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Die Trauer drohte über ihr zusammenzuschlagen wie eine riesige schwarze Wolke, sie einzuhüllen wie ein schwerer Mantel, der mit seinem dicken, klammen Stoff jeden Laut zum Verstummen brachte, jedes Gefühl erstickte und sie von allem anderen isolierte, was sie umgab, dieser Stadt mit ihrem wimmelnden Wirrwarr von Menschen, die strebten und hofften und vergeblich versuchten, Sinn und Ordnung in das kurze Leben zu bringen, in das sie hineingeboren wurden, und das so oft vor der Zeit beendet wurde, sei es durch Krankheit, Hunger oder die Hand eines Mörders.

In dieser Welt war sie so einsam, wie sie immer gewesen war.

Und dennoch ...

Ein heller, sonderbar wehklagender Schrei zerriss die tiefe Stille, die sich in den winzigen Innenhof gesenkt hatte, und als Bast den Kopf hob, glaubte sie einen schwarzen pfeilflügeligen Schatten zu erkennen, der verloren in der unendlichen Weite des Nachthimmels schwamm und vergebens nach seinem Herrn schrie.

Sie schloss die Augen und atmete gezwungen tief und langsam ein und als sie wieder hinsah, war der Falke verschwunden, und sein wehklagendes Rufen verstummt. Beides war niemals real gewesen; nur ein weiteres Gespenst, mit dem sie die Dämonen ihrer Vergangenheit von nun an plagen würden. Eines von vielen. Viel zu vielen.

Und plötzlich brachen die Tränen ungehemmt aus ihr heraus; lautlos, aber in Strömen, die heiß und brennend wie Säure über ihr Gesicht rannen. Sie gab keinen Laut von sich, denn der Schmerz schnürte ihr einfach die Kehle zu, aber ihre Schultern bebten in einem lautlosen Schluchzen. Einen Moment lang starrte sie ihr eigenes Spiegelbild in dem halb geleerten Eimer auf dem Brunnenrand an, bevor sie es mit einem plötzlichen Fausthieb zerschmetterte, der das Wasser aufspritzen und die Haut über ihren kaum verheilten Knöcheln erneut aufplatzen ließ.

Der Schmerz war unerwartet schlimm, aber er riss sie auch in die Wirklichkeit zurück. Bast blickte auf ihr eigenes, in tausend sichelförmige Splitter zerborstenes Spiegelbild, dann brachte sie den Blutstrom aus ihren aufgerissenen Knöcheln mit einer bewussten Anstrengung zum Versiegen, tauchte beide Hände ins Wasser und schöpfte sich noch einmal eisige Kälte ins Gesicht.

Als sie die Hände wieder herunternahm, spürte sie, dass sie nicht mehr allein war.

»Kommen Sie ruhig näher, Kapitän«, sagte sie. »Es macht mir nichts aus.«

Maistowe, selbst für ihre Augen kaum mehr als ein Schatten vor einem noch dunkleren Hintergrund, rührte sich im ersten Moment überhaupt nicht, aber sie konnte spüren, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss - dabei war es vollkommen unmöglich, dass er mehr sah als einen Umriss.

»Es muss Ihnen nicht peinlich sein«, fügte sie hinzu, aber sie spürte auch selbst, dass sie es damit nur noch schlimmer machte. Natürlich sah er nur einen Schatten, aber selbst er musste erkennen, dass sie unbekleidet war, und Maistowe wäre kein Mann gewesen, hätte er nicht entsprechend darauf reagiert. Sein Verstand, sein Charakter und seine Erziehung mochten ihm noch so sehr klarmachen, dass es nicht richtig war - ein anderer, viel älterer und stärkerer Teil von ihm begehrte sie. Er hatte sie von Anfang an begehrt, und daran hatte sich in all der Zeit nichts geändert. Und wie auch? Er war ein Mann, ein Sterblicher, und wie sie und ihre Art sich von ihm und seiner Art unterschied, das war nicht nur ihre höhere Lebenserwartung und ihre scharfen Sinne. Auch wenn es letzten Endes vielleicht nicht so war - für ihn und jeden anderen Mann auf der Welt war sie eine Göttin, und welcher Mann hätte sich der Verlockung einer solchen entziehen können? Manchmal - und in letzter Zeit immer häufiger - vergaß sie das.

Sie lauschte behutsam in ihn hinein und stellte nun doch etwas Erstaunliches fest: Der Anblick war ihm peinlich, so sehr, dass er immer noch wie gelähmt dastand und am liebsten im Boden versunken wäre - aber den meisten anderen Männern an seiner Stelle wäre es nur unangenehm gewesen, dass sie es bemerkt hatte. Er verzieh es sich nicht, es überhaupt getan zu haben.

