»Ich freue mich, dass so viele von euch der Einladung meiner Mutter gefolgt sind und heute mit uns feiern wollen. Wie ich sehe, hat Hedwig auch alles für ein rauschendes Fest arrangiert. Laut der Liste des Partyservice lauert sogar irgendwo eine fünfstöckige Hochzeitstorte«
Ob uns Marc wirklich sehen kann ? Und hören ? Luisa hat mir mal erklärt, dass die Leute im Fernsehen nicht sehen können, wer auf der anderen Seite vor der Kiste sitzt. Aber vielleicht ist das etwas anderes, wenn man von einer Wand guckt ? Mir ist ein bisschen gruselig, ich rücke näher an Cherie heran, die das auch geschehen lässt. Angenehm !
»Hedwig, ich weiß, dass dir eine große Feier wichtig ist, und deswegen finden wir es gut, wenn du sie nun so feierst, wie du dir das vorgestellt hast. Wir allerdings müssen uns nach dem offiziellen Teil leider verabschieden, denn wir haben uns die nachfolgende Feier ja etwas kleiner gewünscht. Nun wird sie ganz klein – nur wir und die Kinder. Also, sei uns bitte nicht böse, wir sind es umgekehrt auch nicht. Wenn ihr unsere Botschaft hört, sind wir schon hier«, jetzt sind nicht mehr Marc und Caro im Bild, sondern ein großes Fenster, hinter dem gerade ein Flugzeug sehr lautstark startet, »und bald auf dem Weg in unsere Flitterwochen in der Sonne. Macht euch keine Sorgen, in zwei Wochen sind wir wieder da ! Nun sind die beiden wieder zu sehen. Und jetzt wünschen wir euch ganz viel Spaß, trinkt auf uns und feiert schön !«
Danach meldet sich Carolin zu Wort. »Ach so, eine Sache wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten: den Hochzeitskuss !« Sie lächelt und dreht sich zu Marc, und dann küssen sich beide seeehr ausgiebig. Hinter uns pfeifen und johlen einige der Gäste, dann verschwindet das Bild, und die Wand ist wieder dunkel.
Einen kurzen Moment herrscht Schweigen, dann fangen die ersten Menschen an zu applaudieren. Erst etwas zögerlich und leise, dann immer lauter. Schließlich klatschen alle Gäste, und auch Hedwig scheint sich wieder gefangen zu haben. Jedenfalls weint sie nicht mehr, geht nach vorn und stellt sich neben Daniel.
»Tja, liebe Gäste, es gibt anscheinend Sachen, aus denen hält man sich als Mutter besser raus. Diese Botschaft ist angekommen.« Sie ringt sich zu einem Lächeln durch. »Andererseits – Marc ist doch erst Ende dreißig, und ich habe bisher alle Partys für ihn organisiert. Sein letzter Kindergeburtstag war jedenfalls ein voller Erfolg.« Gelächter, wieder Applaus. »Ihr würdet mir also einen großen Gefallen tun, wenn ihr auch diese Feier zu einem rauschenden Fest werden lasst. Sonst muss ich vor lauter Trauer den ganzen Champagner allein trinken !«
Sie hebt das Sektglas, das ihr eine der Damen mit Schürze schon in die Hand gedrückt hatte, und ruft:
»Auf das Brautpaar ! Es lebe hoch, wo immer es auch sein mag !«
»Hoch !« »Hoch !« »Hoch !«
Überall wird angestoßen, Gläser klirren, Menschen lachen – ich würde sagen, beste Voraussetzungen für eine gute Party.
Ein paar Stunden später hat sich meine Einschätzung schon bewahrheitet. Es ist ein heiteres, ausgelassenes Fest. Daniel und Nina sorgen dafür, dass alle tanzen. Auf den kleinen, glänzenden Scheiben, die sie besorgt haben, scheinen sich Unmengen von Musik zu verbergen. Für die Tänzer gibt es sogar eine eigene Fläche in dem kleineren Saal neben der Halle, von dem die Terrasse abgeht. Auf dieser wirbeln und zappeln die Menschen, was das Zeug hält. Um einige muss man sich ernsthaft Sorgen machen, so wild sieht ihr Gehopse aus. Hoffentlich verletzt sich da niemand.
Die Zweibeiner sind demnach glücklich. Zeit, sich um die Vierbeiner zu kümmern. Da bin ich allerdings noch etwas zögerlich. Mit Cherie habe ich mich seit vorhin nicht mehr unterhalten, und Biene ist von den vielen fremden Menschen so eingeschüchtert, dass sie sich überhaupt nicht von Frau Hohwensers Bein wegbewegt. So wird es natürlich schwierig, mit ihr zu flirten – es sei denn, ich klebe ebenfalls an ihrem Frauchen. Jaul, die Lage ist misslich – was mache ich bloß ?
