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»Unglaublich«, murmelte er. »Das ist eine ... eine Mumie? Aber wer tut so etwas? Und warum?«

»Sobek«, antwortete Bast. Sie machte eine ausholende Geste. »Wenn Sie in einem fremden Land und einer fremden Kultur wären, Inspektor, würden Sie dann nicht auch versuchen, sich irgendwo ein kleines Stückchen Heimat zu schaffen?«

Das war die falsche Tonlage, das spürte sie sofort. Abberline sah sie nur noch verwirrter an, und plötzlich auch wieder ganz leicht misstrauisch - vielleicht fragte er sich, ob sie versuchte, sich über ihn lustig zu machen.

»Heimat?«

»Nun ja«, bekannte Bast achselzuckend. »Sobek hängt nun einmal an seinen Lieblingstieren. Ein bisschen morbide, das gebe ich zu, aber er ist ziemlich alt.«

Wider besseres Wissen lächelte sie schon wieder spöttisch. »Sie wissen, wie alte Leute sind, Inspektor. Sie werden manchmal komisch.«

Wenn auch in vollkommen anderer Hinsicht als beabsichtigt, so wirkte ihr unpassend spöttischer Ton doch. Abberlines Miene verfinsterte sich noch weiter, und er stand mit einem Ruck auf und drehte sich gänzlich zu ihr herum, um sie beinahe feindselig anzustarren. »Ich finde das alles hier nicht im Geringsten komisch«, sagte er. »Was hat das zu bedeuten? Was ist das hier? So eine Art heidnischer Opferstätte oder der Tempel irgendeiner verrückten Sekte?«

Bast wünschte sich, er hätte das nicht gesagt. Natürlich wusste sie von allen hier am besten, dass an diesem Ort nichts Magisches oder Übernatürliches war, und dennoch hatte selbst sie das Gefühl, dass der Frevel dieser Worte hier nicht ungestraft bleiben würde. »Nein«, sagte sie, nunmehr um einen ruhigen und schon fast übertrieben sachlichen Ton bemüht. »Zumindest nicht in dem Sinne, den Sie vermuten, Inspektor. Sie haben sich einfach ein Versteck gesucht und sich ein wenig ...«, sie ließ den Blick schweifen, fast als suche sie inmitten dieser bizarren Szenerie nach den richtigen Worten, »... gemütlich eingerichtet.«

»Gemütlich?«, vergewisserte sich Abberline. Er schüttelte grimmig den Kopf. »Wer sich hier wohl fühlt, der kann nicht ganz normal sein.«

Dasselbe würden Horus und Sobek wahrscheinlich über Mrs Walshs Kaminzimmer sagen, dachte Bast. Sie schwieg.

»Sie wollen mir aber nicht erzählen, dass all das hier aus ihrer Heimat stammt?«, fuhr Abberline fort. »Diese beiden haben den ganzen Kram aus Ägypten hierhergebracht?«

Bast vermutete eher, dass all diese heiligen und uralten Gegenstände zwar tatsächlich aus Ägypten stammten, in letzter Zeit aber nur eine Reise von wenigen Meilen hinter sich hatten. Sie sagte auch dazu nichts, doch Abberline erwies sich als scharfsinniger, als sie zumindest in diesem Moment angenommen hatte. »Ich verstehe«, sagte er. »Wahrscheinlich haben sie es aus dem Britischen Museum gestohlen.« Er wartete einen Herzschlag lang - auch jetzt wieder vergebens - auf eine Antwort, straffte dann mit einem demonstrativen Ruck die Schultern und deutete zur Tür. »Dieser Spuk hat jetzt ein Ende«, sagte er. »Ich lasse all das hier dorthin zurückbringen, wo es hingehört, und sobald Ihre beiden Freunde wieder hier auftauchen, werden wir sie entsprechend in Empfang nehmen.«

»Diese Männer sind nicht meine Freunde, Inspektor«, antwortete Bast ernst. »Und ich kann Sie nur warnen. Sie wissen nicht, womit Sie es zu tun haben.«

»Dann verraten Sie es mir endlich«, sagte Abberline. Seine Stimme klang plötzlich wieder scharf, fast fordernd, aber zugleich und auf einer tieferen, unterschwelligen Ebene hörte Bast auch einen genau gegenteiligen Ton darin, beinahe etwas wie ein Flehen. Sie wusste nicht, warum, aber sie hatte das Gefühl, dass Abberline geradezu verzweifelt darum bemüht war, ihr nicht nur zu glauben, sondern ihr auch zu vertrauen. Vielleicht hatte es irgendetwas mit dem zu tun, was Maistowe ihm - möglicherweise - über sie erzählt hatte, aber vielleicht spürte er auch einfach, dass sie auf seiner Seite stand.

