»Also gut«, presste er mühsam beherrscht hervor. »Ich will jetzt wissen, was, zum Teufel, hier los ist!«
»Ich kenne mich mit Ihrem Teufel nicht besonders gut aus«, antwortete sie ernst, »aber ich vermute, Sie kommen der Wahrheit damit ziemlich nahe.«
Abberline starrte sie an. Er versuchte zu lachen, aber er brachte nicht einmal den Versuch glaubhaft fertig. Bast konnte ihm ansehen, wie seine Gedanken rasten.
»Das wäre jetzt der Moment, in dem Sie mich verhaften sollten, Inspektor«, sagte sie ruhig. Oder es wenigstens versuchen.
Abberline starrte sie einfach nur weiter an. Er schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben. »Warum haben Sie das getan?«, fragte er leise.
Jetzt war es Bast, die ihn nicht verstand. »Was?«
»Ich frage mich nur, auf welcher Seite Sie wirklich stehen«, antwortete Abberline. »Ich hätte den Kerl erwischen können, wenn Sie mir nicht die Waffe aus der Hand geschlagen hätten. Warum haben Sie das getan?«
Bast dachte einige Sekunden lang ernsthaft über diese Frage nach, bevor sie sie - ehrlich - beantwortete: »Ich weiß es nicht.«
Abberline sah ganz so aus, als hätte er genau diese Antwort erwartet; aber auch ein bisschen enttäuscht. Er überlegte angestrengt; zehn Sekunden, zwanzig, schließlich eine halbe Minute.
»Also gut«, sagte er dann. »Gehen Sie. Aber ich verlasse mich darauf, dass Sie in der Pension auf mich warten. Habe ich Ihr Wort?«
Bast starrte ihn jenseits allen Verständnisses an. »Wie?«
»In ein paar Minuten ist hier die Hölle los«, sagte Abberline.
»Also verschwinden Sie, solange ich Sie noch gehen lassen kann, ohne zu viele Fragen beantworten zu müssen.«
SECHSTES Kapitel
Es war nach zehn, als sie in die Pension Westminster zurückkehrte, deutlich später, als sie ursprünglich geplant hatte, aber unendlich viel früher, als ihr Gefühl ihr weismachen wollte. Alles in allem hatte ihre unfreiwillige Odyssee durch den Londoner Untergrund kaum länger als zwei Stunden gedauert, auch wenn es ihr wie ein Mehrfaches dieser Zeit vorgekommen war, aber sie hatte fast eine Stunde gebraucht, um einen Wagen zu finden, dessen Fahrer bereit gewesen war, sie in ihrem desolaten Zustand einsteigen zu lassen.
Auf den Gedanken, einfach die erstbeste Droschke anzuhalten und den Fahrer zu zwingen, sie mitzunehmen, war sie gar nicht gekommen, durcheinander und bis ins Mark erschüttert, wie sie war. Vielleicht hatte sich etwas in ihr auch einfach gegen die bloße Vorstellung gesträubt, nach dem, was mit Arthur passiert war. Sie hatte - nachdem es ihr endlich gelungen war, einen Mietkutscher zu finden, dessen bisheriger Tag schlecht genug gewesen war, um selbst einen unheimlichen Fahrgast aufzunehmen, der aussah wie der sprichwörtliche Schwarze Mann, verkohlte Kleider trug und roch, als hätte er ausgiebig in einer siedenden Kloake gebadet - dem Fahrer sogar Anweisung gegeben, es ruhig langsam angehen zu lassen. Mrs Walsh würde vermutlich schon auf sie warten und sich möglicherweise Sorgen machen - sollte Maistowe inzwischen zurück sein, sogar ganz bestimmt -, und so absurd es ihr auch selbst vorkam, machte ihr bei dieser Vorstellung ihr schlechtes Gewissen zu schaffen. Aber sie brauchte einfach ein wenig Zeit für sich, um zur Ruhe zu kommen und über das eine oder andere nachzudenken.
