»Ging mir ganz genauso !«, pflichte ich ihr bei.
»Ja, aber dann warst du auf einmal so komisch. Ich meine, einerseits hast du mir Komplimente gemacht und so, und andererseits warst du gar nicht mehr so kumpelig. Guck mal, du hast nicht mal den hübschen Retriever mitspielen lassen, der heute Abend auch da ist, Cherie oder wie die heißt. Du warst fast ein bisschen gemein zu ihr – das hat mich überrascht. So kannte ich dich nicht.«
Wuff, wie peinlich ! Biene hat es gemerkt !
»Äh, ich weiß jetzt gar nicht, was du meinst«, versuche ich mich aus der Situation zu retten.
»Ich habe mich halt im Nachhinein gefragt, warum du so anders warst. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass es eher mit Cherie als mit mir zu tun haben muss. Und deswegen wäre es toll, wenn du das mit ihr klärst. Damit du bei mir wieder so sein kannst wie an dem Nachmittag an der Elbe. Ich hätte nämlich furchtbar gern einen Freund wie dich, Herkules.«
Sie guckt mir direkt in die Augen, und mir wird auf einmal sehr, sehr warm. Wenn ich kein Fell hätte, könnte man jetzt sehen, dass ich mich tiefrot verfärbe – jede Wette ! Gott, ist mir das unangenehm.
»Ich … äh … also …«
Dieses Gestammel ist grauenhaft. Ich beschließe, wenigstens zu Biene ehrlich zu sein. Sie hat völlig recht – eine Freundschaft ist wertvoll. Da sollte ich nicht gleich mit Lügereien anfangen.
»Weißt du, ich fand den Nachmittag mit dir auch große Klasse und habe mich genauso gefreut wie du, als du in die Werkstatt gekommen bist. Und es stimmt – ich war so komisch wegen Cherie. Ich bin schon ziemlich lange verliebt in sie, aber irgendwie kann ich es ihr nie so richtig sagen. Ein paarmal habe ich schon den Anlauf genommen, aber dann wurde es immer nichts.«
Biene rollt sich auf den Rücken.
»Tja, so etwas Ähnliches dachte ich mir schon. Ich finde, dass man sofort merkt, dass du in sie verknallt bist.«
»Ich habe halt gehofft, dass sie ein bisschen eifersüchtig wird, wenn sie dich sieht und merkt, wie gut wir uns verstehen. War ’ne Idee von dem fetten Kater, mit dem ich immer rumhänge. Hat aber leider nicht geklappt. Stattdessen ist Cherie nun sauer auf mich.«
»So viel zu Tipps von Katzen. Nimm lieber einen Tipp von mir: Da vorne liegt deine Herzensdame. Nichts wie ran !«
»Und du meinst, ich soll Selbstbewusstsein und Wagemut ausstrahlen ?«
»Nee. Nicht ausstrahlen. Selbstbewusst und wagemutig sein ! Ich weiß, du kannst das, du alter Kaninchenschreck ! Los, nun mach schon.«
Ich atme tief durch. Vermutlich stimmt das. Aber schon bei dem Gedanken an ein Liebesgeständnis schlottern mir die Pfoten. Ich schaue zu Cherie hinüber – sie guckt betont gelangweilt. Okay, das ist nicht Cherie, das ist ein dicker, fetter Kater, mit dem ich nun einfach mal ein paar Worte wechseln werde.
»Hallo, Cherie. Nette Party, oder ?«
Gut, nicht besonders einfallsreich, aber immerhin zwei gerade Sätze.
Cherie schaut mich an.
»Findest du ?«
»Ja, du nicht ?«
»Geht so. Ist halt eher für Menschen. Für uns ist es doch langweilig.«
»Hm.«
Mehr fällt mir dazu nicht ein. Komm schon, Herkules, da geht noch was !
»Äh, da unten fließt gleich die Elbe.«
Jaul, wenig geistreich !
»Ich weiß. Du erwähntest es schon, als deine neue Freundin zu Besuch war. Vielleicht willst du einfach mit ihr dort ein bisschen spazieren gehen.«
Cherie steht auf und will sich umdrehen.
Los, Herkules, tu was, sonst ist sie gleich weg ! Wagemut, sofort !
»Nein. Ich würde lieber mit dir dort spazieren gehen. Kommst du mit ?«
Cherie reißt die Augen auf und starrt mich an.
»Mit mir ?«
»Habe ich gerade gesagt. Mit dir !«
Sie zögert, dann dreht sie sich wieder in meine Richtung.
»Gut, können wir machen.«
Schweigend laufen wir nebeneinanderher, und ich überlege krampfhaft, was genau ich zu ihr sagen soll, wenn wir unten am Strand angekommen sind. Leider fällt mir nichts Intelligentes, Charmantes, Beeindruckendes ein – nur die Wahrheit. Dann muss es eben die werden.