»Später«, sagte sie. »Sobald wir ...«, sie deutete eine Kopfbewegung zu Jones hin an, »... allein sind.«

»Sie sollten den Bogen nicht überspannen, Miss Bast«, sagte Abberline ernst. »Ich habe schon mehr für Sie getan, als ich dürfte. Mehr, als ich eigentlich will.« Er beließ es dabei, aber sein Blick machte klar, wie ernst er diese Worte meinte.

Bast schenkte ihm ein knappes, aber sehr dankbares Lächeln, wandte sich um und machte einen einzelnen Schritt auf den Ausgang zu - und einer der beiden mumifizierten Nildrachen, die den Altar bewachten, stieß sich mit einer einzigen, unvorstellbar kraftvollen Bewegung ab, stürzte sich auf Konstabler Jones und biss ihm beide Beine dicht unterhalb der Knie ab.

Jones schrie, ein schrilles, kaum noch menschlich klingendes Kreischen, fiel mit wild peitschenden Armen nach hinten und warf den Kopf hin und her. Blutiger Schaum erschien auf seinen Lippen, und er begann wie von Sinnen mit den Beinen zu strampeln und um sich zu schlagen, sodass das Blut aus seinen abgerissenen Arterien wie Wasser aus einem gewaltsam durchtrennten Feuerwehrschlauch spritzte und Bast und Abberline besudelte. Der Drache machte eine zweite, blitzartige Bewegung und begrub den wie von Sinnen um sich schlagenden Konstabler unter sich. Diesmal schlossen sich seine schrecklichen Kiefer um Jones' Kopf und Schultern, und seine grauenhaften Schreie hörten endlich auf.

Das geschah in der ersten Sekunde einer nicht enden wollenden Ewigkeit, in der die Zeit einfach stehen zu bleiben schien und Bast zu nichts anderem fähig war als einfach dazustehen und das unfassbare Bild anzustarren und sich fast hysterisch zu fragen, wieso sie die Nähe der Bestie nicht gespürt hatte.

Erst dann begriff sie, dass sie sie nicht einmal jetzt spürte.

Es war, als wäre das Ungeheuer gar nicht da. Sie konnte es sehen, jede einzelne seiner eisenharten, nass glänzenden Schuppen und die reine Mordgier in seinen Augen, sie nahm seinen scharfen Reptiliengestank wahr und hörte die schrecklichen reißenden Laute, mit denen die stumpfen Zähne große, nasse Fleischfetzen aus Jones' verstümmeltem Leib rissen, sie roch das warme Blut, das noch immer in Strömen aus seinem sterbenden Körper herausfloss und den lähmenden Schrecken, der Abberline neben ihr durchfuhr, aber was sie nicht spürte, das war die Bestie selbst. Wenn da auch nur ein Funke von Leben in ihr war, und sei er noch so primitiv und mörderisch, dann hätte sie ihn spüren müssen.

Aber da war nichts. Es war, als wäre das Ungeheuer gar nicht da.

Und das war es auch nicht.

Doch diese Erkenntnis kam zu spät. Bast fuhr mit einem warnenden Schrei auf den Lippen herum, warf sich auf Abberline und riss ihn von den Füßen, doch so schnell sie auch war, reagierte sie dennoch nicht schnell genug. Abberline hatte seine Waffe hervorgezerrt und schoss aus allernächster Nähe auf den Drachen, und Bast sah aus den Augenwinkeln, wie die Kugel ein sauberes Loch in dessen Hinterkopf stanzte und den gepanzerten Leib durchschlug, als bestünde er aus mürbem Papier, dann prallte sie gegen ihn und riss ihn von den Füßen. Abberlines Revolver flog im hohen Bogen davon und verschwand in der Dunkelheit, und auch die Lampe fiel mit einem lang anhaltenden hellen Klirren zu Boden und rollte davon, wie durch ein Wunder allerdings, ohne zu zerbrechen.

»Sind Sie wahnsinnig geworden?«, keuchte Abberline. »Was soll denn das? Lassen Sie mich los, verdammt noch mal!«

Bast ließ ihn los, allerdings erst, nachdem sie ihn noch einige weitere Sekunden zu Boden gedrückt und sich überzeugt hatte, dass er nicht nach ihr schlagen würde. Wortlos stand sie auf, bückte sich nach der Lampe und schwenkte sie weit genug herum, um Jones und den erschossenen Drachen zu beleuchten.

Oder auch nur Jones.