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Bast erweiterte den Türspalt unauffällig, um einen auch für sie und Jones passablen Durchgang zu schaffen, und folgte fasziniert dem zitternden Lichtstrahl, den Abberline vor ihnen die Stufen einer schier unendlich lang erscheinenden, hölzernen Treppe hinaufwandern ließ. Bast schätzte, dass sie aus mindestens hundert, wenn nicht mehr Stufen bestand ... und so ganz nebenbei sah sie nicht unbedingt vertrauenerweckend aus. Eine dicke Staubschicht bedeckte die ausgetretenen Stufen, und ihr feiner Geruchssinn nahm vermoderndes Holz wahr. Sie konnte nur hoffen, dass diese uralte Konstruktion ihrem gemeinsamen Gewicht noch gewachsen war. Am oberen Ende der Treppe befand sich eine geschlossene und zusätzlich mit Brettern vernagelten Gittertür, die von einer zweiten, deutlich massiver aussehenden Kette gesichert war.

»Vielleicht sollten wir ... nacheinander hinaufgehen?«, schlug sie vor.

Abberline machte ein übertrieben beleidigtes Gesicht. »Bitte verzeihen Sie, Mylady«, sagte er mit komisch verstellter, näselnder Stimme. »Aber das hier ist der ganze Stolz britischer Ingenieurskunst. Können Sie mir ein Gebäude auf der ganzen Welt nennen, das langlebiger und stabiler wäre?«

»Die Pyramiden von Gizeh?«, schlug Bast vor.

Abberline machte ein noch beleidigteres Gesicht, aber dann lachte er und schüttelte überzeugt den Kopf. »Keine Sorge. Auch wenn es nicht so aussieht - die Station wird regelmäßig kontrolliert. Das Letzte, was sich die Metropolitan wünscht, ist ein spielendes Kind oder ein Obdachloser, denen hier unten die Decke auf den Kopf fällt, glauben Sie mir. Kommen Sie.«

Er wedelte auffordernd mit seiner Lampe, machte einen einzelnen Schritt und blieb dann wieder stehen. »Jones! Wo bleiben Sie?«

Jones antwortete nicht, aber hinter ihnen raschelte es leise, und Abberline zog eine ärgerliche Grimasse und trat an Bast vorbei wieder in die Bahnhofshalle hinaus. »Jones, verdammt!«

Bast folgte ihm. Jones befand sich irgendwo links, außerhalb des Lichtes. Selbst sie konnte ihn nur als verschwommenen Schatten wahrnehmen. Er bewegte sich langsam und halb gebückt, als würde er etwas suchen.

»Sir? Ich glaube, hier ... ist etwas.«

Abberline sah nicht so aus, als wäre er sonderlich begeistert über den plötzlichen Diensteifer des Constablers, schwenkte aber gehorsam seine Lampe herum und folgte ihm. Jones war mittlerweile stehen geblieben und blickte konzentriert auf irgendetwas auf dem schuttbedeckten Boden vor sich hinab. Abberline murmelte irgendetwas, das sich noch weniger begeistert anhörte, trat aber trotzdem neben ihn und senkte die Lampe. Der Lichtstrahl huschte den kurzen Weg zurück, den er ihm vorausgeeilt war und brach sich blitzend auf etwas Dunklem und Nassem. Abberline sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein, und auch Bast fuhr erschrocken zusammen. Das bleiche Licht löschte alle Farben aus und gab den Dingen eine Bedeutung, die sie nicht hatten, aber der Geruch war unverkennbar.

»Das ist Blut«, murmelte Abberline, nachdem er sich in die Hocke gelassen und den verschmierten Fleck behutsam mit der Fingerspitze berührt hatte.

»Menschliches Blut«, fügte Bast leise hinzu. Abberline schrak zusammen und warf ihr einen raschen, unsicheren Blick zu, und Bast erteilte sich selbst in Gedanken einen scharfen Verweis. Sie hatte das nicht laut aussprechen wollen. Ihre Hand tastete fast ohne ihr Zutun nach dem Schwert in ihrem Gürtel, und Abberlines Blick wurde noch besorgter, da ihm diese Bewegung natürlich keineswegs entging. Bast gebot ihm jedoch mit einer raschen Geste, still zu sein, schloss die Augen und lauschte mit allen Sinnen. Das Einzige, was sie hörte, waren Jones' und Abberlines Atemzüge und das dumpfe Hämmern ihres eigenen Herzschlages, und das einzige Leben, das sie spürte, gehörte ebenfalls diesen beiden. Und dennoch ... etwas war da. Es war die ganze Zeit über da gewesen, eine Präsenz, unglaublich fremd und vertraut zugleich und wie etwas Unsichtbares und Riesiges, das lautlos in der Dunkelheit hockte und sie belauerte, und ein Gefühl, das sie nur zu gut kannte: das Gefühl, Beute zu sein.

