Ein scharfes Klicken erscholl, und Abberline richtete sich mit einer unerwartet schnellen und fließenden Bewegung auf und zielte mit dem Revolver, den er aufgehoben hatte auf Sobek. Von Schwäche und Benommenheit war keine Spur mehr zu sehen. Jeden anderen Mann hätte er damit zweifellos einfach überrumpelt.
Sobek ...
... verschwand.
Er bewegte sich so schnell, dass er selbst vor Basts Augen zu einem flackernden Schatten zu werden schien, der in einem Moment neben dem Altar stand und im nächsten einfach nicht mehr da war.
Abberline schoss, aber die orangerote Mündungsflamme seines Revolvers stach ins Leere. Die goldene Isisstatue auf dem Altar zersprang in Stücke, und Sobek, der im Bruchteil eines Atemzuges hinter ihm aufgetaucht war, packte ihn mit beiden Händen, hob ihn hoch über den Kopf und schleuderte ihn quer durch den Raum gegen den Altar. Abberline prallte mit dem Geräusch brechender Knochen gegen die improvisierte Gebetsstätte, die unter seinem Anprall bedrohlich zu wanken begann. Goldene Teller und Schmuckstücke aus geschnitztem Halbedelstein und Alabaster spritzten in alle Richtungen davon oder zerbrachen klirrend auf dem Boden, und die Petroleumlampe neigte sich bedrohlich zur Seite und drohte ebenfalls umzukippen, hätte Abberline, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Kante des wankenden Möbelstücks festhielt, nicht mit der anderen Hand danach gegriffen und sie festgehalten; allerdings nicht aus übertriebenem Ordnungssinn oder irgendeinem anderen absurden Grund heraus.
Er schleuderte die Lampe auf Sobek.
Der schwarze Riese reagierte so schnell, wie Bast erwartet hatte. Wie ein fließender Schatten huschte er zur Seite, um dem heimtückischen Wurfgeschoss zu entgehen. Aber trotzdem war er nicht schnell genug - oder vielleicht gerade zu schnell.
Zu seinem Pech war Abberline nicht in einer Position, aus der heraus er besonders gut hätte zielen können. Wäre Sobek einfach stehen geblieben, hätte ihn die Lampe um mindestens fünf Fuß verfehlt. So prallte sie gegen seine Hüfte und zerbarst in einer klirrenden Explosion aus Glassplittern und spritzendem Petroleum, das seine Kleider tränkte und nur den Bruchteil eines Atemzuges später mit einem dumpfen Whump Feuer fing.
Sobek brüllte. Seine Gestalt verwandelte sich von einem Sekundenbruchteil zum anderen in eine lodernde, zuckende Flammensäule, die mit wild um sich peitschenden Armen zurücktaumelte und brennende Petroleumspritzer in alle Richtungen schleuderte.
Abberline machte einen sonderbar humpelnden, aber sehr schnellen Hechtsprung nach seiner fallen gelassenen Waffe, bekam sie zu fassen und gab rasch hintereinander zwei Schüsse auf Sobek ab. Der erste verfehlte ihn und ließ einen Kistenstapel auf der anderen Seite des Raumes in einer lautlosen Explosion aus Holzsplittern und Staub auseinanderfliegen, die zweite Kugel traf dafür umso präziser und schleuderte ihn zurück und gegen ein fast mannshohes Bündel aus uralten Papieren, die mit einem einzigen krachenden Schlag Feuer fingen.
Horus stieß ein wütendes Zischen aus und wirbelte auf dem Absatz herum, um sich auf Abberline zu stürzen, und Bast war mit einem einzigen blitzartigen Schritt hinter ihm und trat ihm so wuchtig in die Kniekehle, dass er mit einem schmerzerfüllten Grunzen auf die Knie fiel und um ein Haar vollends gestürzt wäre. Bast half der Entwicklung ein wenig nach, indem sie ihm die flache Seite ihrer Klinge in den Nacken schmetterte, was ihn endgültig nach vorne und mit weit ausgestreckten Armen aufs Gesicht schleuderte, sprang mit einem einzigen Satz über ihn hinweg und war mit einem zweiten neben Abberline, der noch immer vergebens darum kämpfte, sein Gleichgewicht wiederzufinden und irgendwie auf die Füße zu kommen.
