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Und trotzdem war es im Moment für sie ein Ungeheuer, vielleicht das bedrohlichste, das ihr jemals begegnet war. Die beiden roten Höllenaugen waren längst erloschen, aber sie glaubte ihren Blick noch immer mit fast körperlicher Intensität zu spüren. Das Zittern ihrer Hände ließ nicht nach, sondern nahm im Gegenteil noch einmal zu, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.

»Tja, ich würde sagen, jetzt steht es zwei zu eins für unseren Drachen«, witzelte Abberline lahm. Er trat wieder zurück, richtete den Scheinwerferstrahl ein zweites Mal direkt auf sie und erschrak sichtbar, als er in ihr Gesicht blickte. Allerdings war er auch diskret genug, um die Lampe praktisch sofort wieder zu senken und auf Jones zu richten.

Nicht, dass dessen Anblick wesentlich erbaulicher gewesen wäre. Er war auf Hände und Knie hinabgesunken und stierte blicklos ins Leere. Sein Gesicht war blutig, und was das Flackern tief in seinen Augen wirklich bedeutete, wollte Bast im Grunde gar nicht wissen.

»Alles okay mit Ihnen, Konstabler?«, fragte Abberline.

Die Frage kam Bast nachgerade lächerlich vor. Der Konstabler war fast so groß wie sie und unter normalen Umständen zweifellos das, was man einen Bär von einem Mann nannte; in jeder Hinsicht. Jetzt war er allerdings kaum mehr als ein zitterndes Häufchen Elend. Bast sah flüchtig in ihn hinein und schrak vor dem zurück, was sie erblickte. Sie beruhigte ihn rasch und so unauffällig, wie es gerade möglich war, löschte zumindest die allerschlimmsten Erinnerungen aus seinem Kurzzeitgedächtnis und gab ihm ein wenig von ihrer eigenen Kraft, nicht annähernd so viel, wie nötig gewesen wäre, aber genug, damit er zumindest nicht im nächsten Augenblick zusammenbrach.

Anscheinend war sie trotz allem nicht vorsichtig genug gewesen, denn als sie sich wieder zu Abberline herumdrehte, war der Ausdruck von Misstrauen auf seinem Gesicht regelrecht explodiert. »Ich glaube, Sie sind mir wirklich eine Menge Antworten schuldig«, sagte er.

»Alle, die Sie wollen«, sagte Bast zum wiederholten Male. »Aber nicht jetzt.«

»Vielleicht reicht das nicht«, sagte Abberline.

Bast sah ihn fragend an.

»Vielleicht sollte ich Sie nach den Fragen fragen, die ich Ihnen stellen sollte, statt nur nach Antworten«, sagte Abberline ernst, machte zugleich aber auch eine abwehrende Handbewegung, als sie etwas darauf erwidern wollte. »Aber Sie haben recht. Jetzt ist nicht der richtige Moment dazu.«

Was vermutlich der Wahrheit entsprach. Bast hatte bisher keinen Gedanken an ihre Umgebung verschwendet - schließlich war dies hier Abberlines Revier, und auch, wenn sich seine Fähigkeiten als Fremdenführer bisher als eher mangelhaft erwiesen hatten, so kannte er sich hier doch zweifellos trotzdem hundertmal besser aus als sie -, aber nun kamen ihr doch erste Zweifel. Wenn das hier ein typischer Londoner Underground-Bahnhof war, dann war der unüberhörbare Stolz, mit dem er von der Tube gesprochen hatte, hoffnungslos übertrieben.

Sie waren vollkommen allein. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde hätte Bast diesen Umstand vielleicht noch akzeptiert - wenn auch mit Verwunderung -, aber das war längst nicht alles. Die gut zehn Fuß hohe, von wuchtigen hölzernen Stützpfeilern getragene Halle, in der sie sich befanden, war nicht nur verlassen, sondern auch dunkel. Der zitternde Strahl der Lampe riss eine Anzahl kunstvoll geschmiedeter Gas- oder Petroleumlampen aus der Dunkelheit, die an den gefliesten Wänden befestigt waren, und auch unter der Decke hingen wuchtige Kronleuchter, aber nicht eine einzige dieser Lampen war in Betrieb. Die Luft war so trocken, dass sie im Hals kratzte, und von einem sonderbar abgestandenen Geruch erfüllt, obwohl in dem Tunnel neben ihnen ein permanenter Luftzug herrschte, und auf dem Boden lag eine fast fingerdicke Staubschicht. Sie war nicht vollends unversehrt, sondern von einer Anzahl sich überschneidender Fußspuren durchzogen, aber keine davon schien jünger als mehrere Monate zu sein.

