Die Treppe führte schier endlos weit in die Tiefe. Bast hatte nicht wirklich darauf geachtet, schätzte aber, dass sie sich mindestens fünfzig, wenn nicht sechzig oder mehr Fuß tief unter den Straßen der Stadt befanden, bevor die Treppe endlich in einen gemauerten Gang mündete, der so niedrig war, dass selbst Abberline sich bücken und Jones seinen Helm absetzen musste, um nicht dagegenzustoßen.
»Wohin führt dieser Gang?«, fragte Bast.
Abberline hob zögerlich die Schultern und richtete den Lichtstrahl seiner Lampe tiefer in das unheimliche Schwarz vor ihnen. Der flackernde Strahl enthüllte einen niedrigen, stockfinsteren Gang, der alles andere als vertrauenerweckend aussah. Er war so niedrig, dass selbst ein normal gewachsener Mann nur gebückt darin gehen konnte, und weniger als zwei Fuß breit. Unter der Decke hingen uralte Kabel und Rohrleitungen, deren Enden offensichtlich mit roher Gewalt abgerissen worden waren.
»Ich bin nicht ganz sicher«, gestand er. »Das hier unten ist das reinste Labyrinth. Sie bauen seit Jahrzehnten an der Tube. Niemand weiß mehr genau, wie viele dieser Gänge und Stollen es gibt oder wohin sie führen.«
»Dann sollten wir kehrtmachen«, schlug Bast vor, eigentlich nur der Ordnung halber. Der Inspektor schenkte ihr auch nur einen flüchtigen Blick, hob seine Lampe ein wenig und machte einen ersten, allerdings sehr zögerlichen Schritt in den Tunnel hinein, bevor er wieder stehen blieb und sie erneut und diesmal auf eine ganz andere Art fragend ansah.
»Können Ihre ... Freunde zufällig auch durch Wände gehen?« Bast machte sich nicht einmal die Mühe, darauf zu antworten, und Abberline nickte zufrieden. »Das hatte ich gehofft. In diesem Fall gehen wir weiter.«
»Warum?«
»Weil das die einzige Richtung ist«, antwortete Abberline. »So schwer verletzt, wie der Kerl ist, kann er nicht mehr allzu weit kommen.«
Bast schwieg. Dieser finstere Tunnel gefiel ihr nicht. Sie hatte das Gefühl, dass in dieser wattigen Dunkelheit irgendetwas lauerte. Plötzlich war sie froh, dass ihr Abberline in diesem Moment nicht direkt ins Gesicht sah, denn diese Dunkelheit machte ihr Angst.
»Wir können natürlich auch hier bleiben und darauf hoffen, dass er irgendwann aufgibt und einfach zurückkommt«, meinte Abberline spöttisch, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Bast würdigte diese Bemerkung nicht einmal einer Antwort, sondern zuckte nur demonstrativ resignierend mit den Schultern und wollte geduckt als Erste in den niedrigen Gang treten, doch Abberline schüttelte rasch den Kopf. »Es ist besser, wenn ich vorausgehe«, sagte er. »Der Weg ist unter Umständen nicht ganz so ungefährlich, wie er aussieht.«
Bast fragte sich, wie er auf die Idee kam, dass die Dunkelheit, die vor ihnen lauerte, in irgendeiner Art ungefährlich wirkte. All ihre Instinkte warnten sie davor, auch nur einen einzigen Schritt in diese klaustrophobische Schwärze hinein zu tun.
Gehorsam trat sie beiseite, damit Abberline vorausgehen konnte. Als er seine Lampe hob und die Schatten wie kleine, rauchige Tierchen vor dem Licht zurückwichen, wurde aus ihrem bisherigen unguten Gefühl beinahe Gewissheit: Das Licht war blasser geworden. Nicht viel, aber die Kraft der Lampe begann nachzulassen. Besorgt fragte sie sich, was geschehen würde, wenn das Licht endgültig erlosch. Sie selbst würde sich selbst bei vollkommener Dunkelheit zurechtfinden, aber Abberline würde möglicherweise und Jones mit großer Sicherheit in Panik geraten.
Aber dieses Risiko musste sie eben eingehen.
