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Von dem Nildrachen war nichts mehr zu sehen. Jones' Kopf saß vollkommen unversehrt auf seinem Schultern, wo er hingehörte, und auch seine Unterschenkel waren wieder da. Es gab auch nur sehr wenig Blut, das aus einer fast harmlos aussehenden, schwarz umrandeten Wunde ein kleines Stück unter seinem linken Auge sickerte und sich langsam zu einer dampfenden Lache unter seinem Hinterkopf sammelte. Abberline hatte ihm aus einer Entfernung von weniger als drei Fuß ins Gesicht geschossen.

»Aber wie ... wie ist denn das ... möglich?«, stammelte Abberline. »Wo ist das Krokodil? Ich habe es doch ...«

»Sie haben genau das gesehen, was sie uns sehen lassen wollten«, unterbrach ihn Bast bitter. »Es gab nie einen Drachen.«

»Aber das ist doch unmöglich«, wimmerte Abberline. »Ich habe es doch gesehen! Mit ... mit meinen eigenen Augen!« Statt direkt darauf zu antworten, richtete Bast die Lampe wieder auf den improvisierten Altar. Die beiden mumifizierten Nildrachen saßen erstarrt und so leblos wie seit Jahrtausenden an ihrem Platz und starrten sie aus ihren erloschenen Augen an.

»Aber ... aber wie ist das möglich?«, stammelte Abberline. »Ich habe es doch gesehen! Ich ... ich habe Jones doch nicht erschossen!«

»Ich fürchte, das haben Sie doch, Inspektor«, sagte Bast sanft. »Aber es ist nicht Ihre Schuld. Ich habe es auch gesehen.« Und wäre sie nicht vor Schrecken im allerersten Moment einfach wie gelähmt gewesen, dann hätte sie vielleicht ihr Schwert gezogen und den vermeintlichen Drachen erschlagen - und damit Jones selbst getötet. »Sie sind Meister der Täuschung, Inspektor. Sie lassen uns nur das sehen, was wir sehen sollen. Lüge und Illusion sind ihre stärkste Waffe. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass sie auch mich so leicht täuschen können.« Sie hob die Stimme. »Lass es gut sein, Sobek. Ich weiß, dass du da bist.«

Einen halben Atemzug lang - gerade lange genug, um den allerersten Hauch eines Zweifels in ihr aufkeimen zu lassen - geschah gar nichts, aber dann erscholl ein tiefes, kehliges Lachen, und eine vollkommen in Schwarz gehüllte Gestalt trat aus den Schatten am anderen Ende des Raumes.

»Jetzt sollte ich eigentlich verletzt sein, Bastet«, sagte Horus. »Du weißt doch, dass Lüge und Trug mein Metier sind, während Sobek die ehrliche Klinge vorzieht. Ist es nicht so, Bruder?«

Das Rascheln von schwerem Stoff erklang, und in den Schatten jenseits des improvisierten Opferaltars glomm ein winziger gelber Funke auf, der binnen eines Moments zur ruhig brennenden Flamme einer Petroleumlampe wurde, hinter der ein monströs verzerrter Schatten in die Höhe wuchs. Selbst als Sobek das Glas herunterschob und die Flamme so gelassen größer drehte, als gäbe es im Moment weder etwas Wichtigeres auf der Welt, noch hätte er irgendeinen Grund zur Eile, vermochte der gelbe Schein sein Gesicht nicht wirklich zu erhellen. Dennoch spürte Bast seine Schwäche. Jetzt, wo sie Horus und ihn sah, vermochten die beiden ihre Tarnung nicht mehr länger aufrechtzuerhalten. Vielleicht machten sie sich auch einfach nicht mehr die Mühe. So oder so spürte sie, dass Sobeks äußerliche Ruhe nichts als eine mühsam aufrechterhaltene Maske war. Er hatte Schmerzen, und seine Kraft schien kaum noch auszureichen, um sich auf den Beinen zu halten. Abberline musste ihn noch schwerer verwundet haben, als sie bisher angenommen hatte.

»Wer ist das?«, fragte Abberline. »Sind das ...?«

»Warum bist du gekommen?«, fragte Horus, als hätte Abberline gar nichts gesagt. Er kam näher, maß Abberline mit einem beiläufig-verächtlichen Blick und wies dann auf Basts Schwert. »Bitte steck die Waffe ein, Bastet. Ich will nicht mit dir kämpfen.«

»Aber ich vielleicht mit dir«, antwortete Bast. Sie kam sich selbst albern dabei vor. »Warum habt ihr Arthur getötet?«

Horus machte ein fragendes Gesicht.

»Meinen Fahrer.«

»Oh, ja. Es hatte einen Namen, ich vergaß.« Horus machte ein verächtliches Geräusch. »Hast du dich entschieden?«

»Wer, zum Teufel, sind Sie?«, fuhr Abberline ihn an. »Und was ...?«

Horus versetzte ihm einen Schlag mit dem Handrücken. Die Bewegung wirkte beiläufig, fast gelangweilt, aber der Hieb war trotzdem hart genug, Abberline von den Füßen zu reißen und meterweit davonfliegen zu lassen, bevor er inmitten all des Gerümpels und zerbrochener Möbel in einer gewaltigen Staubwolke verschwand. Bast spürte seinen Schmerz und die maßlose Überraschung, mit der ihn dieser Angriff erfüllte, aber sie spürte auch, dass er nicht ernsthaft verletzt war.

