»Ich bin froh, dass Sie unbeschadet wieder hier angekommen sind«, begann er, anscheinend nicht in der Stimmung, sich mit Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten. Bast war auch nicht danach.
»Ich kann nur dasselbe über Sie sagen, Inspektor«, antwortete sie. »Sie sind früh ... ich meine: Ich hätte nicht erwartet, dass Ihre Vorgesetzten Sie so schnell gehen lassen - nach dem, was in der Underground passiert ist.«
»Das haben sie auch nicht«, antwortete Abberline.
Maistowe sah ihn fragend an, und Abberline wollte auch antworten, unterbrach sich aber dann, als Mrs Walsh aus der Küche kam, und wartete, bis sie zwei saubere Tassen vor Bast und Maistowe abgestellt und ihnen Tee eingegossen hatte.
»Ich meine, ich habe nicht mit meinen Vorgesetzten gesprochen«, setzte er neu an. »Ich wollte es selbstverständlich. Ich bin noch eine Weile geblieben, um mich davon zu überzeugen, dass die Feuerwehr und die Polizei der Lage auch Herr werden.«
»Welcher Lage?«, fragte Mrs Walsh.
»Es gab einen Brand in der stillgelegten Tower-Station«, antwortete Abberline. »Aber es sah im ersten Augenblick sehr viel dramatischer aus, als es war. Die städtische Feuerwehr ist sehr tüchtig, und die U-Bahn ist so gebaut, dass ein Feuer nur sehr schwer unkontrolliert um sich greifen kann.«
Mrs Walsh sagte nichts dazu, aber sie maß Bast mit einem sehr langen, nachdenklichen Blick, bevor endlich auch sie Platz nahm und an ihrem Tee nippte.
»Ich bin danach zum Yard gegangen, aber Mr Monro war nicht mehr da, und Sir Charles Warren, meinen obersten Chef, habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen. Und ich muss gestehen, dass ich nicht allzu unglücklich darüber bin.«
»Wieso?«, fragte Maistowe.
»Selbstverständlich werde ich gleich morgen früh ausführlich Bericht erstatten«, antwortete Abberline, allerdings an Bast gewandt, nicht an Maistowe, und mit sonderbar ernstem Gesicht. »Und ich werde in meinem Bericht selbstverständlich nicht die geringste Kleinigkeit auslassen. Das wäre unverantwortlich, nicht nur meinen Vorgesetzten, sondern auch den Menschen in dieser Stadt gegenüber. Immerhin treibt sich dort unten immer noch ein Ungeheuer herum, dem bereits zwei Menschen zum Opfer gefallen sind. Mindestens.«
»Ein Ungeheuer?«, fragte Mrs Walsh alarmiert. »Was für ein Ungeheuer?«
»Miss Bast bezeichnet es als Nildrachen«, antwortete Abberline, »aber meines Erachtens ist es ein ganz gewöhnliches Krokodil - wenn auch ein ziemlich großes.«
»Glauben Sie mir, Inspektor, ich habe Nildrachen gesehen, gegen die dieses Tier der reinste Zwerg ist«, sagte Bast.
»Ein Krokodil?«, murmelte Mrs Walsh entsetzt. »In der Londoner U-Bahn?«
»Eher in der Kanalisation«, antwortete Abberline. Er sah immer noch unentwegt Bast an. »Wir haben das Tier durch die Kanalisation gejagt, aber es ist uns leider entkommen, und der kürzeste Weg zurück an die Oberfläche führte durch die Tube.«
»Die dabei rein zufällig in Brand geraten ist?«, vermutete Mrs Walsh.
»Nun ja, ich gebe zu, das ist die Kurzfassung«, sagte Abberline. »Aber jetzt ist nicht der Moment für lange Erklärungen. Ich bin aus einem anderen Grund hier.«
»Ach?«, fragte Bast. Warum war sie nicht überrascht?
»Um ehrlich zu sein«, antwortete Abberline, »war ich ganz froh, dass sich mir die Gelegenheit bietet, zuerst noch einmal mit Ihnen zu reden, bevor ich mit Monro spreche.«
»Warum?«
»Unter anderem wegen dem, was ich in diesem Raum gesehen habe«, antwortete Abberline. Er schien einen Moment angestrengt nachzudenken, und Bast konnte ihm regelrecht ansehen, wie schwer ihm die Entscheidung fiel, zu der er schließlich gelangte.
Aber er traf sie, griff in die Rocktasche und reichte Bast einen kleinen, in ein sauberes Taschentuch eingewickelten Gegenstand. »Können Sie mir sagen, was das ist?«, fragte er.
