»Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen solche Umstände bereite, Mrs Walsh«, seufzte Bast. »Ich gehe sofort nach oben und ziehe mich um, und dann ...«
»Sie werden ganz bestimmt nicht in diesem Zustand durch das ganze Haus laufen und es endgültig verpesten«, fiel ihr Mrs Walsh ins Wort. Offensichtlich hatte sie ihren Schrecken mittlerweile endgültig überwunden. »Ich gehe in Ihr Zimmer hinauf und hole Ihnen saubere Kleider, und Sie können mein Bad benutzen. Dort gibt es eine Badewanne, die Sie dringend nötig haben, wie mir scheint. Aber es wird eine Weile dauern, bis das Wasser heiß ist. Ich setze es gleich auf, aber ich möchte Sie bitten, in der Küche zu warten.«
»Kaltes Wasser reicht vollkommen«, antwortete Bast rasch. »Hauptsache, es ist sauber.«
Mrs Walsh war offensichtlich derselben Meinung, denn sie beließ es bei einem abermaligen, missbilligenden Stirnrunzeln, fuhr auf dem Absatz herum und rauschte wie eine Walküre die Treppe hinauf. Bast sah ihr widerwillig amüsiert nach. Mrs Walshs Empörung war ebenso echt wie absurd, aber der Anblick übte eine sonderbare und gänzlich unerwartete Wirkung auf sie aus. Sie hätte erwartet, dass er sie amüsierte oder ärgerte - wahrscheinlich beides -, aber er stimmte sie eher bekümmert. Ganz plötzlich wurde ihr klar, dass es tatsächlich keine Rolle spielte, ob die Stadt rings um sie herum in Schutt und Asche versank, oder auch gleich die ganze Welt. Nicht für Mrs Walsh. Alles, was zählte, war ihre eigene, private Welt, die sich innerhalb dieser vier Wände befand. Der Rest Londons und der ganzen Welt interessierte sie allenfalls, wenn er ihr kleines, privates Universum und ihre beschränkte Wertewelt bedrohte.
Vielleicht hatte Horus recht gehabt, dachte sie traurig. Vielleicht verdiente es diese Kultur, denselben Weg zu gehen wie Theben, Rom und Byzanz und so viele andere.
Sie schüttelte auch diesen Gedanken ab und lauschte einen Moment mit geschlossenen Augen. Abgesehen von den Geräuschen, die Mrs Walsh selbst verursachte, war es vollkommen still im Haus. Offenbar war sie immer noch der einzige Gast, und auch das Mädchen schlief. Basts schlechtes Gewissen regte sich bei dem Gedanken an Cindy, aber sie ließ dieses Gefühl nicht an sich heran - nicht jetzt -, sondern machte sich auf den Weg zur Küche. Während sie sie durchquerte und die Hintertür ansteuerte, schlüpfte sie aus ihrem Mantel und hätte ihn um ein Haar achtlos fallen lassen, wäre ihr nicht im letzten Moment eingefallen, was Mrs Walsh zu einer solch frevlerischen Tat sagen würde. Ein unwillkürliches Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Tür aufstieß und auf den winzigen, an drei Seiten von Mauern umschlossenen Innenhof hinaustrat. Es war unerwartet kalt, als wären die Temperaturen in den wenigen Augenblicken, in denen sie im Haus gewesen war, ins Bodenlose gestürzt, und so dunkel, dass selbst ihre empfindlichen Augen kaum mehr als Schemen wahrnahmen. Der Himmel war wolkenlos und erstaunlich klar, aber die sechs Fuß hohen Mauern, die den schmalen Hof von den benachbarten Grundstücken trennten, verschluckten nahezu jede Helligkeit, und hinter keinem einzigen Fenster brannte Licht. Die Leute in dieser Gegend gingen anscheinend beizeiten zu Bett - oder sie zündeten absichtlich kein Licht an, um Petroleum oder Kerzen zu sparen. Möglicherweise stand ja hinter irgendeinem dieser Fenster jemand und beobachtete sie in genau diesem Augenblick, aber Bast machte sich nicht einmal die Mühe, sich davon zu überzeugen. Es war ihr gleich.
Sie ließ ihren Mantel fallen, stieß den verbrannten Fetzen mit dem Fuß beiseite und begann sich aus ihrem Kleid zu schälen, während sie sich langsam auf den altmodischen Ziehbrunnen zubewegte, der in der Mitte des Hofes stand. Der verbrannte Stoff löste sich unter ihren Fingern auf, und etwas klirrte, als sie das Kleid abstreifte und mit nichts anderem als dem goldenen Skarabäus an ihrem Hals weiterging.
Bast zögerte, ließ sich in die Hocke sinken, grub mit den Fingern in dem verkohlten Stoff und runzelte überrascht die Stirn, als sie plötzlich den zersplitterten Stumpf ihres Schwertes in der Hand hielt.