Wäre es anders gewesen, hätte sie vermutlich auch nichts für ihn tun können.

»Bitte, lass das, Horus«, sagte sie matt.

»Hast du Angst, dass ich dein Spielzeug kaputtmache?«, erkundigte sich Horus böse.

»Er hat nichts damit zu tun«, antwortete Bast. »Das hier ist eine Sache zwischen dir und mir.«

»Falsch«, sagte Horus mit plötzlicher Schärfe. »Es ist eine Sache zwischen uns und ihnen.«

»Nicht zwischen uns«, erwiderte Bast. »Zwischen euch und ihnen.« Und nicht einmal das wirklich. Warum begriffen Horus und die anderen nicht, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnten? Sie konnten ihn noch nicht einmal wirklich führen.

»Was gibst du mir, wenn ich es leben lasse?«, fragte er spöttisch. »Kommst du dann mit uns und schließt dich uns an?«

»Du tötest ihn doch sowieso«, sagte sie müde. Sie spürte ... nichts. Allenfalls etwas wie eine vage Trauer, dass Abberline nun nicht einmal mehr erfahren würde, warum er eigentlich sterben musste.

Falls es überhaupt so etwas wie einen Grund gab.

»Ja, das ist wohl wahr«, seufzte Horus. Er brachte es tatsächlich fertig, das Bedauern in seiner Stimme echt klingen zu lassen. »Weißt du, ich würde ja gerne ein gutes Wort für dein neues Spielzeug einlegen, aber du kennst Sobek genauso gut wie ich. Dein Freund hat ihm weh getan, und er ist ziemlich - wie soll ich sagen - nachtragend.«

»Hör auf damit«, sagte Bast müde.

»Vielleicht bist du es, die aufhören sollte, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen«, antwortete Horus. Seltsamerweise klang er immer noch nicht zornig, sondern geradezu sanft. Und auch der Blick, mit dem er Bast maß, war allenfalls bedauernd, Nicht etwa hasserfüllt oder auch nur zornig. Sie standen auf unterschiedlichen Seiten, aber sie waren keine Feinde. »Du hast mit Isis gesprochen, nicht wahr? Sie wird dich nicht begleiten, nehme ich an.«

Irgendetwas stürzte polternd um und ließ eine trockene Staubwolke aufwirbeln, als Abberline sich umständlich in die Höhe zu stemmen versuchte. Er wirkte benommen, und aus seiner Nase und seiner aufgeplatzten Unterlippe sickerte Blut. Sobek sah kurz von seiner Petroleumlampe auf, deren simple Mechanik ihn über die Maßen zu faszinieren schien, musterte ihn stirnrunzelnd und konzentrierte sich dann wieder ganz auf sein vollkommen sinnloses Tun.

»Und was erwartest du jetzt von mir?«, fragte sie bitter. »Dass ich mich euch anschließe? Wozu? Für das hier? Wollt ihr den Rest eures Lebens damit zubringen, durch die Kloaken zu schleichen und Museen zu beklauen?«

Horus nahm die Spitze kommentarlos hin, was sie ärgerte. »Diese Welt wird untergehen, Bastet, so wie alle anderen vor ihr. Willst du wirklich mit ihr untergehen?«

»Rom ist auch untergegangen ...«, begann Bast.

»Und wenn ich mich nicht täusche, hattest du einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran.«

»... und das Reich der Pharaonen ist trotzdem nicht wiederauferstanden«, fuhr Bast ungerührt fort. »Aber viele von uns haben dabei den Tod gefunden. Ich werde nicht danebenstehen und tatenlos zusehen, wie du uns alle mit dir in den Abgrund reißt.«

»Dann werden wir dich zwingen, uns zu begleiten«, sagte Horus bedauernd. »Bitte steck das Schwert ein.«

Abberline machte einen unsicheren, taumelnden Schritt, fiel schwer auf die Knie und fing seinen Sturz im letzten Moment mit den Händen ab, schien aber Mühe zu haben, wieder auf die Füße zu kommen. Sobek sah abermals von seinem leuchtenden Spielzeug auf, runzelte die Stirn und stellte die Petroleumlampe neben sich auf den Altar. Nachdenklich sah er auf Abberline hinab, schlug seinen Mantel zurück und legte die Hand auf den reich verzierten Schwertgriff in seinem Gürtel. Bast wusste, was nun folgen würde und schätzte blitzartig ihre Chancen ab, es mit Horus und Sobek zugleich aufzunehmen, verwarf den Gedanken aber auch fast augenblicklich wieder. Horus war kein wirklicher Gegner für sie, und seine närrische Weigerung, das Blut eines der Ihren zu vergießen, machte es ihr nur noch leichter, aber bei Sobek sah die Sache schon anders aus. Er war ihr mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen, selbst in seinem momentanen Zustand, und er hatte noch niemals Hemmungen gehabt, irgendjemandes Blut zu vergießen. Sie konnte nur hoffen, dass Abberline schnell sterben würde, aber sie wusste zugleich auch, dass dieser Wunsch wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehen würde. Sobek war ein sehr grausamer Mann.