Bast hatte irgendwie das Gefühl, mit jedem Wort weniger zu verstehen, aber dann schüttelte sie den Gedanken ab. Wieder eine der neumodischen Erfindungen, von denen Maistowe gesprochen hatte ... aber sie war nicht sicher, ob sie sie wirklich verstehen wollte.
Außerdem hatten sie im Moment andere Probleme.
»Wir sollten uns beeilen«, sagte Abberline und blickte abermals auf seine Uhr. »Die Züge verkehren im Viertelstundentakt, und ich weiß nicht genau, wie weit es bis zur nächsten Station ist. Rechts oder links?«
Bast sah ihn fragend an.
»Ist er nach rechts oder links gegangen?«
»Nach rechts«, antwortete sie, fast ohne darüber nachzudenken. »Sie ... Sie wollen doch nicht etwa dort hinein?«
»Wegen des Drachen?« Abberline schien Freude an seinem eigenen schalen Scherz gewonnen zu haben, schüttelte aber auch den Kopf. »Keine Sorge. Er tut uns nichts - wenn wir uns ein bisschen beeilen und die nächste Station erreichen, bevor er zurückkommt, heißt das. Haben Sie Angst?«
Bast war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass Abberline sie zu reizen versuchte, und es ärgerte sie, aber sie hatte im Moment keine Zeit für so etwas. Abberline war ganz offensichtlich entschlossen, die Verfolgung um jeden Preis fortzusetzen, und sie konnte ihn auf keinen Fall alleine gehen lassen; schon, weil trotz allem die Gefahr bestand, dass er Sobek tatsächlich einholte. Bast bedauerte inzwischen, ihm tatsächlich die Richtung genannt zu haben, in die Sobeks Spur führte, statt ihn in die entgegengesetzte Richtung laufen zu lassen.
Abberline gab ihr keine Gelegenheit, diesen Fehler wiedergutzumachen, sondern trat gebückt durch die Tür, sprang in den dahinter liegenden Gang, der einen guten Meter tiefer lag, und leuchtete mit seiner Lampe zu ihnen herein. »Jones, kommen Sie. Die Zeit läuft.«
Der Bobby wirkte noch weniger begeistert als bisher, gehorchte aber widerspruchslos, und Bast war die Letzte, die den gewölbten Tunnel hinuntersprang. Der Atem des verschwundenen Drachen erfüllte die Luft noch immer mit beißendem Gestank, und das Lampenlicht brach sich auf rostigen Eisenbahnschienen, die tief unter der Erde verlegt worden waren. Auch hier lag der charakteristische Geruch von Blut in der Luft, mittlerweile aber nur noch so schwach, dass selbst Bast Mühe hatte, ihn zu erfassen.
Abberline lief los, kaum dass sich Bast zu Jones und ihm gesellt hatte. Er rannte noch nicht, aber viel fehlte auch nicht daran, und obwohl Bast sein Gesicht nicht erkennen konnte, spürte sie seine Nervosität. Vielleicht war er sich seiner Sache doch nicht ganz so sicher, wie er bisher getan hatte.
Und das möglicherweise zu Recht.
Sie waren noch nicht einmal annähernd die Viertelstunde unterwegs, von der er vorhin gesprochen hatte, als Basts feine Sinne erneut ein sachtes Vibrieren und Zittern des Bodens wahrnahmen. Ganz instinktiv sah sie sich um. Hinter ihnen herrschte noch immer so vollkommene Schwärze, dass selbst ihre scharfen Augen nichts als Dunkelheit erkannten, aber das bedeutete nichts - obgleich der Tunnel gerade wirkte, beschrieb er doch in Wahrheit einen sanften Bogen, sodass alles, was weiter als fünfzig oder sechzig Schritte entfernt war, hinter der kaum merklichen Krümmung verborgen lag. Und so schnell, wie sich die Underground bewegte, konnte sie binnen Sekunden hinter ihnen auftauchen.
»Vielleicht sollten wir uns besser ein wenig beeilen«, schlug sie vor.
Abberline warf im Gehen einen Blick über die Schulter zurück. Er sagte nichts, schritt aber noch schneller aus und rannte nun wirklich. Trotzdem war Bast klar, dass sie es nicht schaffen würden. Auch vor ihnen herrschte vollkommene Schwärze, was hieß, dass sie noch ein gehöriges Stück von der nächsten Station entfernt waren, und nicht nur der Boden unter ihren Füßen zitterte mittlerweile so stark, dass selbst Abberline und Jones es spüren mussten. Dazu nahm sie jetzt ein schweres, mechanisches Klappern und Rasseln wahr, das rasch an Lautstärke gewann.