Seltsam - sie konnte sich überhaupt nicht erinnern, die zerbrochene Waffe eingesteckt zu haben, aber etwas in ihr musste diese Waffe wohl als wichtig erachtet haben ... auch wenn sie nicht wusste, was.
Natürlich war selbst dieser abgebrochene Stumpf noch unendlich wertvoll. Der Griff bestand aus massivem, fein ziseliertem Gold und war mit kostbaren Edelsteinen besetzte. In jedem Museum dieses Landes oder einem der großen Versteigerungshäuser Londons hätte sie ein kleines Vermögen für dieses zerbrochene Schwert bekommen. Aber weltlicher Besitz hatte sie noch nie interessiert.
Dennoch war der Verlust dieser Waffe schrecklich und inakzeptabel. Das Schwert war mehr als zweitausend Jahre alt und stammte aus einer Zeit, als sich der Rest der Welt noch mit Bronzeschwertern oder Knüppeln geschlagen hatte. Jetzt war es nicht mehr als ein nutzloses Stück Tand.
Sie überlegte einen Moment, es allein aus Gründen der Sentimentalität aufzubewahren, stand aber dann stattdessen mit einem Ruck auf und stieß es mit einem demonstrativen Tritt von sich. Sie würde es verschwinden lassen müssen, bevor Mrs Walsh oder Maistowe es fanden und sich wunderten, woher diese wertvolle Antiquität kam. Sie trat an den Brunnenrand, kurbelte den Eimer hoch und schauderte leicht, als sie spürte, wie eisig das Wasser war. Dennoch schöpfte sie sich tapfer drei, vier zusammengelegte Hände voll ins Gesicht und biss die Zähne zusammen, als sich all die zahllosen kleinen Verbrennungen, Kratzer, Schrammen und diversen anderen Blessuren, die sie von ihrem unterirdischen Abenteuer mitgebracht hatte, schmerzhaft wieder in Erinnerung brachten. Nichts von alledem war schlimm genug, um sich wirklich Sorgen zu machen - im Nachhinein kam ihr zu Bewusstsein, dass es ohnehin einem mittelgroßen Wunder gleichkam, dass weder sie noch Abberline wirklich schwer verletzt worden waren -, und die meisten Verletzungen verheilten bereits und würden spätestens morgen früh verschwunden sein. Aber so fantastisch und zäh ihr außergewöhnlicher Metabolismus auch sein mochte, sie bekam nichts geschenkt. Jede einzelne dieser winzigen Verletzungen kostete sie Kraft. Das Wenige, was sie gestern von Roy gestohlen hatte, würde nicht mehr lange vorhalten, und sie ertappte sich bei der bösen Überlegung, welche Verschwendung es doch gewesen war, Jones etwas von diesem wertvollen Vorrat abzugeben.
Sie schämte sich dieses Gedankens, der viel mehr zu Horus oder Sobek gepasst hätte als zu dem Bild, das sie selbst von sich hatte, und plötzlich überkam sie ein jähes Gefühl von Trauer.
Sobek war tot.
Jemand, den sie seit fünftausend Jahren gekannt hatte, auch wenn sie nie wirklich Freunde gewesen waren und er selbst mehr als einmal bereit gewesen war, sie zu töten.
Und nun war er tot. In den Flammen verbrannt.
Der Gedanke hatte etwas so Bizarres, dass es ihr immer noch schwerfiel, ihn als real zu akzeptieren. In Mrs Walshs und Abberlines Lebenszeit gemessen, hatte sie Sobek mehr als zweihundert Generationen lang gekannt. Jemand, der so lange gelebt hatte, konnte einfach nicht sterben. Das war ... absurd.
Und Horus?
Sie hatte noch die schemenhafte Gestalt vor Augen, die mit Flügeln aus Rauch und Dunkelheit gegen den Feuersturm angekämpft hatte, das flüchtige Bild eines Schattens, der aus dem unterirdischen Kerker in die Luft stieg. Aber vielleicht war das nur eine Illusion gewesen, ein Wunschbild, auch wenn sie sich selbst nicht eingestehen wollte, dass sie einen solchen Wunsch hegte. Nein. Ein solches Inferno konnte niemand überleben.
Plötzlich wurde Bast klar, wie viel er ihr bedeutet hatte. Nicht wegen all der unzähligen Jahre, die sie miteinander verbracht hatten, oder gar der - lächerlich wenigen - Male, die sie miteinander ' geschlafen hatten. Nicht einmal, weil sie ihn so lange gekannt hatte, sondern einfach, weil er da gewesen war, und weil sie nur noch so wenige waren. Er war einer von ihnen gewesen, und sein Verlust war inakzeptabel und entsetzlich. Tot.