Ihr ungutes Gefühl hatte sich als nur zu berechtigt erwiesen. In dem schmalen und zwar kaum merklich, aber beständig abwärtsführenden Tunnel waren sie nur langsam vorangekommen, sodass sie nahezu eine Stunde für eine Strecke gebraucht hatten, die nicht einmal zwei Meilen ausmachte, und Bast war nicht die Einzige, die hörbar erleichtert aufatmete, als Decke und Wände endlich vor ihnen zurückwichen und sie in eine kleine, an der gegenüber liegenden Seite von einer hölzernen Tür verschlossene Kammer hinaustraten. Ihr Rücken schmerzte, weil sie die ganze Zeit so weit nach vorne gebückt hatte gehen müssen, dass sie problemlos mit den Händen den Boden hätte berühren können, und auch ihre Schultern taten weh, denn die meiste Zeit über war der Stollen so eng gewesen, dass sie rechts und links an seinen Wänden entlanggeschrammt war. In ihrem Mund war ein widerlicher Geschmack, den sie einfach nicht loswurde, und der Gestank, der ihre Nase beleidigte, kam nicht nur von ihren eigenen Kleidern, sondern schien aus dem Boden und den Wänden zu strömen, als hätte diese ganze Stadt von innen heraus zu verfaulen begonnen.
Abberline ließ den mittlerweile deutlich blasser gewordenen Lichtstrahl über die Tür gleiten, streckte die Hand aus und drückte die Klinke herunter. Erwartungsgemäß war sie verschlossen, aber der Scotland-Yard-Mann musste sich nicht einmal anstrengen, um das Schloss zusammen mit einem guten Teil des Türrahmens herauszubrechen. Staub wirbelte auf und machte den widerlichen Geschmack auf Basts Zunge noch schlimmer, und das blasse Licht, das Abberlines Lampe noch von sich gab, verlor sich in einem weitläufigen, dunklen Raum. Bast verspürte abermals dieses sonderbare Vibrieren und Zittern, nur dass es diesmal nicht aus dem Boden unter ihren Füßen zu kommen schien, sondern gleichsam aus allen Richtungen zugleich, wie das Beben einer urgewaltigen Kraft, das die Luft und den Stein überall rings um sie herum erfüllte. Zugleich hörte sie ein sonderbares, rasch näher kommendes Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Ihre beiden Begleiter schien jedoch weder das Geräusch noch das unheimliche Vibrieren zu irritieren. Ganz im Gegenteil hatte Bast eher das Gefühl, dass sie es gar nicht wirklich zur Kenntnis nahmen. Vielleicht die Tube - was auch immer das sein mochte.
Abberline spähte einen Moment lang durch den Türspalt, ohne sie weiter geöffnet zu haben, und zog sonderbarerweise seine Taschenuhr aus der Weste und klappte den Deckel auf. Bast versuchte erst gar nicht, diesem seltsamen Verhalten irgendeinen Sinn abzugewinnen, sondern drängte sich kurzerhand an ihm vorbei, öffnete die Tür und trat hindurch.
Etwas Riesiges, Schwarzes mit gelb glühenden Augen und blitzenden Zähnen stürzte brüllend und schnaubend aus der Dunkelheit heraus und hätte sie unweigerlich getroffen und niedergeworfen, hätte Abberline sie nicht im letzten Moment am Arm gepackt und zurückgerissen. Das Ungeheuer raste donnernd und schwarzen Rauch und Flammen speiend auf der anderen Seite der Tür vorbei und erfüllte den Korridor mit seinem Lärm und flackerndem Licht, und der Boden zitterte immer heftiger. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, wenn nicht länger, und selbst danach blieb Bast noch etliche Augenblicke einfach stehen und starrte die nun wieder leere Tür verständnislos an.
»Was ... was war das?«, murmelte sie erschrocken.
Abberline grinste knapp. »Das war unsere Art von Drache«, sagte er.
»Wie?«
»Die Tube«, antwortete Abberline. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass dieser Stollen dorthin führt.«
»Aha«, sagte Bast. Sie verstand kein Wort. Unsicher blickte sie erneut die offen stehende Tür an, hinter der jetzt wieder nahezu vollkommene Dunkelheit herrschte. Lärm und rasendes Licht waren verschwunden, nur der Boden zitterte noch immer sacht, und in der Luft hing ein scharfer Geruch wie nach verbranntem Holz und heißem Metall.
»Die Untergrundbahn«, erklärte Abberline. »Ich dachte, Sie wüssten davon. Immerhin ist sie Londons ganzer Stolz.« Er verzog flüchtig das Gesicht. »Oder wird es irgendwann einmal sein, sollte sie jemals fertig werden.«