Nicht, dass es tatsächlich noch etwas zu überlegen gegeben hätte. Sie musste hier weg - aus dieser Stadt, diesem Land und diesem ganzen Teil der Welt, und das so schnell, wie es nur ging. Horus hatte recht gehabt: Sie hätte gar nicht erst hierherkommen sollen. Indem sie es trotzdem getan hatte, hatte sie nicht nur nichts erreicht, sondern nur unermesslichen Schaden angerichtet. Einen kurzen Moment lang hatte sie sogar ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, dem Fahrer Anweisung zu geben, sie statt in Mrs Walshs Pension zum Hafen oder dem nächsten Bahnhof zu bringen und London noch in dieser Stunde zu verlassen - aber natürlich war das eine kindische Idee, die sie fast augenblicklich wieder verworfen hatte. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich nicht nur ihr Gepäck mit ihren Kleidern, ihrer gesamten Barschaft und einigen anderen, wirklich unersetzlichen Dingen in ihrem Zimmer befand, gab es noch ein paar andere - größtenteils selbst gemachte - Probleme, die sie lösen musste, bevor sie wieder dorthin zurückkehren konnte, wohin sie gehörte. Da waren nicht nur Jacobs Erinnerungen, die dringend einer gewissen Korrektur bedurften, sondern auch Cindy und vor allem Abberline, aus dessen Verhalten sie immer noch nicht wirklich schlau wurde.
Bast hatte fest damit gerechnet, dass der Inspektor sie auf der Stelle verhaften und zurück zum Yard schleifen - oder es wenigstens versuchen - würde, und sie verstand bis zu diesem Moment nicht wirklich, warum er es nicht getan hatte. Vielleicht ahnte er ja, was sie vorhatte, und dies war seine Art, sie gehen zu lassen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Bast sollte es recht sein. Sie brauchte ein Bad, frische Kleider und ein Schiff, das sie so weit von hier wegbrachte, wie es nur ging.
Sobald gewisse Dinge erledigt waren.
Sie bezahlte den Fahrer nebst einem Trinkgeld, das ausreichte, damit er sich auch in einer Woche noch ganz bestimmt an sie erinnerte, schüttelte den Kopf über ihre eigene Gedankenlosigkeit und machte diesen Fehler wieder wett, indem sie seine Erinnerungen an die zurückliegende Stunde auslöschte, bevor sie aus der Kutsche stieg. Sollte er sich doch am nächsten Morgen wundern, woher der Gestank in seinem Wagen kam ... und über die fünf Pfund in seiner Geldbörse.
Mrs Walsh öffnete ihr die Tür, noch bevor Bast die Hand nach der Klinke ausstrecken konnte. Vermutlich hatte sie die Droschke gehört und war ans Fenster getreten, um nachzusehen, und der Ausdruck auf ihrem normalerweise so gütigen Gesicht verhieß nichts Gutes. Sie fuhr Bast an, noch bevor sie auch nur den Mund auftun konnte. »Meine Liebe, ich bin es ganz und gar nicht gewohnt, dass meine Gäste um diese Zeit ...« Sie verstummte mitten im Satz, riss die Augen auf und prallte dann regelrecht entsetzt einen Schritt zurück. »Großer Gott! Wie sehen Sie denn aus?«
»Das ist eine lange Geschichte, Mrs Walsh«, antwortete Bast müde. »Ich weiß, es ist spät, und ich sehe vermutlich nicht besonders gut aus, aber dürfte ich trotzdem eintreten?«
Einen Moment lang war sie nicht einmal davon überzeugt, dann kam ihr die Situation nachgerade lächerlich vor. Möglicherweise brannte hinter ihnen gerade die halbe Stadt ab, und irgendwo wurden noch immer Pläne geschmiedet, nichts weniger als diese ganze Zivilisation zu Fall zu bringen ... und Mrs Walsh sorgte sich um ihren Teppich? Das war so grotesk, dass sie um ein Haar laut aufgelacht hätte.
»Sie riechen auch etwas streng, meine Liebe«, antwortete Mrs Walsh, mit einiger Verspätung und sichtlich um einen wenigstens halbwegs sachlichen Ton bemüht. Sie versuchte zu lächeln, aber es blieb bei dem Versuch.
»Ja, ich fürchte, damit haben Sie recht.« Bast nutzte die Gelegenheit, an der vollkommen erstarrten Mrs Walsh vorbei vollends ins Haus zu treten und demonstrativ die Tür hinter sich zu schließen. »Ich nehme an, Kapitän Maistowe ist noch nicht zurück?« Sie beantwortete ihre eigene Frage mit einem Kopfschütteln. »Inspektor Abberline hat versprochen, später noch einmal vorbeizuschauen. Ich denke, ich sollte die Zeit nutzen, um mich ein wenig ... herzurichten.«
Mrs Walsh überwand ihren Schock nur mühsam. »Ja, das scheint mir auch angemessen«, sagte sie lahm, räusperte sich unecht und zauberte dann wieder einen strafenden Ausdruck auf ihr Gesicht. »Und ich werde wohl auch eine Bürste und einen Eimer heißes Wasser bereitstellen.« Sie maß Bast mit einem missbilligenden Blick und verbesserte sich. »Zwei.«