Als sie das Tuch zur Seite schlug, kam ein runder, mit einem geschnitzten Katzenkopf und kunstvollen Ziselierungen verzierter Deckel aus feinstem weißen Alabaster zum Vorschein.
»Woher haben Sie das?«, fragte sie überrascht.
»Ich habe es gefunden«, antwortete Abberline. »Heute Abend, im Wagen Ihres unglückseligen Kutschers.«
Jetzt war Bast überrascht. »Bei Arthur?«
»Neben seinem Leichnam, ja«, bestätigte Abberline. »Genauer gesagt, unter der Bank, auf der er lag. Sie wissen, was das ist?«
»Ein Kanopendeckel, ja«, antwortete Bast. »Ein sehr alter.«
»Ein was?« Mrs Walsh machte keinen Hehl daraus, wie wenig ihr das Thema behagte, über das sie redeten, aber sie war auch neugierig.
»Wir haben mehrere Kanopen gesehen, bei unserem gemeinsamen Museumsbesuch, meine Liebe«, antwortete Bast. »Sie wissen, dass die Pharaonen im alten Ägypten nach ihrem Tod einbalsamiert wurden, um auf diese Weise die Reise ins ewige Leben anzutreten?«
Mrs Walsh nickte. Dieses Thema war ihr sichtlich noch unangenehmer, aber wenigstens protestierte sie nicht.
»Nebst etlichen anderen Vorbereitungen war es dazu notwendig, dem Leichnam die inneren Organe zu entnehmen«, fuhr Bast fort. Mrs Walsh sah regelrecht entsetzt aus, aber Abberline runzelte die Stirn und sah sie auf eine jetzt völlig andere Art beunruhigt an. Offenbar erinnerten ihn Basts Worte an etwas vollkommen anderes. Etwas, das sie beide und Maistowe erst vor wenigen Stunden gesehen hatten.
»Und die entnommenen Organe ...?«, vermutete er.
»Wurden in besonderen, heiligen Gefäßen aufbewahrt«, bestätigte Bast. »Den Kanopen. Und Sie haben das hier tatsächlich in Arthurs Wagen gefunden?«
»Und nicht nur das.« Abberline nahm ihr den Deckel wieder ab und wickelte ihn sorgfältig ein; allerdings nur zur Hälfte. »Ich habe diesen Deckel schon zuvor gesehen - zusammen mit dem Rest.«
»Die komplette Kanope?«, fragte Bast überrascht. »Wo?«
»In Monros Büro«, antwortete Abberline ernst. »Nicht dem, das Sie kennen, sondern in seinem Büro im Innenministerium.« Er seufzte. »Ich nehme an, so etwas ist sehr wertvoll?«
»Unbezahlbar«, antwortete Bast. Und nicht nur in materieller Hinsicht.
»Und Sie sind sicher, dass es sich um dasselbe Stück handelt?«, fragte Mrs Walsh. »Es könnte eine Kopie sein.«
»Nein«, antwortete Abberline. »Nicht in diesem Fall. Sehen Sie, ich musste vor einer Weile auf Monro warten, und dabei sind mir diese Krüge aufgefallen, und ich habe sie mir genauer angesehen, aus reiner Neugierde, und weil sie mir gefallen haben.«
»Krüge?«, vergewisserte sich Bast. »Es sind mehrere?«
»Drei«, bestätigte Abberline. »Sehen Sie den Katzenkopf?«
Er hob den Deckel. »Das rechte Ohr ist beschädigt. Ein kleines Stück ist abgebrochen. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber sie ist mir aufgefallen, weil der Krug ansonsten vollkommen unversehrt war. Es ist eindeutig derselbe Deckel.«
»Wissen Sie, was Sie da sagen?«, fragte Maistowe. »Sie wollen doch nicht behaupten, dass der Leiter der Spezialabteilung ein Kunstdieb ist!«
»Natürlich nicht.« Abberline wickelte den Deckel endgültig ein und ließ ihn in der Jackentasche verschwinden; ein Anblick, der Bast geradezu körperliches Unbehagen bereitete. Sie musste sich beherrschen, um Abberline das Päckchen nicht mit Gewalt zu entreißen.
»Sie erinnern sich an Ihr Gespräch mit Monro«, fuhr er fort. »Die Gerüchte über zwei geheimnisvolle Fremde, die in der Stadt gesehen worden sein sollen, sind keineswegs so neu, wie er Sie glauben machen wollte. Ich selbst habe ihm in den letzten Wochen mehrmals davon Bericht erstattet, aber diesen Gerüchten wurde niemals mit der angemessenen Energie nachgegangen.«
»Sie glauben, Monro hätte etwas mit den beiden zu tun?«, fragte Mrs Walsh.