»Verdammt!« Abberline riss noch einmal wütend an der Kette, trat einen halben Schritt zurück und zerrte seinen Revolver hervor.
Ein dumpfer Schlag wehte aus der Tiefe herauf, und diesmal bildete sich Bast das bedrohliche Zittern der altersschwachen Stufen unter ihren Füßen eindeutig nicht ein.
Abberline kämpfte übertrieben gestikulierend um sein Gleichgewicht und zielte nunmehr mit beiden Händen auf das Vorhängeschloss, und Bast gebot ihm mit einer beinahe erschrockenen Geste Einhalt, zog das Schwert aus dem Gürtel und ließ die Klinge wuchtig auf die Kette niedersausen. Funken stoben, und das Schwert prallte mit solcher Gewalt von der Kette zurück, dass es ihr um ein Haar aus den Händen gerissen worden wäre und ein betäubender Schmerz bis in ihre Schultergelenke hinaufschoss. Die Kette klirrte und wand sich wie eine wütende Schlange unter einem Fußtritt, aber sie hielt. Der einzige Schaden, den ihre Attacke hinterlassen hatte, war ein kaum fingernagelbreiter Kratzer; und eine deutlich größere Scharte in ihrem Schwert.
Neben ihr sog Abberline plötzlich so erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein, dass sie instinktiv innehielt und nach unten sah - um mit einem Anblick belohnt zu werden, der sie im allerersten Moment schier an ihrem Verstand zweifeln ließ.
Das hölzerne Tor unter ihnen stand lichterloh in Flammen, und eine brodelnde Wolke aus schwarzem, von roten und gelben Feuerzungen durchzucktem Qualm hatte sich am unteren Ende der Treppe ausgebreitet und bereits die ersten zwei oder drei Stufen verschlungen. Bisher hatte sie die Hitze nicht einmal wirklich gespürt, aber als hätte es nur dieses Anblickes bedurft, schien plötzlich eine unsichtbare glühende Hand über ihr Gesicht zu streichen. Sie konnte die Hitzewelle sehen, die unsichtbar und rasend schnell die Treppe heraufwaberte, und der Sauerstoffgehalt der Luft nahm so rapide ab, dass sie vermutlich ersticken würden, bevor die Hitze sie erreichte und tötete.
Diesmal schwang sie das Schwert mit der absoluten Kraft, die ihr die schiere Todesangst verlieh. Die zweitausend Jahre alte Klinge traf Funken sprühend auf rostiges Eisen und zerbrach, aber die Kette sprang auch mit einem hellen Klirren in Stücke und fiel zu Boden, und Abberline packte das Scherengitter und drückte es mit einer verzweifelten Anstrengung auseinander. Hinter ihnen sprangen weiß glühende Flammen die Treppe herauf, prasselnd und entsetzlich schnell, und als wäre all das noch immer nicht genug, tauchte unter der Tür plötzlich eine brennende Gestalt auf, als wäre der Teufel persönlich aus der Hölle herausgetreten, um sie zu holen.
Abberline ließ das Gitter los, fuhr herum und zielte mit seinem Revolver auf den lodernden Schemen, und Bast schlug ihm die Waffe aus der Hand, sprengte das Scherengitter mit einer einzigen, wütenden Bewegung auf und zerrte ihn einfach mit sich. Abberline schrie irgendetwas, das im Brüllen der Flammen und dem Tosen des Luftstromes einfach unterging, und Bast musste sich nicht herumdrehen, um zu wissen, dass sie es nicht schaffen würden.
Kurz entschlossen packte sie Abberline, warf ihn sich über die Schulter und jagte die Stufen hinauf, so schnell sie nur konnte.
Die Hölle folgte ihnen. Bast überwand das letzte halbe Dutzend Stufen mit einem einzigen, verzweifelten Satz, und etwas, das heißer war als das glühende Herz der Sonne traf ihren Rücken und schleuderte sie zu Boden. Abberline flog davon wie eine Gliederpuppe mit zerrissenen Fäden, und hinter ihr schoss eine brüllende Stichflamme aus dem Treppenschacht, schlug wie eine weiß glühende Kralle nach dem Himmel und erlosch wieder. Eine Welle unerträglicher Hitze strich über sie hinweg und brannte auch noch das letzte bisschen Luft aus ihren Lungen, und sie hörte ein gewaltiges Scheppern und Klirren, als die Fensterscheiben der umliegenden Häuser alle im gleichen Sekundenbruchteil zerplatzten.
