Die Umstehenden nicken. Ja, Hedwig ist pfiffig. Wer wollte das bestreiten.
»Und ich habe noch eine Überraschung für euch.«
Aha ! Aufgemerkt ! Ich ahne, was jetzt kommt.
»Ich habe etwas organisiert, was ihr wahrscheinlich anders geplant hättet. Aber ich fand, dass es zu einer richtigen Hochzeit dazugehört.«
Alles klar. Nun wird Hedwig gestehen, dass gleich die Riesensause steigen wird. Ob Marc geahnt hat, dass seine Mutter beichten wird ? Hat er deswegen noch nicht mit ihr geschimpft ?
»Na, dann leg mal los. Was ist denn die Überraschung ?«
»Moment. Werdet ihr gleich sehen.«
Sie holt ihr Handy aus der Handtasche, tippt eine Nummer ein und sagt nur kurz: »Kann losgehen.«
Hä ? Auch Marc und Caro gucken verwirrt. Und gucken noch verwirrter, als kurz darauf ein sehr seltsames Geräusch näher kommt. Ehe ich noch überlegen kann, wo ich dieses Geräusch schon mal gehört habe, kann ich sehen, was es ist: Hufgetrappel und Pferdeschnauben. Eine Kutsche mit zwei Pferden biegt um die Ecke und hält genau vor der Terrasse. Grundgütiger. Hedwig hat eine Kutsche bestellt !
Ein Raunen geht durch unsere Gäste, Marc hat offenbar eine Kiefersperre, und Carolin fängt hysterisch an zu kichern. Nur Hedwig bleibt ganz ruhig und strahlt.
»Liebes Brautpaar, keine Hochzeit ohne Hochzeitskutsche ! Auf dass euch diese schönen Pferdchen ins Glück ziehen ! Es lebe das Brautpaar, hipp hipp !«
Geistesgegenwärtig rufen Willi und Daniel hurra, daraufhin stimmen alle mit Hurrarufen ein. Carolin und Marc wirken immer noch fassungslos und erholen sich nur langsam von dem Schreck. Nach einer Weile legt sich die allgemeine Aufregung jedoch. Marc stellt sich vor die Gäste und klatscht laut in die Hände.
»Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde jetzt gern feiern. Deswegen werde ich nun meine Frau und meine Kinder in diese wunderschöne Kutsche packen und losfahren. Fahrt ihr doch bitte alle schon mit dem Auto vor, am besten hinter Hedwigs Wagen her, die kennt den Weg. Oh, und kann jemand Herkules mitnehmen ?«
»Ja, gib ihn mir«, meldet sich Daniel.
Wuff, in seinem Auto sitzt Cherie, das habe ich eben schon gesehen. Ich merke, wie mein Maul ganz trocken wird. Okay, wie war das gleich ? Ich stelle mir vor, dass Cherie ein dicker, fetter Kater ist ? Wenn das mal funktioniert …
Zumindest führt es dazu, dass ich während der Autofahrt nicht gleich ohnmächtig werde, sondern sogar einen halbwegs belanglosen Smalltalk mit Cherie hinbekomme, die mich dankenswerterweise wenigstens wieder anguckt. Ich erzähle ihr von der Kutsche, und sie ist amüsiert, dann parkt Daniel auch schon vor der Villa.
Auf dem Kiesbett hat der Partyservice Stehtische aufgebaut, und junge Frauen mit schwarzen Kleidern und weißen Schürzen sind dabei, allen Gästen Getränke anzubieten. Und es sind viele Gäste – im Vergleich zur Trauung wahre Massen. Das Hallo ist dementsprechend groß, als den Neuankömmlingen klar wird, dass sie in eine Überraschungsparty geraten sind. Ich bereite mich innerlich schon mal auf den großen Knall vor, den es mit Sicherheit geben wird, wenn die Kutsche hier eintrifft. Hoffentlich schimpft Marc nicht zu doll mit Hedwig. So vor allen Gästen finde ich das dann doch unangenehm. Ein Rudel muss jedenfalls nach außen Geschlossenheit zeigen.
Endlich kommt auch die Kutsche an und hält ebenfalls vor den Stehtischen. Hedwig läuft nach vorn, um den Schlag aufzureißen. Sie steigt die Stufe zum Kutscheninneren hoch – und fällt fast rückwärts wieder hinunter. Dabei schwingt die Tür nach außen auf, und wir alle können sehen, was Hedwig im wahrsten Sinne des Wortes so umgehauen hat: Das Innere der Kutsche ist leer. Keine Spur von Marc, Carolin und den Kindern.
FÜNFUNDZWANZIG
Die wollten nicht mitfahren. Ich war auch überrascht, aber da war nichts zu machen, ehrlich !«
Dem Kutscher ist die Situation sichtlich unangenehm. Er ist von seinem Bock geklettert und steht nun vor Hedwig, die am ganzen Körper zittert.
