Das Haus war vollkommen still, als sie am nächsten Morgen erwachte - zu ihrer eigenen Überraschung eine gute Stunde nach Sonnenaufgang, statt mit dem ersten Lichtstrahl, wie sie es eigentlich gewohnt war. Sie fühlte sich auch ungewöhnlich müde, obwohl sie länger als normal geschlafen hatte. Ihre Lider waren so schwer, dass sie Mühe hatte, die Augen zu öffnen, und es kostete sie spürbare Überwindung, sich aufzusetzen und die letzten Spuren von Benommenheit abzuschütteln. Außerdem war sie schon wieder hungrig. Offenbar hatte sie der gestrige Tag doch mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen mochte.
Behutsam setzte sie sich auf und lauschte einen Moment. Um Cindy nicht zu stören, hatte sie Mrs Walshs Einverständnis einfach vorausgesetzt und das benachbarte Zimmer in Beschlag genommen, die Tür aber nur angelehnt gelassen. Sie konnte Cindy nebenan regelmäßig atmen hören - offenbar schlief sie noch -, darüber hinaus aber war das Haus vollkommen still und leer. Maistowe und anscheinend auch ihre Wirtin waren nicht da, aber das war ihr im Moment nur recht. Ihr war nicht nach Reden zumute, und schon gar nicht nach einer Fortsetzung ihrer Debatte mit Mrs Walsh.
Sie hatte sich nicht wirklich so überhastet zurückgezogen, weil sie zu erschöpft wäre, um weiter mit Abberline zu reden, sondern weil sie keinen Sinn mehr in dieser Diskussion gesehen hatte - sie hatte auch nicht vor, ihr Versprechen zu halten und abzuwarten, ob Abberline sie wirklich gehen ließ oder es sich vielleicht doch noch anders überlegte und mit einem Rollkommando vor der Pension auftauchte, um sie zu verhaften, sondern würde sowohl der Pension Westminster als auch dieser Stadt noch heute den Rücken kehren - und weil es einfach eine Menge wichtiger Dinge gab, über die sie nachdenken musste.
Ihr Körper hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie hatte sich kaum hingelegt, da war sie auch schon eingeschlafen. Aber es war kein erquickender Schlaf gewesen. Sie erinnerte sich schwach an üble Träume, die sie gehabt hatte, und ein vages Gefühl von Trauer, das immer noch tief in ihr wühlte. Zum Nachdenken war sie jedenfalls nicht gekommen.
Sie stand auf, trat ans Fenster und legte die Stirn in Falten, als sie eine schwarz uniformierte Gestalt mit einem hohen Helm bemerkte, die auf der gegenüber liegenden Straßenseite stand, das Haus beobachtete und sich so krampfhaft bemühte, unauffällig zu sein, dass er genau so gut auch gleich eine rote Fahne schwenken konnte. So viel zu ihrer Idee, Abberline könnte ihr trauen. Aber das konnte sie ihm eigentlich nicht einmal übelnehmen.
Cindy schlief tatsächlich noch, als sie das Zimmer betrat, aber sie schlug beinahe sofort die Augen auf und war hellwach. Cleopatra, die anscheinend die ganze Nacht neben ihr gelegen hatte, hob den Kopf und begann lautstark zu schnurren, rührte sich aber nicht von der Stelle.
»Guten Morgen«, sagte Bast lächelnd. »Hast du gut geschlafen?«
Cindy antwortete nicht, sah sie aber sehr aufmerksam an und legte die Hand auf Cleopatras Kopf. Das Schnurren der Katze wurde lauter, und Bast verspürte einen kurzen, aber heftigen Stich vollkommen absurder Eifersucht, für den sie sich selbst sofort mit einem mindestens ebenso heftigen schlechten Gewissen bestrafte.
»Ich werte das einfach einmal als ein Ja«, sagte sie, trat ans Fenster und zog die Vorhänge zurück. Morgenlicht strömte herein und ließ die Konturen der Dinge schärfer hervortreten, Cindys Gesicht aber auch noch blasser und ihre Augen größer und dunkler erscheinen. Sie sagte immer noch nichts. Bast warf einen raschen, suchenden Blick auf die Straße und Abberlines Wachtposten hinab - er stand noch immer stocksteif da und starrte das Haus an -, schüttelte spöttisch den Kopf und wandte sich dann wieder Cindy und der Katze zu.
»Wie ich sehe, habt ihr ja mittlerweile Freundschaft geschlossen«, sagte sie. »Jetzt mach mich nur nicht eifersüchtig, indem du mir meine beste Freundin ausspannst.«
Cleopatra blickte ein bisschen beleidigt, und Cindy starrte sie weiter einfach an. Bast fühlte sich mit jedem Moment hilfloser. Sie hatte nicht die geringste Erfahrung im Umgang mit Kindern - und als wäre das nicht schwierig genug, war dieses Mädchen in der einen oder anderen Hinsicht ganz bestimmt kein Kind mehr -, und sie wusste einfach nicht, wie sie mit ihr umgehen sollte.
