros Mutter Erika ebenfalls, und bis auf Willi und Daniel haben alle Männer eine Krawatte umgebunden. Die Stimmung ist also sehr festlich, und als endlich alle Gäste auf den hellen Stühlen Platz nehmen und sich Carolin und Marc, begleitet von Daniel und Nina, vor den Tisch an der Stirnseite des Saales setzen, könnte man eine Stecknadel fallen hören.

Der Mensch, der nun darangeht, Marc und Carolin miteinander zu verheiraten, setzt sich auf die andere Seite des Tisches und guckt sehr ernst. Dann hält er eine kurze Ansprache über den Sinn der Ehe, was für Pflichten sie mit sich bringt und was passiert, wenn Marc und Caro auf die Frage, ob sie einander heiraten wollen, gleich mit »Ja« antworten. Puh, das scheint wirklich eine ernste Sache zu sein. Hoffentlich hat sich Carolin das auch gut überlegt.

Der eigentliche Knaller kommt aber noch: Wenn ich mich nicht verhört habe, heißt Carolin nicht mehr Neumann, wenn sie das unterschreibt, sondern auch Wagner. Warum denn das ? Sie ist doch nicht Marcs Tochter ! Erstaunlich. Was ist denn an Neumann verkehrt ? Ein Hund ändert niemals seinen Zwingernamen, welchen Sinn sollte das auch machen ? Auch ich bleibe immer und ewig ein Von Eschersbach – Herkules hin oder her. Ich schaue mich vorsichtig um – aber niemand erhebt Einspruch. Nicht mal Carolins Eltern, die doch auch Neumann heißen und im weitesten Sinne diese Zucht aufgebaut haben. Auf Anhieb sehe ich nicht den geringsten Grund für diese seltsame Entscheidung und beschließe, Herrn Beck danach zu fragen. Der weiß bestimmt, was es damit auf sich hat.

Während ich noch darüber sinniere, ob sich Cherie wohl Cherie von Eschersbach nennen würde, wenn ich sie heiraten könnte, rollt mir auf einmal etwas Kleines, Kaltes und Glänzendes direkt vor die Nase. Ein Ring ! Wie kommt der denn hierher ? Plötzlich macht sich eine gewisse Unruhe am Tisch von Caro und Marc bemerkbar, Marc ist aufgestanden und schaut sich um, Gleiches tun Daniel und Nina. Offenbar habe ich gerade etwas Wesentliches verpasst. Marc räuspert sich.

»Ähm, könnt ihr mal alle auf den Boden sehen ? Mir ist gerade der Trauring runtergefallen.«

Gelächter unter den Gästen.

»Ja, ich weiß, schön blöd. Aber meine Hände haben so gezittert !«

Nun zeigt sich, dass es immer gut ist, einen Dackel dabeizuhaben ! Vorsichtig nehme ich den Ring in mein Maul und trabe nach vorn, mache neben Carolin Sitz und jaule ein bisschen. Sie guckt zu mir herunter.

»Nanu, Herkules ? Hast du etwa den Ring gefunden ?«

Sie hält ihre Hand unter meine Schnauze, ich lasse den Ring hineinfallen. Erstaunt betrachtet sie meinen Fund und krault mich dann hinter den Ohren.

»Super, Herkules ! Braver Hund – du rettest mal wieder die Veranstaltung ! Was wir dir bei dieser Hochzeit schon alles zu verdanken haben, unglaublich !«

Was soll ich sagen – das finde ich auch ! Auch wenn mein Spürsinn bis jetzt noch nichts gebracht hat. Trotzdem schön, mal gelobt zu werden !

Carolin steht von ihrem Stuhl auf und dreht sich zu den Gästen um.

»Herkules hat den Ring gefunden ! Also keine Sorge – diesen Saal verlasse ich erst als verheiratete Frau wieder. Da können meinem Mann noch so sehr die Hände zittern.«

Wieder lachen alle, und Marc geht zu seinem Stuhl zurück. Bevor er sich aber setzt, gibt er Caro noch einen Kuss. Den hätte eigentlich ich verdient ! Ich sehe aber ein, dass Marc lieber Caro küsst. Bin heute mal großzügig.

Gut, Hedwigs Idee mit der Facebook-Party war nicht zu gebrauchen. Ihre Idee mit dem Chor hingegen war großartig. Nachdem die Trauzeremonie zu Ende ist und endlich Braut und Bräutigam den passenden Ring am Finger tragen, kommen wir bei strahlendem Sonnenschein auf die Terrasse und werden sofort von Gesang empfangen.

I feel it in my fingers

I feel it in my toes

Love is all around me

And so the feeling grows

Die Stimme des Sängers ist warm und weich, und die Männer und Frauen, die hinter ihm stehen und ebenfalls mitsingen, klingen überhaupt nicht nach Beerdigung, wie von Caro befürchtet, sondern nach Freude und Glück. Was genau sie singen, verstehe ich nicht, denn wenn mich nicht alles täuscht, singen sie in diesem seltsamen Englisch. Aber das ist völlig egal, denn obwohl ich kein Wort verstehe, weiß ich genau, wovon sie singen: von der Liebe, da bin ich mir absolut sicher.

It’s written on the wind

It’s everywhere I go, oh yes, it is

So if you really love me

Come on and let it show, oh

Ich werfe Carolin und Marc einen Blick zu – Caro hat bereits ein Taschentuch gezückt und wischt sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht.

You know, I love you, I always will

My mind’s made up

By the way that I feel

There’s no beginning

There’ll be no end

’cause on my love you can depend

Jetzt kämpft auch Marc mit den Tränen. Ich bin beeindruckt. Männer habe ich bis jetzt wirklich selten weinen sehen. Außer Henri natürlich, der flennt bei jeder Gelegenheit, aber das zählt wohl nicht. Als der Chor fertig ist, applaudieren und pfeifen alle Gäste, und Marc geht zu Hedwig und umarmt sie ganz fest.

»Danke, Mutter ! Woher wusstest du das ?«

Hedwig schaut erstaunt, allerdings wirkt es gespielt.

»Was meinst du denn ?«

»Na, das Lied. Love Is All Around. Das ist Caros und mein Lied !«

Nun lächelt Hedwig.

»Junge, du solltest deine Mutter nicht unterschätzen. Ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, aber noch einigermaßen pfiffig.«