»Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen. Mrs Walsh«, sagte sie schließlich. »Vielleicht hat es ja ein ... Missverständnis zwischen uns gegeben?«
»Ja, das scheint mir auch so«, antwortete Mrs Walsh. Bast spürte, wie schwer es ihr fiel, die Contenance zu bewahren. »Ich habe Ihnen gesagt, dass Jacob Maistowe ein guter Freund ist, nicht mehr und nicht weniger, und dass zwischen uns niemals etwas ...«, Bast spürte, wie schwer es ihr fiel, über dieses Thema zu reden, »... etwas Körperliches war, und das wird auch niemals so sein. Ich weiß selbstverständlich, dass Jacob ein normaler gesunder Mann mit ganz normalen Bedürfnissen ist, und ich bin weder weltfremd noch eifersüchtig. Aber das heißt nicht, dass ich tatenlos zusehen werde, wie Sie mit ihm spielen, mein Kind. Ich werde nicht zulassen, dass jemand ihm wehtut.«
»Das habe ich auch nicht vor, Mrs Walsh«, antwortete Bast ernst. Sie war überrascht. Dieser plötzliche Angriff kam nicht nur unerwartet, sondern auch aus einer gänzlich unerwarteten Richtung.
»Reden Sie keinen Unsinn«, sagte Mrs Walsh scharf. »Ich bin nicht blind. Mir ist nicht entgangen, wie Jacob Sie ansieht. Und damit meine ich nicht das hier.«
»Oh, das.« Bast lächelte sanft. »Glauben Sie mir, Mrs Walsh, das bedeutet nichts. Alle Männer sehen mich so an. Das bin ich gewohnt. Seit sehr langer Zeit.«
»Ja, Sie vielleicht«, erwiderte Mrs Walsh kühl. »Aber ich nicht, und Jacob ist es auch nicht. Und das sollte auch nicht so sein.«
»Worauf genau wollen Sie hinaus?«, fragte Bast.
Mrs Walsh antwortete nicht gleich, sondern maß sie mit einem sehr langen, taxierenden Blick von Kopf bis Fuß, der ihr unendlich viel peinlicher war als die Art, auf die Maistowe sie gerade gemustert hatte. »Das Mädchen«, sagte sie schließlich und, wie es schien, vollkommen unvermittelt. »Sie haben sich bisher kaum um es gekümmert. Ich weiß, Sie hatten vermutlich wichtigere Dinge zu tun, und das arme Ding tut mir auch aufrichtig leid, aber Tatsache ist, dass es hier nicht bleiben kann. So etwas kann ich in meinem Haus nicht dulden.«
»Ich verstehe«, antwortete Bast. »Sie möchten, dass sie geht. Sie möchten, dass auch ich gehe.«
Mrs Walsh zierte sich noch einen Moment, aber dann nickte sie, auch wenn sie ihrem Blick dabei auswich. »Ja«, stieß sie hervor. »Wenn ich ehrlich sein soll, wäre es mir das Liebste. Natürlich nicht sofort. Sie können gerne noch bis morgen bleiben, und ich werde Ihnen auch behilflich sein, für sich und das Mädchen eine andere Unterkunft zu finden, aber ... ja, ich möchte, dass Sie gehen. Sie bringen ... Unruhe in mein Leben.«
Jetzt war es heraus, und Bast konnte ihr nicht einmal wirklich böse sein. Mrs Walsh hatte vollkommen recht - von ihrem Standpunkt aus. Sie war wie ein Wirbelsturm über ihr bisher so geordnetes Leben hereingebrochen. Sie hatte Gewalt in ihr Haus gebracht, und die Tür zu einer Welt, vor der sie bisher ganz bewusst die Augen verschlossen hatte, weit aufgerissen. Das Mädchen zu befreien war vielleicht löblich gewesen, aber zugleich auch ziemlich dumm, und es war vor allem ihr Problem, ein Problem, das sie einfach hier abgeladen hatte, ohne auch nur darüber nachzudenken, ob es ihr recht war oder nicht.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Sie haben recht, und ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen. Ich habe nicht nachgedacht. Cindy und ich werden Ihr Haus noch heute verlassen.«
»Reden Sie keinen Unsinn, Kindchen!«, antwortete Mrs Walsh. »Sie bleiben selbstverständlich bis morgen. Kennen Sie mich wirklich so schlecht, dass Sie glauben, ich würde Sie bei Nacht und Nebel aus dem Haus jagen?«
»Natürlich nicht, aber ...«
»Nichts aber«, unterbrach sie Mrs Walsh, »jetzt waschen Sie sich, ziehen sich ein Kleid an, das diesen Namen auch verdient, und dann kümmern Sie sich um dieses arme Kind, bevor es sich noch die Augen aus dem Kopf weint. Und danach trinken wir eine Tasse Tee zusammen, und Sie erklären uns, wie ...«, sie machte eine Kopfbewegung auf ihr mitgenommenes Kleid, »... das da passiert ist. Ich muss nämlich gestehen, dass auch ich nicht frei von Fehlern bin. Ich bin neugierig.«
Cindy schlief, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Aber es war kein natürlicher Schlaf. Als Bast sie gestern ins Bett geschickt hatte, hatte sie dafür gesorgt, dass die Angst des Mädchens nicht übermächtig wurde - oder es sogar auf die Idee kam, davonzulaufen -, aber sie hatte es sehr behutsam getan, und sie hatte nicht damit gerechnet, auch nur annähernd so lange fortzubleiben, wie sie es tatsächlich getan hatte. Cindy hätte längst aufwachen müssen, und wenn sie Mrs Walshs Worte von gerade richtig gedeutet hatte, dann war sie das zwischenzeitlich auch. Jetzt schlief sie wieder, und ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten Bast, dass es ein sehr tiefer Schlaf war.