»Ich ... ähm ... es tut mir leid«, stammelte er schließlich. »Gloria hat mir gesagt, dass Sie hier draußen sind, aber ich wusste nicht, dass ...« Er bewegte sich unbeholfen auf der Stelle, und Bast kam endlich zu dem Schluss, ihn genug gequält zu haben, bückte sich nach ihrem zerrissenen Kleid und schlüpfte in das, was noch davon übrig war. Es war eher eine symbolische Tat - das Kleid bestand buchstäblich nur noch aus Fetzen und enthüllte fast mehr, als es verbarg. Aber sie stand nun nicht mehr nackt vor ihm, und sie spürte, dass ihm das wichtig war. Maistowe atmete erleichtert auf. Nach einem weiteren Augenblick kam er näher, wobei er sich geradezu rührend bemühte, nur ihr Gesicht anzusehen.

»Ich ... also ... wie gesagt - Gloria hat mir gesagt, Sie wären hier draußen, und sie meinte, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist«, stammelte er. »Und ich dachte ...« Er blinzelte. »Haben Sie ... geweint?«

»Nein«, antwortete Bast überrascht. Wie konnte er das wissen? Sie hatte nicht den mindesten Laut von sich gegeben, und die Nässe auf ihrem Gesicht war simples, wenn auch eiskaltes Wasser. Aber er wusste es. Bast hob die Schultern und rettete sich in ein verlegenes Lächeln.

»Ja«, gestand sie. »Eine ... alte Erinnerung, die mich plötzlich überkommen hat. Es ist schon vorbei.«

Maistowes Blick machte klar, wie unglaubwürdig diese Behauptung klang, aber er ging nicht weiter darauf ein. Sein Blick hing weiter wie gebannt an ihrem Gesicht, und er wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit seinen Händen, aber zumindest seine Stimme klang wieder gefasst. Einigermaßen. »Was ist passiert? Abberline hatte Sie mitgehen lassen. Haben Sie den Konstabler gefunden?«

»Nein«, antwortete Bast. Sie war einfach zu müde für irgendeine Ausflucht. »Aber ich fürchte, wir haben den zweiten auch verloren. Es sind ein paar ... sehr schlimme Dinge passiert, fürchte ich.«

Maistowe verstand offensichtlich kein Wort, aber er sah sehr erschrocken aus, und genau genommen war das auch genau das, was sie hatte erreichen wollen. Sie sorgte - sehr behutsam - dafür, dass er auch keine weitere Frage mehr stellen würde und wollte ihn unter einem Vorwand wegschicken, als Mrs Walsh aus dem Haus kam und ihr die Mühe abnahm, auf ihre ganz eigene Art.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich Ihnen beinahe unehrenhafte Absichten unterstellen, Jacob«, sagte sie. »Was tun Sie hier draußen?«

»Sie haben mir gesagt, dass Bast hier draußen ist!«, verteidigte sich Maistowe.

»Dass sie hier ist, ja«, antwortete Mrs Walsh »Nicht, dass Sie hinausgehen und sie anstarren sollen. Und jetzt gehen Sie ins Haus und setzen Sie einen Kessel Wasser auf. Ich mache uns Tee, und danach können wir reden wie zivilisierte Menschen.«

Bast hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. Maistowe warf ihr noch einen letzten, fast hilfesuchenden Blick zu, dann fuhr er auf dem Absatz herum und floh regelrecht ins Haus zurück.

Mrs Walsh blickte ihm kopfschüttelnd nach. Sie sah einfach verärgert aus, aber Bast war nicht sicher, dass dieser Ärger tatsächlich Maistowe galt.

»Jetzt haben sie ihm unrecht getan, fürchte ich«, sagte Bast. »Ich versichere Ihnen, dass sich Kapitän Maistowe in jeder Sekunde wie ein perfekter Gentleman benommen hat.«

»Daran zweifle ich nicht«, antwortete Mrs Walsh. Sie reichte ihr ein zusammengefaltetes Kleid, das aus Basts Gepäck stammte, und zwei ordentlich zusammengefaltete saubere Handtücher, die intensiv nach Kernseife rochen. »Aber ich beginne mich allmählich zu fragen, ob Sie tatsächlich die Lady sind, für die ich Sie gehalten habe.«

Bast zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sie schwieg. Sie rührte auch keinen Finger, um das Kleid und die Handtücher entgegenzunehmen, sodass Mrs Walsh schließlich an ihr vorbeiging und sie auf dem Brunnenrand ablegte.