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Bast verfolgte die Szene aufmerksam, aber ohne allzu große Besorgnis. Sollte irgendjemand - oder irgendetwas - hinter dieser Tür auf Abberline warten, sie hätte es gespürt.

Behutsam schob der Inspektor die Tür zur Gänze auf und bedeutete Jones zugleich, den Lichtstrahl direkt in den dahinter liegenden Raum zu lenken. Was in dem jetzt immer mehr an Kraft verlierenden bleichen Schein zum Vorschein kam, das war ein Raum, der auf den ersten Blick winzig wirkte, in Wahrheit aber das genaue Gegenteil war: Es war ein niedriges, zugleich aber sehr weitläufiges Zimmer, das nur beengt wirkte, weil man es offensichtlich als Gerümpelkammer missbraucht hatte. Schreibtische, Bänke, Stühle und ausrangierte und zum Teil umgestürzte Schränke bildeten zusammen mit Kisten, Kartons, nahezu deckenhoch gestapelten Türmen aus übereinander geschichtetem Papier und Zeitschriften, verschnürten Jutesäcken und Fässern und allem möglichen anderen Krempel ein heilloses Durcheinander, in dem sich ihr Blick im allerersten Moment hoffnungslos verlor. Alles war bedeckt von einer Staubschicht, die an manchen Stellen zu schmierigen Klumpen zusammengebacken war und an schmutzigen grauen Schnee erinnerte, und die Luft, die ihnen entgegenschlug, war so trocken und verbraucht, dass Bast gegen einen plötzlichen Hustenreiz ankämpfen musste. Auch Abberline wedelte demonstrativ mit der Hand vor dem Gesicht, hielt sich dann die Finger der Linken über Mund und Nase und zog eine angewiderte Grimasse, bevor er - unendlich behutsam - durch die offen stehende Tür trat. Jones folgte ihm dichtauf und schwenkte seine Lampe, und der Lichtstrahl glitt tiefer in das stauberfüllte Halbdunkel des Zimmers.

Im nächsten Moment schrie Abberline erschrocken auf und gab rasch hintereinander zwei Schüsse aus seinem Revolver ab.

Bast war mit einem einzigen Satz neben ihm und riss das Schwert in die Höhe. Dann erstarrte sie, und ein Ausdruck, der irgendwo zwischen Verblüffung und unendlicher Erleichterung angesiedelt war, machte sich auf ihrem Gesicht breit.

Nicht, dass sie etwa nicht verstanden hätte, warum Abberline geschossen hatte. Der Raum war so hoffnungslos vollgestopft und überladen, dass das Wort Rumpelkammer noch geschmeichelt war. In seiner entlegensten Ecke jedoch und ganz gewiss nicht durch Zufall so, dass man es beim Eintreten nicht sofort sah, hatte sich jemand zu schaffen gemacht und eine geradezu bizarre Szenerie errichtet - zumindest bizarr für Abberlines und Jones' Augen. Aus umgestürzten und neu arrangierten Möbelstücken war eine Art Altar errichtet worden, wenngleich ganz bestimmt nicht die Art von Altar, wie sie die beiden Scotland-Yard-Beamten gewohnt waren, denn es waren keineswegs christliche oder ihnen irgendwie sonst vertraute Symbole und Reliquien, die darauf standen. Bast erblickte einen liegenden Anubis aus schwarzem Obsidian, reich mit Gold verziert und mit Augen aus dunkelroten Rubinen, eine geflügelte Isisstatue und ein stilisiertes Horusauge, überstrahlt von einer goldenen Sonnenscheibe, die ihrerseits von zwei aufgerichteten Kobras flankiert wurde. Reich verzierte und kunstvoll bemalte Kanopen, Opferschalen und Öllampen komplettierten das bizarre Bild, und bewacht wurde diese sonderbare Anordnung von einem zehn Fuß langen Nildrachen, der die Eindringlinge aus boshaft zusammengekniffenen Augen anzustarren schien. Ein drittes, rauchendes Loch befand sich in seiner Stirn, so präzise zwischen den Augen angeordnet, dass es tatsächlich wie ein drittes, pupillenlos starrendes Auge wirkte, und Abberlines zweite, nicht ganz so präzise gezielte Kugel hatte seine rechte Flanke vom Schädel bis zum Schwanzansatz hinab aufgerissen, bevor sie hinter ihm ins Holz des improvisierten Altars gefahren war. Aus der mehr als mannslangen klaffenden Wunde in den dreieckigen Panzerschuppen der Bestie sickerte jedoch kein Blut. Stattdessen rieselte ein beständiger Strom aus grauem Staub und Schmutz auf den Boden, der vermutlich eben so viele Jahrtausende alt war wie das Ungeheuer selbst.