»Sie haben recht, Inspektor«, sagte sie. »Verschwinden wir von hier.«

Abberline stand zwar auf, bewegte sich im ersten Moment jedoch nicht von der Stelle, sondern schwenkte nur seine Lampe herum, bis das Licht einen zweiten, verschmierten schwarzen Fleck auf dem Staub und eingetrocknetem Schmutz auf dem Boden ertastete, dann einen dritten und vierten.

Die Blutspur war nicht so breit und frisch wie die, der sie vorhin gefolgt waren, und Bast musste auch nicht davon kosten, um zu wissen, dass es jetzt nicht mehr Sobeks Blut war, aber es war ganz eindeutig menschliches Blut, und es war noch nicht lange genug hier, um eingetrocknet zu sein. Welches Drama sich auch immer hier abgespielt hatte, es konnte allerhöchstem einige Minuten zurückliegen. Aber wieso spürte sie nichts?

»Wir sollten besser gehen, Inspektor«, sagte sie noch einmal und erschrak beinahe selbst über den unüberhörbaren Unterton von Furcht in ihrer Stimme.

Abberline wandte zwar den Kopf und maß sie mit einem gleichermaßen nachdenklichen wie misstrauischen Blick, machte aber keineswegs kehrt, sondern begann ganz im Gegenteil der unterbrochenen Blutspur zu folgen. »Ich glaube, ich habe es schon mehrmals gesagt, aber ich wiederhole mich gern«, sagte er mit einer Betonung, die beinahe noch sonderbarer war als sein Blick. Von der fast ausgelassenen Erleichterung, die sie gerade bei der Treppe in ihm gefühlt hatte, war nichts mehr geblieben. »Falls Sie mir irgendetwas zu sagen haben, wäre jetzt vielleicht der richtige Moment.« Gleichzeitig griff er mit der freien Hand in die Jackentasche, um seinen Revolver zu ziehen. Das helle Klicken, mit dem er den Hahn zurückzog, schien in der Dunkelheit unnatürlich lang widerzuhallen, und es brachte noch ein anderes, falsches Geräusch mit sich.

»Jetzt ist wahrscheinlich der falscheste Moment überhaupt«, sagte Bast ernst. Begriff er denn nicht, dass sie ganz und gar nicht zufällig hier waren? »Das Ganze könnte eine Falle sein.« Könnte? Was musste denn noch passieren, bis sie sich selbst eingestand, wie unvorstellbar leichtsinnig sie sich verhalten hatte?

Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber ihre Worte schienen Abberline tatsächlich nachdenklich zu stimmen. Er machte zwar noch einen halben Schritt, zögerte dann aber und wandte sich schließlich um ... oder hätte es getan, wäre der Lichtstrahl nicht an etwas Dunklem und Nassem hängen geblieben. Hastig schwenkte er die Lampe wieder zurück, und hatte im nächsten Moment alle Mühe, einen entsetzten Schrei zu unterdrücken.

Es war ein abgerissener menschlicher Arm. Die verkrümmte Hand, der zwei Finger fehlten, ragte aus einem zerfetzten Jackenärmel, der einmal zu einer schwarzen Uniform gehört haben musste. Das erkannte Bast an dem eingedellten Messingknopf, der das Revers zierte.

Jones würgte hörbar und wankte einen Schritt zur Seite, wodurch er endgültig in der Dunkelheit verschwand, und Abberline zwang sich mit sichtlicher Überwindung, weiterzugehen, und ließ sich - in sicherer Entfernung von gut vier oder fünf Fuß - vor seinem schrecklichen Fund in die Hocke sinken.

»Barton?«, fragte Bast. Sie musste sich räuspern, damit ihre Stimme nicht zu sehr zitterte.

»Vermutlich!«, antwortete Abberline. »Aber wie kommt er hierher?«

Bast hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, aber sie schwieg, und Abberline richtete sich wieder auf und ließ den Lichtstrahl weiter in die Richtung wandern, in die die unterbrochene Blutspur geführt hatte. Sie endete nach vielleicht einem Dutzend Schritten vor einer verschlossenen Tür, die so aussah, als wäre sie seit mindestens einem Menschenalter nicht mehr geöffnet worden. Abberline ging hin, reichte die Lampe an Jones weiter, drückte mit der Linken die Türklinke nach unten und richtete mit der anderen Hand die Waffe direkt auf die Tür, als diese mit dem Knarren von jahrelang nicht mehr geölten Angeln nach innen schwang. Das Einzige, worauf er zielte, war jedoch staubige Dunkelheit.