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»Nach Hause?« Bast versuchte, in Cindy hineinzulauschen, aber sie schrak vor dem zurück, was sie in ihrem Inneren spürte. Da waren ein dunkler Strudel der Verderbtheit, die sie erschauern ließen. Im allerersten Augenblick schrak sie tatsächlich vor Cindy selbst zurück, aber sie begriff im gleichen Moment, wie unrecht sie dem Mädchen tat. Es war nichts an oder in Cindy, das sie so erschreckte. Es war das, was ihr angetan worden war. Der Schmutz, den sie spürte, war der, mit dem Cindy besudelt worden war.

»Das war nicht dein Zuhause«, sagte sie, als Cindy nicht antwortete, sondern sie nur weiter aus ihren durchdringenden, hellblauen Augen anstarrte. Sie spürte einen Zorn dahinter, den sie sich nicht erklären konnte. Vielleicht war in diesem Moment ein wenig Härte angesagt. »Ich kann mich irren, aber ich glaube, Maude hat dich gekauft. Und wenn ich richtig informiert bin, warst du nicht einmal besonders teuer.«

Es funktionierte nicht, das begriff sie, noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Sie wusste nichts über das Mädchen, nicht einmal ihren richtigen Namen - niemand hieß Cindy! -, aber sie spürte die Härte, die sich hinter diesem so zerbrechlich erscheinenden Kindergesicht verbarg, und sie war plötzlich nicht mehr sicher, dass diese Härte nur aus den wenigen Wochen resultierte, die sie in Maudes Obhut verbracht hatte.

»Und?«, fragte Cindy. »Wer sagt dir, dass mich das stört?«

Bast blickte ebenso fragend wie schockiert, und Cindy stemmte sich auf die Ellbogen hoch, sodass das bisher faltenlose weiße Laken herunterrutschte und Bast sah, dass sie darunter nackt war. Anscheinend war Mrs Walsh der Meinung gewesen, dass keine Kleidung noch immer besser war als das, was sie bei ihrer Ankunft getragen hatte. Mrs Walsh hatte sie offensichtlich auch gewaschen, aber irgendwie den gegenteiligen Effekt erzielt: Ohne Rouge und Puder und eingetrockneten Schweiß traten die blauen Flecken und kaum verschorften Kratzer nur noch deutlicher hervor. Das Mädchen sah kaum weniger schlimm aus als sie selbst; nur, dass seine Verletzungen nicht innerhalb weniger Stunden heilen würden. Vielleicht, dachte Bast kalt, war sie zu gnädig gewesen. Sie hätte Maude töten sollen.

Cindy deutete ihren Blick falsch. »Gefällt dir, was du siehst?«, fragte sie.

Bast zog die Decke mit einem Ruck vollends herunter und sah noch einmal und sehr ausführlich hin. »Nein«, sagte sie dann.

»Magst du keine Frauen?«

»Manchmal schon«, erwiderte Bast. »Aber du bist keine Frau. Noch nicht.« Sie fragte sich, warum sie sich auf dieses alberne Spiel einließ. Sie machte eine entsprechende Kopfbewegung. »Woher hast du die Narbe am Oberschenkel? Maude?«

»Keine Ahnung«, antwortete Cindy trotzig. »Ich erinnere mich nicht mehr.«

Das war gelogen, aber Bast wusste auch, dass die halbmondförmige, hässliche Brandnarbe an Cindys Oberschenkel ganz bestimmt nicht von Maude stammte. Was immer sie über diese schmutzige alte Frau auch denken mochte, sie war gewiss nicht dumm. Kein Kaufmann beschädigte absichtlich seine Ware.

»Also, verdammt, was willst du von mir?«, fuhr Cindy fort, als Bast nichts sagte, sondern sie nur weiter unverhohlen anstarrte. »Wann kann ich wieder nach Hause?« Sie setzte sich vollends auf, zog die Knie an den Leih und die Decke mit einer trotzigen Bewegung bis zum Kinn hoch.

»Sobald wir herausgefunden haben, wo dein Zuhause ist«, antwortete Bast. »Vielleicht.«

»Ich will zurück zu Maude«, sagte Cindy.

»Warum?«, fragte Bast.

»Weil es dort gut ist.«

»Gut?« Bast runzelte übertrieben die Stirn. »Du bist geschlagen worden ... wenn nicht Schlimmeres. Was soll daran gut sein?«

»Und?«, schnappte Cindy trotzig. »Das macht mir nichts aus.«

»Es macht dir nichts aus, geschlagen zu werden?« Bast machte ein zweifelndes Gesicht.

»Bin ich gewohnt«, antwortete Cindy. Es klang herausfordernd, aber nicht nach einer Lüge. »Und bei Maude habe ich immer satt zu essen bekommen, und es ist warm. Und die anderen Frauen sind nett zu mir.«

»Und die Männer?«

Cindy hob die Schultern. »Sind eben Männer«, sagte sie, als wäre das Erklärung genug.