Dann senkte sich Stille über sie, so jäh und absolut, dass es fast weh tat. Alles wurde dunkel.
Aber wenn das der Tod war, dann ließ er auf sich warten.
Bast blieb sekundenlang mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem liegen, presste das Gesicht gegen den herrlich kühlen Boden und wartete darauf, dass irgendetwas geschah.
Ihr wurde die Luft knapp, das war alles, und nach einigen weiteren Augenblicken resignierte sie und öffnete die Augen.
Viel hatte sich nicht verändert. Sie war vielleicht nicht tot, aber der Anblick, der sich ihr bot, hatte durchaus etwas vom Vorhof der Hölle. Der Treppenschacht hinter ihr brannte immer noch; keine alles verzehrende Stichflamme mehr, sondern prasselnde gelbe und rote Flammen, die die hölzernen Stufen und das Geländer verzehrten, aber kaum weniger Hitze verströmten. Auch vom Himmel regneten Funken. Sie befand sich auf einem kleinen, von Bäumen umstandenen Platz, und die Stichflamme hatte die Äste der nächstgelegenen Bäume in Brand gesetzt, die nun mit einem nassen Zischen verbrannten. Irgendwo außerhalb ihres Sichtfeldes war ein Poltern und Krachen zu hören, das einfach nicht aufhören wollte, und sie vernahm Schreie und das hastige Trappeln näher kommender Schritte. Der Boden, auf dem sie lag, zitterte leicht.
Wo war Abberline?
Mühsam stemmte sich Bast auf Hände und Knie, verzog das Gesicht, als ein scharfer Schmerz durch ihren Schädel schoss und hielt aus tränenden Augen nach dem Inspektor Ausschau.
Abberline entdeckte sie nicht, aber für den Bruchteil eines Lidschlages glaubte sie einen Schatten wahrzunehmen, der aus dem brennenden Treppenschacht huschte und mit der Nacht verschmolz.
Bast setzte sich auf und presste schmerzhaft die Lippen zusammen. Das Wühlen und Reißen in ihrem Schädel ließ nicht nach, sondern wurde im Gegenteil immer schlimmer. Sie hatte das Gefühl, bei lebendigem Leib skalpiert zu werden. Mit zusammengebissenen Zähnen griff sie nach oben und spürte, wie ihr Turban zu harten Ascheflocken zerbröckelte, als sie ihn berührte. An ihren Fingerspitzen klebte schmierig verklumptes Blut, als sie die Hand zurückzog.
Nun gut, wenigstens war sie so der Sorge ledig, sich morgen früh wieder den Kopf rasieren zu müssen.
Bast verzog die Lippen ob dieses kindischen Gedankens, wischte die Hand an ihrem Mantel ab und stand unsicher auf »Ich weiß nicht, was Sie so amüsant finden, Bast - aber was immer es ist, der Augenblick ist nicht besonders glücklich gewählt. Kommen Sie.«
Abberline, der aussah, als käme er gerade aus dem Kessel einer Dampflokomotive, die versucht hatte, den Stundenweltrekord zu brechen, packte sie grob am Arm und zerrte sie mit sich. Im allerersten Moment versuchte Bast ganz instinktiv, sich zu wehren, aber Abberline entwickelte eine erstaunliche Kraft, und bevor sie wirklich grob werden konnte, gewann ihre Vernunft die Oberhand. Widerstandslos ließ sie sich von ihm weg- und zwischen den Bäumen hindurch zum Rand des Platzes zerren. Menschen kamen ihnen entgegen, die meisten aufgelöst und mit erschrockenen Gesichtern, und irgendetwas schrillte misstönend. Bast war trotz allem noch geistesgegenwärtig genug, dafür zu sorgen, dass niemand von Abberline oder ihr Notiz nahm, aber was sie nicht verhindern konnte, war, dass er sich vermutlich darüber wundern würde.
Noch ein Problem, um das sie sich später kümmern würde.
Abberline schleifte sie so grob hinter sich her wie ein zorniger Sonntagsschullehrer einen seiner Schüler, den er bei einem ganz besonders üblen Streich ertappt hatte - was einigermaßen lächerlich war, da sie anderthalb Köpfe größer war als er -, stieß sie fast grob über die Straße und bugsierte sie kaum weniger unsanft in einen dunklen Torbogen. Er tat es nicht wirklich, aber Bast spürte, dass er sie am liebsten grob gegen die Wand gestoßen und angebrüllt hätte.