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»Nein, das sicher nicht.« Abberlines Antwort kam eine Spur zu schnell, fand Bast. »Monro und ich sind sicherlich nicht die besten Freunde, dafür ist er mir viel zu ehrgeizig, aber ich halte ihn auch nicht für einen Verbrecher. Allerdings pflegt er einen aufwändigen Lebensstil und ist ständig in Geldnöten. Es wäre immerhin denkbar, dass Ihre beiden Freunde, sagen wir, dafür gesorgt haben, dass er der einen oder anderen Spur vielleicht nicht ganz so intensiv nachgeht.«

»Das würde bedeuten, dass er zwei Mörder deckt«, sagte Mrs Walsh.

»Nicht unbedingt.« Abberline seufzte noch einmal, und noch tiefer. »Genau genommen gibt es keinerlei Beweise, dass diese beiden hinter den Ripper-Morden stecken. Bis zum heutigen Tage gab es nicht einmal einen Hinweis darauf.«

Mrs Walsh schwieg. Dieses Thema schien ihr nun völlig unangenehm zu sein.

»Horus und Sobek«, fuhr Abberline fort, »das sind die Namen, an die ich mich erinnere. Namen alter ägyptischer Gottheiten. Wie Bastet. Und wie hieß noch einmal die Freundin, nach der Sie suchen? Isis, nicht wahr? Ist das nicht auch eine altägyptische Gottheit?«

»Eine der Mächtigsten sogar«, bestätigte Bast. Sie machte ein betrübtes Gesicht. »Sie haben mich ertappt, Inspektor. Ich gebe alles zu. In Wahrheit sind wir die echten alten Götter, die hierhergekommen sind, um uns dafür zu rächen, dass Ihr Volk unsere heiligen Stätten plündert.«

Abberline blieb ernst. »Das wohl nicht«, sagte er ruhig. »Aber nach dem, was ich dort unten gesehen habe, frage ich mich, ob Sie vielleicht zu irgendeiner verrückten Sekte gehören, die sich einbildet, im Namen dieser alten Götter zu handeln.«

»Aber das ist doch lächerlich!«, begehrte Mrs Walsh auf. »Hören Sie auf, solch einen Unsinn zu reden.«

»Ich fürchte, so lächerlich ist es nicht, Mrs Walsh«, seufzte Bast, hob aber auch zugleich rasch die Hand und schüttelte den Kopf. »Es handelt sich nicht um eine Sekte oder einen Kult, und ihren Kindern die Namen unserer alten Götter zu geben ist in meinem Land nicht ungewöhnlich ... so wenig wie hier, wo die Hälfte der Kinder die Namen christlicher Heiliger trägt. Aber in einem Punkt haben Sie recht, Inspektor - manche, wie Horus, sind tatsächlich der Meinung, sich dafür rächen zu müssen, dass Fremde unsere heiligsten Orte schänden, die Gräber unserer Könige plündern und ihre Leichname in Museen ausstellen, wo sie von Neugierigen begafft werden können.«

»Und Sie?«, fragte Abberline. »Ist das auch Ihre Meinung?«

Bast war im ersten Moment verwirrt über diese Frage, aber dann wurde ihr selbst klar, wie scharf ihre Stimme bei den letzten Worten geklungen hatte.

»Nein.« Bast zwang sich zu einem Lächeln. »Ganz im Gegenteil. Ich wollte Ihnen nur Horus' Standpunkt klarmachen. Aber es ist ... war ... seine Meinung, nicht meine. Ich bin hierhergekommen, um Patsy ... Isis ... vor Horus und Sobek zu warnen. Das ist die Wahrheit.«

»Und es macht Ihnen gar nichts aus?«, fragte Abberline. »Dass Ihre heiligsten Gegenstände in unseren Museen ausgestellt werden? Mich würde es stören, wenn christliche Reliquien in einem Museum in Kairo hängen würden.«

»Ich bin nicht begeistert davon«, sagte Bast kühl. »Aber die Zeiten ändern sich. Vor langer Zeit hat mein Volk nahezu über die gesamte Welt geherrscht und vermutlich dasselbe mit den Heiligtümern anderer Völker getan. Heute beherrscht Ihr Volk die Welt, und wir müssen uns beugen. In weiteren tausend Jahren wird ein anderes Volk hier herrschen und die Krone eurer Könige in einem Museum ausstellen. So ist nun einmal der Lauf der Zeit.«

»Das hört sich ziemlich abgeklärt an«, sagte Abberline.

»Ich würde das Wort realistisch vorziehen«, antwortete Bast. »Leider hat Horus das nicht so gesehen.«

»Und Sie glauben, damit ist die Angelegenheit für mich erledigt?«, fragte Abberline.