»Raus hier!«, brüllte sie. »Schnell!«
Ihre Worte gingen nahezu im Prasseln der Flammen unter, die mit fast explosionsartiger Schnelligkeit um sich griffen. Hitze und unerträglich grelles, flackerndes Licht schlugen ihr entgegen und versengten ihr Gesicht und ihre Augenbrauen, als sie sich schützend über Abberline warf und ihn zugleich mit der anderen Hand auf die Füße riss. Sobek brüllte noch immer, ein schrilles Kreischen wie von einem entfesselten Dämon, der direkt aus den tiefsten Tiefen der Hölle emporgestiegen war, und während sie herumwirbelte und Abberline einfach mit sich zerrte, nahm sie etwas Riesiges, Loderndes wahr, das aus dem tobenden Inferno herausbrach und sich mit weit ausgebreiteten, brennenden Armen auf sie zu stürzen versuchte; eine riesige, brennende Fledermaus, die gekommen war, um die Welt zu versengen.
Bast schleuderte Sobek mit einem Fußtritt in die Flammen zurück, packte Abberline bei den Schultern und hüllte ihn in ihren Mantel, um ihn wenigstens vor der grausamsten Hitze zu schützen, während sie halb blind in Richtung Ausgang stolperte. Die Luft schien kaum noch Sauerstoff zu enthalten, und die Flammen griffen schneller um sich, als sie vor ihnen davonlaufen konnten. Ihre Augenwimpern und Brauen waren längst verschwunden, und Bast spurte, wie die Haut auf ihrem ungeschützten Gesicht und ihren Händen Blasen zu schlagen begann. Sie hütete sich, zu atmen, weil die weiß glühende Luft ihr sonst vermutlich Kehle und Lungen verbrannt hätte, und ihre überempfindlichen Augen drohten sich plötzlich als tödliches Handikap zu erweisen, denn sie war praktisch blind. Alles, was sie sah, war gleißendes Licht und zuckende Schatten, die alles Mögliche oder auch gar nichts bedeuten konnten.
Wahrscheinlich war es nichts als pures Glück, das sie rettete. Plötzlich war ein Stück Dunkelheit vor ihr, ein zerfließendes Rechteck aus Schwärze inmitten des Chaos aus gleißendem Licht, in dem sich die Welt aufzulösen begann. Halb blind vor Schmerzen und Panik stolperte sie darauf zu und hindurch und hätte fast laut aufgeschrien, als kalte Luft wie eine eisige Hand in ihr Gesicht klatschte. Dunkelheit umfing sie, und für einen Moment war sie nun vollends blind und konnte sich nur noch an den verwirrenden Echos ihrer eigenen, keuchenden Atemzüge orientieren. Trotzdem stolperte sie noch ein halbes Dutzend Schritte weiter, bevor sie Abberline losließ und verzweifelt nach Luft japsend auf die Knie sank.
Sie hörte, wie Abberline noch ein gutes Stück weitertaumelte und dann ebenfalls auf Hände und Knie fiel, wo er würgend und keuchend nach Luft rang, aber sie hatte im ersten Moment nicht einmal die Kraft, nach ihm zu sehen. Ganz plötzlich war die Angst da, und sie begann am ganzen Leib zu zittern.
Feuer.
Zu den wenigen Dingen, die selbst sie töten konnten, gehörte Feuer, ihr allerältester und vielleicht gnadenlosester Gegner, dem schon so viele ihrer Art zum Opfer gefallen waren. Sie fürchtete es wie nichts anderes auf der Welt, und für einen Moment überwältigte sie diese Furcht einfach. Sie krümmte sich, wimmernd wie ein kleines Kind, das sich in der Nacht verirrt hatte und nach seinen Eltern schrie, und versuchte vergeblich, die Furcht zurückzudrängen, die in schwarzen, teerigen Wellen über ihre Gedanken schwappte und sie endgültig zu verschlingen drohte.