»Du hast schlechte Erfahrungen gemacht«, vermutete Bast.

»Das Leben ist hart«, antwortete Cindy. »Man kriegt, was man verdient. Oder was man sich nimmt. Ist nicht so schlimm, wenn man weiß, wie's läuft.«

»Maude hat dich also gekauft«, versuchte es Bast erneut, und auf eine andere Art. »Von wem? Deiner Mutter?«

»Nein«, antwortete Cindy. »Meine Mutter ist ... ich weiß nicht. Hab sie nie gekannt. Ich bin mal hier, mal da aufgewachsen. Die meiste Zeit war es gut.«

»Und die übrige?«

Cindy funkelte sie an. »Was soll das? Hab ich was ausgefressen, dass du mich so verhörst?«

»Nein«, antwortete Bast. Sie hatte Schwierigkeiten, Cindys unverhohlene Feindseligkeit von sich abprallen zu lassen. Dieses Mädchen war ihr weder sonderlich sympathisch, noch tat sie etwas, um ihr Herz - oder auch nur ihr Mitleid - zu gewinnen, sondern starrte geradezu vor Widerborstigkeit. »Das ist kein Verhör. Ich bin nur ... neugierig, weißt du? Auf dich.«

»Auf mich?« Cindy wirkte eher noch misstrauischer. »Wieso? Was gibt's denn an einer wie mir Interessantes?«

»An einer wie dir eigentlich gar nichts«, antwortete Bast betont. »Aber an dir.«

Cindy runzelte die Stirn und sah sie nur noch misstrauischer an, aber zugleich begann ihr Blick auch insgeheim durch das Zimmer zu irren, wie der eines kleinen Tieres, das sich in die Enge gedrängt fühlte und nach einem Fluchtweg Ausschau hielt.

Und genau das bedeutete es auch, begriff Bast plötzlich. Nach ihrem Erwachen hatte Cindy ihren freien Willen überraschend schnell zurückerlangt, und sie dachte an Flucht.

Bast sorgte dafür, dass sie diesen Gedanken auch ebenso schnell wieder vergaß - und diesmal für länger -, und für einen ganz kurzen Moment erschien ein Ausdruck von Verwirrung auf dem blassen Gesicht des Mädchens, bevor er wieder dem üblichen Trotz wich. »Also?«, fragte sie. »Was willst du wissen?«

»Eigentlich alles«, antwortete Bast. »Fangen wir mit deinem Namen an ... ich meine, du heißt nicht wirklich, Cindy, oder?«

»Nein«, antwortete Cindy, allerdings erst nach einem spürbaren Zögern, und mit genauso spürbarem Widerwillen. Sie war stark. »Da, wo ich früher war, da hatten wir eine Katze, die hieß Cindy. War ein blödes Vieh. Sie hat mich immer nur gekratzt und überall hingeschissen. Ich hab sie weggejagt, aber den Namen hab ich behalten. Hat mir besser gefallen als Emily.«

Bast lachte leise. »Magst du Katzen?« Sie wartete Cindys Antwort gar nicht ab, sondern ging zur Tür und öffnete sie gerade weit genug, um einen schlanken, bernsteinäugigen Schatten hereinhuschen zu lassen. »Das ist Cleopatra«, sagte sie. »Eine gute Freundin von mir. Wenn du möchtest, kann sie auch deine Freundin sein. Und keine Sorge. Sie wird dich weder kratzen, noch ... na ja, du weißt schon.«

Cleopatra rieb sich schnurrend an ihrem Bein, hielt das Mädchen aber zugleich aus ihren unergründlichen Augen aufmerksam im Blick, und auch Cindy sah die Katze aufmerksam an.

»Was soll das?«, fragte sie schließlich. »Glaubst du, du kannst mich damit einwickeln?«

»Nein«, erwiderte Bast. Sie musste sich beherrschen, um nicht grob zu werden. Sie hatte nie besonders gut mit Kindern umgehen können. »Ich komme aus Ägypten. Weißt du, wo das ist?«

»Ziemlich weit weg«, antwortete Cindy misstrauisch. »Warum?«

»Hättest du Lust, mich dorthin zu begleiten?«, fragte Bast.

»Begleiten?«, wiederholte Cindy. »Ich? Warum?«

»Ich kann nicht mehr lange in diesem Land bleiben«, antwortete Bast. »Wahrscheinlich muss ich schon in ein paar Tagen wieder nach Hause fahren. Du könntest mitkommen, wenn du willst. Ich habe ein ziemlich großes Haus in der Nähe von Kairo. Ich kann immer Hilfe gebrauchen.«