Faye sah dem Wagen nach, bis er am Ende der Straße verschwunden war, und wandte sich dann mit einer müden Bewegung um, und Bast wartete, bis sie die Einfahrt durchquert hatte, dann wurde sie wieder sichtbar und vertrat ihr den Weg.
»Das war also Onkel Munro«, sagte sie, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.
Faye riss überrascht die Augen auf. »Wo ... wo kommst du denn so plötzlich her?«
»Ich muss mit dir reden«, antwortete Bast, ohne direkt zu antworten. »Es ist wichtig.« Sie musste sich beherrschen, um nicht in die Richtung zu sehen, in der Monros Kutsche verschwunden war. Nach allem, was das Schicksal ihr seit ihrer Ankunft in diesem verfluchten Land angetan hatte, hatte es sich nun offenbar entschlossen, wenigstens ein bisschen davon wieder auszugleichen und ihr ein unerwartetes Geschenk zu machen.
»Worüber?«, fragte Faye. Sie klang unerwartet feindselig. »Mach es schnell. Ich bin müde und muss ein paar Stunden schlafen.«
»Ja, Onkel Munro und du, ihr hattet eine anstrengende Nacht, nehme ich an.« Bast bedauerte die Bemerkung schon, bevor sie ganz zu Ende gesprochen hatte, und Faye reagierte natürlich ganz genau so, wie sie es an ihrer Stelle vermutlich auch getan hätte: Ihre Augen blitzten zornig, und nun war alles, was sie auf ihrem Gesicht noch lesen konnte, purer Trotz.
»Was wird das?«, fauchte sie. »Hast du mir aufgelauert, um die Anstandsdame zu spielen und mir Vorhaltungen zu machen?«
»Nein.« Bast machte eine Kopfbewegung auf die Tür des schäbigen Zimmers. »Darf ich reinkommen? Nur für einen Moment?«
Im allerersten Augenblick schien nicht einmal das sicher, aber dann stülpte Faye trotzig die Unterlippe vor und nickte, und Bast geduldete sich, bis sie den Schlüssel aus ihrem Beutel gekramt und die Tür entriegelt hatte. Faye forderte sie nicht auf, ihr zu folgen, aber sie ließ die Tür hinter sich offen.
»Mach es kurz«, sagte Faye. »Ich bin wirklich müde und muss schlafen. Hast übrigens Glück, dass Marie-Jeanette noch nicht da ist. Ich versteh gar nicht, wo sie bleibt.«
»Marie-Jeanette?«
»Wir teilen uns das Zimmer, hab ich das nicht erzählt?« Faye beantwortete ihre eigene Frage mit einem Schulterzucken. »Früher nur manchmal, aber seit der vorletzten Nacht hat sie keine Unterkunft mehr ... deinetwegen.«
»Meinetwegen? Wieso?«
»Du bist vielleicht gut«, schnaubte Faye. »Bist du so naiv, oder spielst du nur die Dumme? Whitechapel steht Kopf, deinetwegen.«
»Wegen Roy?«, vermutete Bast.
»Eher wegen Maude und einer Menge unbequemer Fragen, die du gestellt hast«, antwortete Faye. »Aber auch wegen Roy. Nachdem er wieder laufen konnte, ist er zu Maude gekrochen und hat sich bei ihr ausgeweint. Schätze, die beiden sind nicht besonders gut auf dich zu sprechen.«
»Und was hat das mit Marie-Jeanette zu tun?«, fragte Bast.
Faye lachte hart. »Du bist vielleicht gut. Glaubst du wirklich, du kannst hier so einfach auftauchen, eine Menge komischer Fragen stellen und den berüchtigtsten Schläger der Stadt aufmischen und dich dann auch noch mit der fetten Maude anlegen und ihr ihr bestes Pferdchen wegnehmen, ohne dass jemand was tut? Die beiden schäumen vor Wut und gehen auf jeden los, der auch nur mit dir gesprochen hat! Roy hat die arme Marie-Jeanette grün und blau geschlagen, und Maude hat dafür gesorgt, dass sie aus ihrem Zimmer geflogen ist. Wenn ich sie nicht aufgenommen hätte, dann müsste sie jetzt auf der Straße schlafen.« Sie legte herausfordernd den Kopf schräg. »Also was willst du hier? Hast du noch nicht genug Schaden angerichtet und wartest darauf, dass sie jetzt auch noch auf mich losgehen?«
»Wenn das alles so stimmt«, antwortete Bast, »dann wundere ich mich fast, dass sie das nicht längst getan haben.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden«, antwortete Faye schnippisch. »Ich hatte eben Glück.«
»Glück?«
»Und Munro«, bekannte Faye widerwillig. »Roy und Maude wissen von ihm - ist ja auch klar. Roy hat mich ja überhaupt erst mit ihm zusammengebracht. Schätze, sie wissen, dass ihm etwas an mir liegt, und wollen es sich nicht mit ihm verderben.«
»Und du?«, fragte Bast. Das Gehörte überraschte sie noch immer. Das Mädchen, das ihr gegenüberstand, schien kaum noch Ähnlichkeit mit der Faye aus der vorletzten Nacht zu haben. Nicht einmal äußerlich.
