Eine Hand berührte sie an der Schulter und rüttelte sanft, aber so hartnäckig daran, bis sie aufsah und verständnislos in Abberlines Gesicht blinzelte. Der lodernde Feuerschein, der aus der offen stehenden Tür hinter ihr fiel, tauchte es in unheimliches Rot - vielleicht war es auch verbrannt; seine Augenbrauen und Wimpern fehlten jedenfalls ebenso wie die ihren, und sein Haar war angesengt -, und in seinem Blick erkannte sie ebenfalls nur noch mit letzter Kraft unterdrückte Panik.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
Angesichts dessen, was gerade passiert war, kam ihr diese Frage so absurd vor, dass sie laut auflachen musste; auch wenn das Geräusch, das über ihre Lippen kam, eher an ein halb ersticktes Krächzen erinnerte. Aber es brach den Bann. Sie hatte immer noch Angst, sie schmeckte ihr eigenes Blut, ihr ganzer Körper schien nach wie vor in Flammen zu stehen, und ihr Herz jagte, als versuche es den Käfig ihrer Rippen von innen heraus zu zersprengen, aber sie gewann die Kontrolle nun dennoch zurück. Statt auf seine Frage direkt zu antworten, griff sie nun ihrerseits nach seiner Schulter, um sich in die Höhe zu stemmen - Abberline ächzte unter ihrem Gewicht und hatte alle Mühe, nicht seinerseits auf die Knie zu fallen - und sich mühsam herumzudrehen.
Sie wünschte sich fast, es nicht getan zu haben, denn sie blickte direkt in ein Inferno. Selbst hier draußen, ein halbes Dutzend Schritte von der Tür entfernt, war die Hitze mittlerweile fast unerträglich. Licht, das ihr so grell und gnadenlos vorkam wie flüssiges Feuer, marterte ihre Augen und ließ sie die Dinge nur noch verschwommen erkennen, sodass sie nicht einmal sicher war, was sie wirklich sah und was ihr ihre Furcht vorspiegelte.
Und eigentlich wollte sie es auch gar nicht wirklich wissen, denn sie blickte direkt in die Hölle.
In den wenigen Augenblicken, die seit ihrer verzweifelten Flucht vergangen waren, hatte sich das Feuer nahezu über den gesamten Raum ausgebreitet, und sie konnte sehen, wie ein Bereich nach dem anderen rasend schnell Feuer fing, eher eine Folge rasend schneller Explosionen als ein pures Übergreifen der Flammen, die in der zundertrockenen Ansammlung uralter Möbel und trockener Papierstapel alle Nahrung fanden, die sie nur brauchten. Schatten vollführten einen bizarren spasmischen Tanz inmitten des tobenden Chaos, und sie glaubte einen Schrei zu hören, ein vollkommen unmenschliches, gequältes Kreischen und Wimmern, das sich wie eine glühende Messerklinge in ihr Herz grub. Irgendwo inmitten dieses Infernos glaubte sie Sobek auszumachen, eine riesige, zur Gänze in brüllende Flammen gehüllte Gestalt, die in schierer Agonie umhertaumelte und offensichtlich die Orientierung verloren hatte, aber auch einen zweiten, dunkleren Schemen, der gegen das Inferno gebeugt wie gegen einen unsichtbaren Sturm mit gewaltigen Schwingen ankämpfte - und dann war er verschwunden, und sie sah ihn nicht mehr.
Mit einem Funken sprühenden dumpfen Knall, der sogar das Brüllen der Flammen übertönte, explodierte einer der mumifizierten Nildrachen. Die Druckwelle zertrümmerte den brennenden Altar und fegte Sobek von den Beinen, und plötzlich züngelten Flammen aus der Tür und schwärzten den Rahmen und das staubige Mauerwerk darüber. Der Raum begann sich in einen Hochofen zu verwandeln, in dem sogar Metall schmelzen musste.
Alles, was Bast in diesem Moment spürte, war pures, abgrundtiefes Grauen.
Sie hatte Sobek unzählige Male den Tod gewünscht - und Horus beinahe ebenso oft, auch wenn sie es sich nicht eingestanden hatte -, und er hätte sie zweifellos seinerseits ohne das geringste Zögern getötet - aber dieses Ende war grauenhaft; mehr, als sie selbst ihrem schlimmsten Feind gewünscht hätte. Sie konnte einfach nur dastehen und die grauenhafte Szenerie anstarren und spürte nicht einmal die Hitze, die ihr Gesicht abermals versengte.
Und schließlich war es auch jetzt wieder Abberline, der seine Erstarrung vor ihr überwand, an ihr vorbeistürmte und die Tür mit einer beherzten Bewegung ins Schloss warf.