»Vielleicht hatte einer der Herrschaften eine Pferdeallergie oder so – jedenfalls haben die sich dann ein Taxi gerufen, als Sie alle außer Sichtweite waren. Na ja, und bevor sie dann weg sind, hat mir der Herr noch das für Sie gegeben.«
Er reicht Hedwig eine Tasche. Mit ihren zitternden Händen lässt sie die fast fallen, sodass Daniel rettend neben Hedwig springt und die Tasche festhält.
»Danke. Wissen Sie, was das ist ?«, fragt er den Kutscher.
Der schüttelt den Kopf. Hätte Daniel mal mich gefragt. Ich kenne die Tasche nämlich. In der transportiert Marc immer den kleinen Computer, den man überallhin mitnehmen kann. Man muss ihn dann vor Ort nur aufklappen, schon funktioniert er genauso wie das große Teil im Wohnzimmer.
Hedwig sagt immer noch kein Wort, sondern hat mittlerweile angefangen, leise zu schluchzen. Auweia ! Das kann ja heiter werden.
Vorsichtig öffnet Daniel die Tasche und lugt hinein.
»Ein Laptop. Sehr mysteriös.«
Er zieht ihn aus der Tasche, und ich kann sehen, dass ein heller Zettel auf dem kleinen Computer klebt.
Daniel liest laut vor:
»Liebe Hochzeitsgesellschaft, anbei ein Grußwort vom Brautpaar. Findet ihr unter ›Brautpaar‹. Beamer ist vorhanden, einfach Frau Hohwenser fragen. Danke und viel Spaß ! Aha, wer ist denn hier Frau Hohwenser ?«
»Ich !«
Bienes Frauchen schält sich aus dem Pulk der anderen Gäste. Auch sie sieht sehr festlich aus – aber auch sie wirkt verwirrt.
»Haben Sie im Haus einen Beamer angeschlossen ?«
»Ja, habe ich. Lustig, dass Sie danach fragen. Das Gleiche wollte auch der Bräutigam wissen, als er mich vorgestern angerufen hat. Ich habe ihm versprochen, in der Halle einen aufzubauen – ich habe ihn ja sonst im Büro stehen.«
»Okay«, ruft Daniel laut den anderen Gästen zu, »dann gehen wir jetzt mal alle in die Halle. Das Brautpaar macht es spannend.«
Es dauert einen Moment, bis sich sämtliche Gäste in der großen Halle der Villa eingefunden haben. Sie sieht ganz anders aus als beim letzten Mal, denn nun ist sie wie ein Restaurant hergerichtet, mit festlich gedeckten Tischen und sehr viel Blumenschmuck. Die Flügeltüren zu dem hinteren Raum sind geöffnet, sodass man direkt in den Garten sehen kann. Auch dort sind Stehtische aufgebaut, außerdem eine Art Bar – so sieht der Tisch mit den vielen Gläsern und Flaschen jedenfalls aus.
An der Stirnseite der Halle steht ein Tischchen mit einem Kästchen darauf. Daniel nimmt den kleinen Computer und stöpselt ihn mit einem Kabel an das Kästchen an. Einen Augenblick später erscheint ein großes, helles Bild an der gegenüberliegenden Wand. Wuff, Zauberei ! Wie hat Daniel das gemacht ?
»Sag mal, weißt du, was hier los ist ?«
Cherie ist neben mir aufgetaucht.
»Das Brautpaar fehlt. Marc und Carolin waren nicht in der Kutsche. Stattdessen hat der Kutscher Daniel den Computer in die Hand gedrückt. Was das soll, weiß ich aber auch nicht.«
Daniel dreht an einem runden Teil herum, das vorn an das Kästchen geschraubt ist, das Bild an der Wand wird daraufhin schärfer, und man kann deutlich eine Schrift erkennen. Schade, dass ich nicht lesen kann, sonst wäre ich jetzt schlauer.
»Liebe Familie, liebe Freunde !«, dröhnt auf einmal Marcs Stimme durch die Halle. Ich zucke zusammen und sehe mich um – wo ist er denn ? Sehen kann ich ihn nicht, was aber verständlich ist, denn um mich herum stehen so viele Leute, dass ich nur von einem Bein zum anderen gucken kann. Allerdings kann ich Marc auch nicht riechen – und das ist wirklich ungewöhnlich !
»Da, guck mal !«
Cherie stupst mich an.
»Wo denn ?«
»Na, da vorn, an der Wand !«
Tatsächlich ! Auf dem großen, hellen Bild an der Wand sehe ich auf einmal Marc und Carolin, die uns überlebensgroß anlächeln. Der Fall ist klar: In dieser Villa spukt es !