Wir setzen uns in den Sand. Ich nehme all meinen Mut zusammen.
»Cherie, ich weiß nicht, ob du es schon weißt, aber …«
»Ja, was denn ?«
»Cherie, ich liebe dich. Seit dem ersten Moment, als ich dich gesehen habe, finde ich dich toll. Und dieses Gefühl ist in der vergangenen Zeit nicht weniger geworden, sondern mehr. Ich will, dass du das endlich weißt.«
Mir ist so heiß, am liebsten würde ich in die Elbe springen, aber dann könnte ich natürlich nicht mehr hören, was Cherie dazu sagt. Ob sie überhaupt was sagt – oder ob sie gleich vor Lachen zusammenbricht.
Aber sie lacht nicht. Kein bisschen. Sie guckt mich aus ihren großen braunen Augen ganz lange an, und dann reibt sie ihre Nase an meiner.
»Ich finde dich auch toll.«
Was ? Hat sie gerade tatsächlich gesagt, dass sie mich auch toll findet ? Ich bekomme Herzrasen.
»Äh, echt ?«
»Ja, echt. Ich dachte nur immer, dass du mich mittlerweile viel zu groß findest. Eben nicht passend für dich. Weißt du, ich habe dir schon einmal gesagt, dass du ein ganz besonderer Hund für mich bist. Damals, als du mir zu verstehen gegeben hast, dass du gern mal was mit mir zusammen machen würdest. Und danach haben wir uns so lange nicht gesehen. Als wir uns dann wiedergetroffen haben, hast du nichts mehr gesagt. Na ja, ich habe mir gedacht, dass du mittlerweile erwachsen geworden bist und sich dein Geschmack bestimmt geändert hat.«
Wuff, ich muss bellen ! Das stimmt doch gar nicht !
»Überhaupt nicht ! Mein Geschmack ist immer noch derselbe wie früher ! Du bist für mich die schönste Hündin auf der ganzen Welt.«
»Echt ?« Cherie legt den Kopf schräg. »Ich dachte schon, du stehst jetzt eher auf Dackeldamen.«
»Ich weiß, was du meinst, aber Biene ist nur eine Freundin. Ein echter Kumpel eben. Und das soll sie auch bleiben, das finden wir beide am besten.«
»Ach so.«
Sie schweigt.
»Du, Cherie ?«
»Ja ?«
»Warst du ein bisschen eifersüchtig auf Biene ?«
Sie nickt.
»Schon.«
Wieder wird mir unglaublich warm, aber diesmal ist es ein tolles Gefühl. Es durchströmt mich vom Kopf bis zur Schwanzspitze und macht mich noch mutiger, als ich eben schon war.
»Meinst du, wir könnten mehr sein als nur Freunde, Cherie ?«
Sie wedelt wild mit dem Schwanz.
»Auf jeden Fall.«
Ich rücke noch näher an sie heran und beginne, sie abzuschlecken – sie erwidert es. Mein Fell scheint in Flammen zu stehen, aber um nichts in der Welt würde ich dieses Feuer löschen wollen. Mittlerweile schlägt mein Herz so schnell, dass ich fürchte, es könnte jederzeit aus meinem Schlund hüpfen. Ein unglaubliches Gefühl !
Es ist schon dunkel, als ich mich so weit beruhigt habe, dass ich meine Umgebung wieder wahrnehmen kann. Cherie sitzt noch neben mir. Gott sei Dank, es war kein Traum.
»Guck mal«, sie stupst mich in die Seite, »da drüben sind Daniel und Nina.«
Tatsächlich. Daniel und Nina hat es auch an den Elbstrand verschlagen. Sie sitzen im Sand und reden miteinander. Cherie verrenkt sich fast den Hals, um die beiden hören zu können.
»Hey, die verstehen sich heute ja richtig gut ! Lass uns mal da hinschleichen, ich bin neugierig.«
»Och nö ! Hier ist es gerade so schön«, widerspreche ich.
»Nun komm schon ! Daniel ist immerhin mein Herrchen. Ich will wissen, worüber die reden.«
Ich seufze.
»Na gut. Dann los.«
Wir pirschen uns an die beiden heran, was eigentlich überflüssig ist, da sie sehr ins Gespräch vertieft sind. Etwa drei Hundelängen vor ihnen verstecken wir uns hinter einem angeschwemmten Baumstamm. Von hier kann man sie sehr gut hören und sehen.
»Als die Kutsche heute ohne die beiden ankam, dachte ich schon: Ach, du Scheiße, das geht hier gleich richtig in die Hose«, sagt Daniel.
Nina lacht.
»Aber so war es doch noch eine tolle Feier.«