»Täusche ich mich, oder hat Maistowe recht, und die Londoner Bürger nehmen nicht alle modernen Erfindungen an?«, fragte sie.

Abberline warf ihr einen unsicheren Blick zu. Sie hatte spöttisch klingen wollen, aber ihre Worte hörten sich eher nach dem Gegenteil an. Irgendetwas in dieser verlassenen Halle schien sie zu packen und zu etwas anderem zu machen.

»Das hier ist ein verlassener Bahnhof«, antwortete er überflüssigerweise. »Und ich glaube, ich weiß sogar, welcher.«

»Und?«, fragte Bast. Etwas an der Art, auf die Abberline geantwortet hatte, gefiel ihr nicht.

»Das müsste die alte Tower-Station sein«, murmelte Abberline, mehr zu sich selbst als an sie gewandt und in fast überraschtem Ton. »Erstaunlich. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit gegangen sind.« Er wandte sich um, trat wieder an den Bahnsteig heran und richtete die Lampe nach unten. Der Lichtstrahl riss einen rostigen Schienenstrang aus der Dunkelheit, wanderte zitternd und unsicher weiter und enthüllte für einen Moment eine ebenso verrostete Kette, die zwischen den Schienen verlief. »Ja, das ist sie.«

»Wieso hat man diesen Bahnhof aufgegeben?«, erkundigte sich Bast.

»Die ganze Strecke wurde nach nur einem Tag wieder stillgelegt«, antwortete Abberline. Er leuchtete wieder auf die Schienen hinab. »Sehen Sie die Kette? Sie hatten damals die Idee, den Zug mit dieser Kette über die Schienen zu schleppen, aber es hat nicht funktioniert. Sie waren so langsam, dass man zu Fuß rascher zur nächsten Station gekommen wäre. Kommen Sie. Ich will endlich hier raus!«

Diesmal sichtbar entschlossener, drehte er sich mit einem Ruck herum und ließ den Lichtstrahl noch einmal über die staubigen Wände gleiten. Nach ein paar Augenblicken blieb er an einer zweiflügeligen, mit einer wuchtigen Kette und einem noch viel schwereren Vorhängeschloss gesicherten Tür hängen. Wortlos ging Abberline hin und überließ es ihr, Jones in nahezu vollkommener Dunkelheit auf die Füße zu helfen und ihm zu folgen.

Abberline machte sich umständlich an der Kette zu schaffen, als sie ihn erreichte, und empfing sie mit einem missmutigen Blick. Bast gebot ihm mit einer entsprechenden Geste, zurückzutreten, ließ Jones los und riss die Kette kurzerhand durch. Sie bedauerte diesen kleinen Anflug von Eitelkeit augenblicklich, als sie Abberlines vielsagendes Stirnrunzeln registrierte. Auch wenn er bisher sehr wenig über das gesagt hatte, was er von ihr - und vor allem über das, wozu sie fähig war - dachte, so war er doch nicht blind, sondern ganz im Gegenteil ein sehr aufmerksamer Beobachter. Bisher hatte sie wenig mehr als einen flüchtigen Gedanken an diesen Umstand verschwendet, aber das war gewesen, bevor sie begriffen hatte, dass der Scotland-Yard-Mann nicht zu denen gehörte, deren Erinnerungen sie fast nach Belieben manipulieren konnte. Bast nahm sich vor, ab sofort besser auf das zu achten, was sie sagte und vor allem tat.

Aber eigentlich war es ihr gleich. Etwas hier unten ... stimmte nicht. Sie wollte einfach nur noch hier heraus, so schnell wie möglich. Als wäre etwas in ihr darum bemüht, die Situation nur noch schlimmer zu machen, trat sie mit einem übertrieben triumphierenden Lächeln zurück und machte eine auffordernde Geste. Abberlines Blick wurde noch einmal finsterer, aber er sparte sich jeden Kommentar, zog die zerbrochene Kette aus dem Schloss und ließ sie achtlos fallen, bevor er sich ächzend darum bemühte, die beiden schweren Torflügel aufzuschieben. Diesmal tat Bast ihm nicht den Gefallen, ihm zu helfen. Wer war sie denn, dachte sie spöttisch, einem echten englischen Gentleman die Peinlichkeit zu bereiten, sich von einer Lady die Tür aufhalten zu lassen?

»So, das hätten wir«, keuchte Abberline nach einigen schweißtreibenden Momenten. Immerhin hatte er die schweren Türflügel weit genug auseinanderbekommen, um sich mit einiger Mühe hindurchquetschen zu können. »Kommen Sie!«