»Hast du über meinen Vorschlag von gestern Abend nachgedacht?«, fragte sie. »Mich zu begleiten?«
Sie hatte nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet, doch Cindy nickte und schüttelte fast im gleichen Moment den Kopf.
»Das will ich nicht«, sagte sie leise, aber mit sehr entschlossener Stimme.
»Das trifft sich gut«, antwortete Bast. »Ich glaube nämlich inzwischen selbst, dass es eine dumme Idee war. Aber mir ist eine andere Idee gekommen, die dir vielleicht auch gefallen wird. Bist du hungrig? Ich jedenfalls könnte ein Frühstück vertragen. Was hältst du davon, wenn du dich wäschst und anziehst und wir beim Frühstück darüber reden?«
Statt laut zu antworten, schlug Cindy die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett, und Bast stellte überrascht fest, dass sie zumindest einmal während der Nacht aufgestanden sein musste, denn sie trug jetzt ein gestreiftes Nachthemd, nicht nur ihre eigene Haut und unzählige blaue Flecke. Es war ihr um mehrere Nummern zu groß und hoffnungslos altmodisch und gehörte ganz offensichtlich Mrs Walsh.
»Da hätten wir gleich das nächste Problem«, seufzte Bast. »Bevor wir uns eine neue Unterkunft suchen, brauchen wir etwas zum Anziehen für dich. So kannst du jedenfalls nicht auf die Straße.«
»Ich habe Kleider«, antwortete Cindy, die jetzt schon wieder ein wenig trotzig klang, wenn auch nicht mehr annähernd so feindselig wie am vergangenen Abend. »Eine Menge Kleider sogar. Sie sind noch bei Maude.«
»Ja, das ist mir klar«, antwortete Bast. »Aber wenn sie so aussehen, wie ich es befürchte, werden wir damit auch Probleme haben, ein anständiges Zimmer zu bekommen.« Sie brachte Cindy mit einer Geste zum Schweigen, als diese widersprechen wollte. »Ich lass mir was einfallen, keine Angst. Jetzt essen wir erst einmal, und dann sehen wir weiter. Kann ich mich darauf verlassen, dass du keinen Unsinn anstellst, wie zum Beispiel wegzulaufen?«
»Du würdest mich doch sowieso wieder einfangen, oder?«
»Vermutlich«, sagte Bast. »Die Frage ist, ob du es versuchen willst.«
»Dann hindere mich doch daran«, antwortete Cindy. »Das kannst du doch.«
»Wie meinst du das?«, fragte Bast überrascht.
Cindy schürzte trotzig die Lippen. »Du hast doch gestern auch dafür gesorgt, dass ich nicht weglaufe«, sagte sie. »Ich wollte es, aber ich konnte es nicht.«
»Vielleicht ist dir einfach klar geworden, dass du hier besser aufgehoben bist«, antwortete Bast. Sie war verwirrt, und auch ein wenig beunruhigt. Cindy hatte ganz offensichtlich gespürt, dass etwas mit ihrem freien Willen nicht stimmte, und das war sehr ungewöhnlich.
Cindy ignorierte ihre Antwort vollkommen. »Ich weiß nicht, was du bist«, sagte sie ernst. »Eine Hexe oder was? So wie du Ben fertiggemacht hast, das würde nicht einmal der stärkste Mann schaffen, den ich kenne.«
»Und deshalb muss ich eine Hexe sein? Zu viel der Ehre. Da, wo ich herkomme, müssen auch Frauen beizeiten lernen, sich ihrer Haut zu wehren, weißt du? Ich bin ... eine Kriegerin, wenn du so willst. Ich kann dir beibringen, wie man sich verteidigt.«
»Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht mit dir«, beharrte Cindy. »Ich glaube nicht, dass ich bei dir bleiben will.«
»Na, gut.« Bast wandte sich brüsk zur Tür. »Wasch dich. Und dann komm nach unten. Ich sehe inzwischen zu, dass ich ein Frühstück für uns zusammenbekomme.«
»Und wenn ich das nicht will?«, fragte Cindy trotzig.
»Dich waschen oder frühstücken?« Bast bemühte sich, ein möglichst grimmiges Gesicht zu machen. »Wenn du wirklich glaubst, dass ich eine Hexe bin, dann solltest du es dir zweimal überlegen, dich mit mir anzulegen. Ich könnte dich in einen Frosch verwandeln oder dich zwingen, den ganzen Tag auf einem Bein herumzuhüpfen und wie ein Huhn zu gackern.«