Leise trat sie an das frisch bezogene Bett heran - der Anblick entlockte ihr ein flüchtiges Lächeln. Das Bett war nicht nur frisch bezogen und roch genau so intensiv nach Kernseife wie die Handtücher, die Mrs Walsh ihr gebracht hatte. Mrs Walsh hatte die Decke sogar über dem schlafenden Mädchen glatt gestrichen, ihre Hände über dem Laken gefaltet und sogar ihr Haar gebürstet, sodass sie aussah wie ein unschuldiger kleiner Engel - aber dann beugte sie sich vor, und ein schwacher, aber unverkennbarer Geruch stieg ihr in die Nase. Laudanum. Eine ziemliche Menge Laudanum. Mrs Walsh hatte auf ihre eigene Art dafür gesorgt, dass Cindy ruhig blieb.
Bast wurde zornig, aber nur für einen ganz kurzen Moment. Welches Recht hatte sie, über Gloria Walsh zu urteilen? Sie hatte - wenn auch vielleicht auf andere und schädlichere Art - schließlich nichts anderes getan als das, was sie selbst unzählige Male - und seit Jahrtausenden - tat. Und wahrscheinlich war es unter den Umständen sogar das Beste gewesen.
Bast zögerte noch einen Moment, aber dann beugte sie sich weiter vor, legte dem Mädchen die Hand auf die Stirn und weckte sie auf.
Cindys Augenlieder flatterten. Bast spürte den inneren Kampf, der sich für einen Moment hinter ihrer Stirn abspielte, als wehre sich irgendetwas in ihr mit verzweifelter Kraft dagegen, wieder in die Welt diesseits der Träume zurückzukehren, und für einen noch kürzeren Moment hatte sie das Gefühl, von einer schwarzen Brandung überrollt zu werden, als die Erinnerung an all die Widerwärtigkeiten und Demütigungen über sie hinwegrollten, die dieses gequälte Kind in Maudes käuflicher Hölle hatte ertragen müssen.
Es kam so überraschend, dass sie erschrocken zurückprallte und wohl auch ihre Physiognomie nicht so gut unter Kontrolle hatte, wie sie es gewohnt war, denn Cindys Augen standen weit offen, und Bast las ihrerseits einen Ausdruck tiefen Schreckens in diesem Blick.
»Entschuldige«, sagte sie unbeholfen. »Ich wollte ... dich nicht erschrecken.«
»Hast du nicht«, antwortete Cindy. Sie hatte eine sehr helle, klare Stimme, ganz eindeutig die Stimme eines Kindes, so wie alles an ihr noch sehr viel kindlicher war, als man es ihrem Alter entsprechend erwarten konnte; zumindest jetzt, wo Mrs Walsh sie all der hässlichen Schminke, der falschen Farbe ihres Haares und der niedlichen Kleider entledigt hatte. Aber das war letzten Endes nur ein böser Streich gewesen, den Maude ihr gespielt hatte. Frauen wie Maude wussten, dass es Männer gab, die genau so etwas erregte.
»Ich bin ...«, begann sie.
»Ich weiß, wer du bist«, fiel ihr Cindy ins Wort. Nicht nur ihre Stimme war so kristallklar, dass es schon fast ein bisschen unheimlich war, etwas, das eine Spur zu rein und perfekt erschien, um wirklich real zu sein, Bast spürte auch, dass sie vollkommen und absolut wach war. Da war nicht einmal eine Spur von Benommenheit. »Warum hast du mich mitgenommen?«
»Mitgenommen?«
»Ich will zurück zu Maude«, sagte Cindy sehr ernst. »Ich will nach Hause.«