Abberline begann zu rennen. Sein Lichtstrahl hüpfte wild vor ihnen auf und ab, tastete suchend über die Wände und bewegte sich immer panischer, und das unheimliche Geräusch nahm immer mehr an Macht zu. Bast unterdrückte den Impuls, hinter sich zu blicken, aber sie wusste auch so, was sie gesehen hätte.
»Dort!«, schrie Abberline plötzlich. »Die Station! Schneller!«
Das letzte Wort hatte er geschrien. Gleichzeitig versuchte er noch schneller zu laufen. Bast konnte nicht beurteilen, ob es ihm gelang, aber sein Lichtstrahl glitt plötzlich hüpfend unsicher über einen gut drei Fuß hohen Absatz auf der rechten Seite, hinter dem sich ein weitläufiger Raum befinden musste, denn das bleiche Licht traf auf keinen Widerstand mehr. Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung erreichte er sein Ziel, flankte mit einer unerwartet kraftvollen Bewegung hinauf und fiel prompt der Länge nach hin. Da er die Lampe mit sich nahm, hätte es dunkel werden müssen.
Aber das wurde es nicht.
Das Dröhnen und Schnauben war beständig lauter geworden, und plötzlich flammte hinter ihnen ein grelles, gelbes Licht auf, das Jones und ihren Schatten lang gezogen und grotesk verzerrt über die Schienen warf. Jones keuchte entsetzt, lief schneller und fiel prompt der Länge nach hin. Die Pistole flog davon, prallte Funken sprühend von den Schienen ab und verschwand in der Dunkelheit. Mit einem einzigen Satz war Bast bei ihm, zerrte ihn grob auf die Füße und warf ihn mehr den Bahnsteig hinauf, als dass sie ihn stieß. Das Licht wurde greller. Der Boden unter ihren Füßen zitterte und bockte jetzt so stark wie ein ungebrochenes Wildpferd, das seinen Reiter abzuwerfen versucht. Jones versuchte vollkommen absurderweise, sich loszureißen und seiner verlorenen Waffe hinterherzustürzen, und Bast vergaß auch noch ihren allerletzten Rest von Rücksicht, warf sich mit einem verzweifelten Satz zur Seite und zerrte den hilflos zappelnden Polizisten einfach mit sich. Etwas Riesiges, unvorstellbar Massiges raste so dicht hinter ihr entlang, dass sie der bloße Luftzug von den Beinen riss, und für einen Moment überstrahlte ein rasend flackerndes, stroboskopisches Licht den Schein von Abberlines Lampe. Ein schrilles, nicht enden wollendes Kreischen marterte ihr Gehör, und für einen winzigen, aber durch und durch schrecklichen Augenblick drohte sie nicht nur den Halt auf dem Boden zu verlieren, sondern auch in der Wirklichkeit, als hätte dieses schreckliche, eiserne Heulen und Knirschen gleichermaßen die Grenzen zwischen den Wirklichkeiten niedergerissen.
»Ist alles in Ordnung?« Abberline streckte die Hand aus und half ihr in die Höhe, und Bast ertappte sich dabei, sein Angebot dankbar anzunehmen. Sie hatte immer noch das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und für einen winzigen Moment umklammerte sie seine Hand so fest, dass er schmerzerfüllt die Lippen zusammenpresste.
Hastig ließ sie seine Hand los. »Danke.«
»Keine Ursache.« Abberlines Mundwinkel zuckten noch immer vor Schmerz, aber er zwang sich dennoch zu einem Lächeln, richtete den Lichtstrahl für einen Moment auf ihr Gesicht, um sie kritisch zu mustern, und trat dann an ihr vorbei an die Bahnsteigkante. Bast folgte ihm mit klopfendem Herzen, aber sie hatte Mühe, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren.
Der Tunnel war wieder leer. Das Rumpeln, Heulen und Kreischen nahm rasch an Lautstärke ab, und als Bast sich behutsam vorbeugte, sah sie gerade noch ein Paar dunkelroter flackernder Lichter um die nächste Biegung der unterirdischen Röhre verschwinden. Ihr Herz begann noch einmal schneller zu schlagen, und plötzlich war sie froh, dass Abberline den Lichtstrahl direkt in den Tunnel hinauslenkte. So sah er wenigstens nicht, wie stark ihre Hände zitterten.
Was war nur los mit ihr?
Natürlich wusste sie, was sie da sah: nichts anderes als eine Dampflokomotive, die auf Schienen tief unter der Erde fuhr, kein mythisches Ungeheuer, das aus den Abgründen der Zeit emporgestiegen war, um sie zu verschlingen, sondern das genaue Gegenteil, eine Maschine, ein Ding aus Stahl und Holz und Schrauben und Rädern, nicht mehr.