»Was ... was bedeutet das?«, stammelte Jones. Bast warf ihm einen raschen, besorgten Blick zu. Die Kraft, die sie ihm gegeben hatte, neigte sich offensichtlich schon wieder ihrem Ende zu. Sie würde auf ihn achtgeben müssen. Trotzdem wandte sie sich mit einem flüchtigen Lächeln und einem spöttischen Kopfschütteln an Abberline.

»Herzlichen Glückwunsch, Inspektor«, sagte sie. »Sie haben eine Mumie erschossen.«

»Eine Mumie?«, wiederholte Abberline verständnislos. Bast steckte ihr Schwert ein, nahm Jones die Lampe aus der Hand und richtete den zitternden Strahl direkt auf den Nildrachen. Das Ungeheuer war erstaunlich gut erhalten, wenn man bedachte, wie roh es vermutlich aus seinem ewigen Schlaf gerissen und hierher gebracht worden war, dennoch waren die Beschädigungen und Spuren des Alters unübersehbar. In diesem Geschöpf war seit Jahrtausenden nichts Lebendiges mehr gewesen.

Überdies war es nicht das einzige seiner Art.

Bast ließ Abberline einige Sekunden Zeit, die Krokodilmumie aus ungläubig aufgerissenen Augen zu studieren, bevor sie den Lichtstrahl flüchtig auf zwei weitere, mindestens ebenso große und auf ihre Art trotz allem Furcht einflößend wirkende mumifizierte Ungeheuer lenkte, die den improvisierten Altar flankierten. Abberline sog scharf die Luft durch die Nase ein, sagte aber nichts mehr, und Jones begann ganz sacht zu zittern.

»Keine Sorge«, sagte Bast hastig. »Sie tun uns nichts mehr.«

Zumindest Abberline glaubte ihr, denn schließlich sah er, dass sie es nicht mit lebenden Ungeheuern zu tun hatten, aber er wurde dennoch eher noch blasser, und Jones anzusehen ersparte sie sich vorsichtshalber gleich ganz. Nach dem, was diese beiden Männer gerade mit einem lebendigen Bruder der drei mumifizierten Ungeheuer erlebt hatten, war der Anblick zweifellos schwer für sie zu ertragen, aber das war längst nicht der Grund für Abberlines abgrundtiefen Schrecken und die mühsam unterdrückte Furcht, die sie in seinen Augen las. Es war dieser Ort. Was immer diese Kammer früher einmal gewesen war, jemand hatte sie in etwas Fremdes verwandelt, nicht einfach nur ein heidnisches Heiligtum - sie konnte sich nicht vorstellen, dass Abberline mit so etwas Schwierigkeiten hatte -, sondern ein Stück nicht nur aus einer fremden Welt, sondern einer alten, längst vergessenen und feindseligen Zeit, die etwas in diesen beiden Männern erschüttern musste, von dem sie bisher vielleicht gar nicht gewusst hatten, dass es da war. Jemand hatte ein Stück aus Abberlines und Jones' Wirklichkeit herausgebrochen und durch einen Teil einer anderen, unheiligen Existenz ersetzt, die sie nie kennen gelernt hatten, und gegen die sie vollkommen hilflos waren.

»Was bedeutet das?«, murmelte Abberline mühsam beherrscht. Er hielt die Pistole immer noch umklammert, und Bast registrierte beiläufig, aber nicht unbesorgt, dass der Hahn der Waffe gespannt war und sich seine Finger so fest um den Griff klammerten, dass alle Farbe aus seiner Haut gewichen war. Fast behutsam streckte sie die Hand aus, löste seine Finger vom Abzug und ließ den Hahn vorsichtig zurückschnappen. Abberline bemerkte es nicht einmal.

»Ich nehme an, wir haben ihr Versteck gefunden«, sagte sie. Die Frage, die sie weit mehr beschäftigte, behielt sie vorsichtshalber für sich - nämlich die, wieso sie es gefunden hatten. Etwas in ihr tat sich schwer damit, diesen Fund als einen reinen Zufall zu akzeptieren. So leichtsinnig war Horus nicht. Sobek und er geboten wahrlich über genug Möglichkeiten, ihre Geheimnisse zu schützen.

»Ihr Versteck?«, wiederholte Abberline stirnrunzelnd. »Sie meinen die beiden Männer, die aus Ihrer ...« Er sprach nicht weiter, sondern schrak plötzlich leicht zusammen, starrte die Waffe in seiner Hand eine geschlagene Sekunde lang vollkommen verständnislos an und steckte sie dann hastig ein, bevor er mit wenigen, raschen Schritten gänzlich neben die Drachenmumie trat und sich in die Hocke sinken ließ, um die bizarre Gestalt - mit sichtbarem Widerwillen, aber sehr aufmerksam - zu betrachten. Schließlich streckte er sogar die Hand aus und berührte die halb versteinerten dreieckigen Schuppen des Drachen, das aber so vorsichtig, als hätte er Angst, sich zu verbrennen.