Ratlos sitze ich am Rande der Tanzfläche und beobachte die Menschen dabei, wie sie ihren Spaß haben. Auch Daniel und Nina sind unter die Tänzer gegangen. Offenbar haben sie über die Hochzeitsvorbereitungen ihren gemeinsamen Musikgeschmack entdeckt. Der nette Daniel und die zickige Nina. Wer hätte gedacht, dass die so gut zusammenpassen, jedenfalls beim Tanzen ? Selbst Hedwig tanzt mittlerweile ausgelassen – und zwar mit Willi, der sie in einem Anfall von Wagemut vorhin aufgefordert hat.
Wagemut. Vielleicht ist es das. Was hatte Beck gesagt ? Strahle Wagemut und Selbstbewusstsein aus ! Das ist wahrscheinlich nicht ganz verkehrt. Wenn ich mich doch nur dazu aufraffen könnte !
Hedwig und Willi kommen an mir vorbei – Hedwig ist völlig aus der Puste und hat Schweiß auf der Stirn, sie sieht aufgelöst, aber glücklich aus. Willi begleitet sie zu ihrem Platz und gießt ihr mit galanter Geste ein Glas Wasser ein. Er fragt sie irgendetwas, sie nickt. Dann geht er weiter und fordert als Nächstes Frau Hohwenser zum Tanzen auf. Willi ! Teufelskerl ! Ich sollte mir ein Beispiel an ihm nehmen.
Als er mit Frau Hohwenser auf der Tanzfläche ankommt, trabe ich zu den Tischen hinüber. Irgendwo dort muss doch nun eine einsame Dackeldame sitzen. Richtig – schon habe ich Biene gesichtet, die etwas unglücklich zwischen all den Menschen- und Tischbeinen hockt. Ich schleiche mich zu ihr und muss dabei höllisch aufpassen, dass mir niemand auf die Pfoten tritt.
»Hallo, Biene ! Ist nicht so deine Veranstaltung, richtig ?«
»Nee, echt nicht. Zu viele Fremde. Da bekomme ich Angst.«
»Hm, wollen wir in den Garten ? Da geht es dir bestimmt besser.«
Der Vorschlag ist nicht ganz uneigennützig. Ich habe gesehen, dass auch Cherie mittlerweile auf der Terrasse hockt. Wenn Biene und ich rausgehen, wird sie uns mit Sicherheit sehen. Wagemut !
»Gute Idee. Finde ich total nett, dass du dich so um mich kümmerst.«
»Mach ich doch gern.«
Draußen angekommen legen wir uns zusammen ins Gras. Es ist noch warm und kitzelt ein bisschen am Bauch, ein sehr schönes Gefühl. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, dass Cherie uns genau beobachtet. Auch das ist ein schönes Gefühl !
»Schon komisch, dieses Fest, oder ? Warst du vorher schon einmal auf einer Hochzeit ?«, will Biene wissen.
»Ja. Einmal. Da ging es auch wild her. Das Brautpaar war allerdings dabei. Die Braut hat dann ihren Blumenstrauß geworfen, und ich habe ihn gefangen und wollte ihn apportieren – da war vielleicht was los ! Wie die Meute hinter dem Fuchs waren auf einmal alle Frauen hinter mir her.«
»Ach, und wieso ?«
»Na ja, das ist offenbar ein alter Brauch bei den Menschen. Wer den Strauß fängt, heiratet als Nächstes. Und da sind anscheinend alle ganz scharf drauf. Ist auch verständlich, wer will schon allein bleiben und nicht die Liebe seines Lebens finden.«
»Hm.«
Mehr sagt Biene nicht.
»Liebe ist doch wichtig, findest du nicht ?«
»Ich finde, Freundschaft ist wichtig. Liebe ist bestimmt auch schön, nur kann ich das noch nicht so beurteilen. Aber wenn man einen richtig guten Freund hat, dann ist das eine wirklich tolle Sache. Und allein ist man dann auch nicht.«
Ich denke kurz darüber nach.
»Sicher. Freundschaft ist auch toll. «
Biene schweigt eine Weile.
»Weißt du, manchmal ist es schade, dass man eine Freundschaft verliert, weil man Liebe sucht. Denn die Freundschaft wäre doch genauso wertvoll gewesen.«
Hm, was will Biene mir damit sagen ? Ich bin etwas erstaunt über die Richtung, die das Gespräch hier nimmt.
»Wie meinst du das ?«
Biene schluckt.
»Na ja, weißt du, das erste Mal, als du hier zu Besuch warst, da hatten wir so viel Spaß zusammen. Es war, als ob wir uns schon ganz lange kennen würden. Wir sind rumgetobt wie zwei alte Kumpel – das war toll ! Ich habe es so genossen und mich riesig gefreut, als mich mein Frauchen mit zu euch in die Werkstatt genommen hat.«