»Das sollte sie sein, Inspektor«, antwortete Bast ernst. »Oder was glauben Sie jetzt noch erreichen zu können?«

»Die Wahrheit.«

»Welche Wahrheit?«, fragte Bast spöttisch. »Dass Ihr oberster Vorgesetzter sich hat kaufen lassen? Das werden Sie jetzt schwerlich beweisen können, jetzt, wo Horus und Sobek tot sind. Und selbst wenn - Monro hat sie vermutlich für Kunstdiebe oder Schmuggler gehalten und sich seinen Anteil gesichert. Selbst wenn Sie es beweisen könnten, würde ihm nicht viel passieren - aber Ihre Karriere wäre zu Ende.«

»Und deshalb soll ich zwei Mörder laufen lassen?«

»Sie sind tot«, erinnerte Bast. »Wenn Horus und Sobek tatsächlich für die Ripper-Morde verantwortlich waren, dann hören sie jetzt auf.«

»Und wenn nicht, beweist das nur, dass Monro wirklich nichts damit zu tun hat«, fügte Maistowe hinzu. »Bast hat recht, Frederick. Was immer Sie unternehmen, schadet nur Ihnen selbst. Schätzen Sie sich einfach glücklich, dass die Sache so glimpflich abgegangen ist. Immerhin leben Sie noch, und schließlich haben Sie die Kerle am Ende erwischt. Ist das nicht Ihre Aufgabe?«

»Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden«, sagte Abberline. Aber er klang zugleich auch verunsichert. Er sah Bast nach wie vor durchdringend und misstrauisch an. Ihre Worte erklärten zweifellos viel, aber längst nicht alles. Sie konnte nur hoffen, dass er gar nicht alles von dem verstehen wollte, was er gesehen und erlebt hatte.

»Es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie rein zufällig gerade in diesem Moment hier aufgetaucht sind und mit alldem nichts zu tun haben«, sagte er.

»Das habe ich auch nie behauptet«, antwortete Bast. »Aber ich habe nichts mit dem zu tun, was Horus und Sobek getan haben. Ich bin hierhergekommen, um Isis vor ihnen zu warnen, das ist alles.«

»Aber das dürfte ja nun nicht mehr nötig sein«, sagte Abberline.

»Nein«, bestätigte Bast. »Und aus diesem Grunde werde ich England auch verlassen. Vielleicht schon morgen - wenn Sie nichts dagegen haben, heißt das.«

»Das kann ich im Moment noch nicht entscheiden«, antwortete Abberline. »Ich neige dazu, Ihnen zu glauben, aber es gibt noch zu viele offene Fragen ... und letzten Endes entscheide ich darüber auch nicht allein. Ich muss Sie also bitten, zumindest noch eine kleine Weile in London zu bleiben. Es könnte sein, dass ich Ihre Hilfe noch benötige.«

»Wobei?«

»Zum Beispiel dabei, dieses Ungeheuer zu erlegen, das noch immer die Kanalisation unsicher macht.«

»Sobeks Drachen?« Bast schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig. Jetzt, wo Sobek tot ist, wird er auch sterben.«

»Ich verstehe«, sagte Abberline spöttisch. »Sagten Sie nicht gerade, dieser Sobek wäre ein ganz normaler Mensch?«

»Ich sagte, er ist kein Gott«, antwortete Bast. »Nicht, dass er ein normaler Mensch wie Sie oder ich war, Inspektor. Die Sache ist leider etwas komplizierter.«

»Was ist er dann?«, fragte Abberline.

»Vor allem tot«, erwiderte Bast. »Er stellt keine Gefahr mehr dar, ebenso wenig wie Horus. Finden Sie sich damit ab, dass Sie nicht immer gewinnen können, Inspektor. Hoffen Sie, dass Horus und Sobek hinter diesem angeblichen Ripper gesteckt haben, denn dann ist es vorbei, und zumindest Sie wissen, dass die Mörder ihre gerechte Strafe bekommen haben. Und wenn nicht, dann werden die Morde weitergehen, und Sie werden den wirklichen Ripper fangen.«

»Ich wünschte, es wäre so leicht«, seufzte Abberline. »Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie mir etwas verschweigen?«

»Ich bin eine Frau voller Geheimnisse, haben Sie das etwa nicht gewusst?«, antwortete Bast lächelnd. Sie stand auf. »Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Es ist spät, und ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir - wie Sie ja wissen. Ich würde mich jetzt gern zurückziehen. Haben Sie keine Sorge - ich werde London nicht verlassen, solange Sie es mir nicht erlauben.«