Das Holz war so heiß, dass er mit einem Schmerzensschrei zurückprallte, und es wurde auch nicht dunkel. Gleißendes Licht tröpfelte wie leuchtende Säure durch die Ritzen der uralten Tür und füllte den Raum mit tanzenden Schatten und roten Gespenstern aus purer Furcht, und das Holz begann schon nach Augenblicken zu schwelen. Vor Basts ungläubig aufgerissenen Augen begannen die ersten, winzigen Flammen aus dem Holz zu züngeln, und neuer, rußig-schwarzer Qualm stieg auf und fraß sich beißend in ihre Lungen.
»Raus hier!«, keuchte Abberline. »Schnell, bevor hier alles in Flammen aufgeht!« Als Bast nicht sofort reagierte, ergriff er sie einfach am Arm und zerrte sie grob mit sich; nur wenige Schritte weit, bis sie endlich in die Wirklichkeit zurückfand und sich losriss.
Nebeneinander stürmten sie durch die Halle und auf den Ausgang zu.
Kurz, bevor sie ihn erreichten, explodierte die Tür wie unter dem Faustschlag eines zornigen Gottes. Weiß glühende Flammen und schwelendes Holz eruptierten wie aus dem Schlund eines Vulkans, der nach Jahrtausenden und ohne die geringste Vorwarnung aus seinem vermeintlichen Schlummer erwachte, und den Bruchteil eines Atemzuges, bevor Abberline sie vollends durch die Tür zerrte, hatte sie eine durch und durch grässliche Vision: Sie glaubte eine lichterloh brennende Gestalt zu sehen, die aus den Flammen heraustorkelte und brüllend auf die Knie fiel, aber ihre Zeit reichte nicht für einen zweiten Blick. Abberline zog sie rücksichtslos weiter und hätte sie womöglich die gesamte Treppe hinaufgezerrt, wäre er nicht schon über die zweite Stufe gestolpert und der Länge nach und so heftig hingeschlagen, dass er einen Moment lang benommen liegen blieb.
Bast riss sich los, half ihm rasch in die Höhe und schleppte ihn ein halbes Dutzend Stufen weiter, bevor sie es auch nur wagte, stehen zu bleiben und zurückzublicken. Auch der Treppenschacht war nicht mehr dunkel. Flackerndes rotes und gelbes Licht fiel durch das offen stehende Tor herein und ließ eine lautlose Armee irrlichternder Scharren die Stufen emporhuschen. Beißender Rauch wehte zu ihnen herein. Es stank nach brennendem Holz und heißem Stein, und Bast begann die Hitze nun auch hier draußen zu spüren. Ganz gleich, mit wie viel trockenem Holz und uraltem Papier die improvisierte Altarkammer auch gefüllt gewesen sein mochte, dort unten musste noch weit mehr brennen, um eine derart ungeheure Hitze zu entfachen.
Vielleicht, dachte sie schaudernd, würde das Feuer auf die gesamte Stadt übergreifen und Horus' Prophezeiung auf diese Weise schneller erfüllen, als selbst er geahnt hatte.
Und wenn sie noch lange hier herumstanden, flüsterte eine lautlose Stimme in ihren Gedanken, dann würden sie auf diesem unterirdischen Scheiterhaufen gleich mit verbrennen.
Rauch und flackerndes Licht waren nicht alles. Auch an der offen stehenden Tür unter ihnen nagten bereits die ersten Flammen, und die Hitze nahm mit jedem Atemzug weiter zu. Wenn sich das Feuer bis zur Treppe durchfraß, dann würde sich der gesamte Schacht in einen überdimensionalen Kamin verwandeln, in dem sie innerhalb eines einzigen Lidschlags einfach verglühten.
Sie hetzten weiter. Bast korrigierte ihre eigene Schätzung, was die Länge dieser unmöglichen Treppe anging, noch bevor sie sie auch nur zur Hälfte überwunden hatten: Sie hatte nicht hundert, sondern mindestens doppelt so viele Stufen, und Abberlines Vertrauen in die Baukunst britischer Ingenieure schien im gleichen Maße ins Wanken zu geraten, in dem sie sich der geschlossenen Gittertür am oberen Ende des Schachtes näherten. Die jahrzehntealte Konstruktion ächzte und stöhnte immer lauter unter ihren Schritten, und Bast bildete sich zumindest ein, die gesamte Treppe unter ihrem Gewicht erzittern zu fühlen.
Vielleicht war es auch nicht nur Einbildung.
Abberline erreichte die Tür einen halben Atemzug vor ihr und begann ebenso verzweifelt wie sinnlos an der Kette zu zerren, mit der das rostige Scherengitter verschlossen war. Bast ließ ihn einen Moment gewähren, den sie nutzte, um das Gesicht gegen das Gitter zu pressen und die kühle Nachtluft auf der anderen Seite gierig in die Lungen zu saugen. Die Treppe setzte sich dort noch ein gutes Stück fort und verschmolz dahinter mit dem Nachthimmel.