»Was soll mit mir sein?«, fragte Faye.
»Monro«, antwortete Bast, wobei sie ganz bewusst seinen richtigen Namen benutzte, um Fayes Reaktion zu testen.
»Du weißt, wer er ist?«, fragte das Mädchen auch prompt.
»Ich kenne ihn jedenfalls«, antwortete Bast. »Und ich weiß auch, was er ist. Also, wie ist es mit dir? Liegt dir auch etwas an ihm, oder ist es nur sein Geld und der Schutz, den er dir gewährt?«
»Und wenn?«
»Dann sollte dir klar sein, dass beides nicht von Dauer ist«, sagte Bast. »In ein paar Jahren sucht er sich eine Jüngere, oder er verliert ganz das Interesse an jungen Mädchen und erinnert sich wieder daran, dass er eigentlich ein angesehener Bürger dieser Stadt ist, glücklich verheiratet und Familienvater ... oder er wird einfach alt und stirbt.« Sie zuckte mit den Achseln, als interessiere sie das alles nicht wirklich. »So oder so, du bezahlst die Zeche, nicht er.«
»Und?«, fragte Faye. »Hatten wir das nicht schon?«
»Und ich hatte den Eindruck, dass du mir geglaubt hast«, sagte Bast. »Was hat sich geändert?«
»Na ja, das war, als ich dir vertraut hab«, sagte Faye, »blöd, wie ich war.«
»Und jetzt nicht mehr?«
Faye zögerte einen Augenblick. »Was du gesagt hast, hat sich gut angehört«, bekannte sie schließlich. »Und du hast mit Maude und Roys Bande auch eine verdammt gute Show abgezogen. Aber danach bist du verschwunden und hast dich einen Scheiß um das gekümmert, was mit uns ist.«
»Ich war einen Tag weg!«
»An einem Tag kann eine Menge passieren«, erwiderte Faye, stellte aber dann eine überraschende Frage. »Was ist mit Cindy? Geht es ihr gut?«
»Nicht besonders«, antwortete Bast offen. »Sie hat Angst.«
»Kann ich verstehen.« Faye gähnte ungeniert mit offenem Mund, sah sich in dem winzigen Zimmerchen um, als würde sie etwas ganz Bestimmtes suchen, und begann dann langsam ihr Kleid aufzuknöpfen. »Aber das ist dein Problem. Du wolltest sie haben, und jetzt hast du sie am Hals.«
Bast antwortete nicht gleich, sondern sah ihr einige Augenblicke lang fast widerwillig dabei zu, wie sie sich weiter entkleidete. Sie konnte nicht sagen, ob es pure Gedankenlosigkeit oder Absicht war, dass sie es langsam und mit fast lasziven Bewegungen tat, aber das Ergebnis war dasselbe: Der Anblick war ihr mit jedem Herzschlag unangenehmer. Er erinnerte sie daran, wie hungrig sie war.
»Vielleicht auch nicht«, sagte sie schließlich.
Faye streifte ihr Kleid ab und stand jetzt nur noch in einem dünnen Hemd vor ihr. Es war kalt hier drinnen, und das dünne Leinenkleid konnte nicht verbergen, wie sehr sie fror. Bast war jetzt sicher, dass sie das absichtlich tat.
»Ich habe dir angeboten, dir zu helfen, wenn du hier rauswillst. Erinnerst du dich?«
»Du hast nur leider nicht gesagt, wie das gehen soll.« Faye machte Anstalten, den Träger ihres Hemdes abzustreifen, und Bast streckte rasch den Arm aus und hielt ihre Hand fest.
»Dann sage ich es jetzt. Du hast mir von deinem Traum erzählt, erinnerst du dich? Irgendwo in Ruhe zu leben und ein eigenes Haus und vielleicht ein kleines Geschäft zu haben? War das wirklich dein Ernst, oder nur so dahingesagt?«
Ihre Hand hielt noch immer die von Faye, und das Mädchen machte keinen Versuch, die Hand zurückzuziehen, sondern legte ganz im Gegenteil nun auch noch die Linke auf Basts Finger, und plötzlich spürte sie, dass sie tatsächlich vor Kälte am ganzen Leib zitterte ... aber auch, wie weich und verführerisch zart ihre Haut war und wie gut sie roch ...