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»Vermutlich«, sagte Bast. »Tja, dann werde ich ihn wohl wecken müssen.«

Ganz wie Faye vorausgesagt hatte, war das Ten Bells geschlossen, und dasselbe schien auch für die gesamte Straße zu gelten. Bast begegnete auf dem ganzen Weg nahezu niemandem, und ihre Sinne verrieten ihr auch den Grund dafür: In kaum einem der Häuser, an denen sie vorbeikam, schien jemand wach zu sein. Hier und da erblickte sie einen einsamen Fußgänger, und ein- oder zweimal hörte sie das Weinen eines Kindes, aber der allergrößte Teil Whitechapels lag noch in tiefem Schlaf. Anscheinend tickten die Uhren hier anders als im übrigen London.

Bast sollte es recht sein. Sie war weder erpicht auf neugierige Blicke noch auf irgendeine Unterhaltung; also tarnte sie sich, indem sie die Gestalt einer sowohl von ihrer Erscheinung als auch Kleidung her unauffälligen Frau mittleren Alters annahm und sich zumindest weit genug beherrschte, nicht allzu schnellen Schrittes dahinzueilen. Niemand, der nicht aus dem einen oder anderen Grund auf der Flucht war, rannte hier. Die wenigen Menschen, denen sie überhaupt begegnete, schlurften mit müden Schritten und hängenden Schultern dahin. Selbst der Konstabler, der ihr auf halbem Wege auf der anderen Straßenseite entgegenkam - anscheinend hatten sich Abberlines Vorgesetzte entschlossen, zumindest nach außen hin Präsenz zu zeigen -, schien im Gehen vor sich hin zu dösen und streifte sie nur mit einem desinteressierten Blick, bevor er wieder in seine Tagträume versank.

Ihre Geduld war jedoch endgültig aufgebraucht, als sie das Ten Bells erreichte. Die heruntergekommene Kaschemme sah bei Tageslicht noch schäbiger und erbärmlicher aus als bei Nacht, und der Gestank nach kaltem Rauch, abgestandenem Bier und angebranntem Fleisch schlug ihr schon in zwanzig Schritten Entfernung entgegen und nahm ihr schier den Atem.

Sie machte sich nicht die Mühe, anzuklopfen - es hätte sowieso niemand reagiert -, sondern warf nur einen sichernden Blick in beide Richtungen, stellte fest, dass sie allein auf der Straße war und trat dann kurzerhand die Tür ein. Das morsche Holz zersplitterte wie Glas unter ihrem Fuß, und sie legte vorsichtshalber die Hand auf den Schwertgriff, als sie gebückt unter der niedrigen Tür hindurchtrat, obwohl sie wusste, dass auf der anderen Seite niemand auf sie wartete.

Es war sehr still und so dunkel, dass ihre Augen ein oder zwei Sekunden brauchten, um sich umzustellen. Die Läden waren vorgelegt und ließen nur dünne Streifen aus grauem Licht herein, in denen Staub tanzte, und nach einem Moment glaubte sie doch ein Geräusch zu hören: ein unregelmäßiges rasselndes Schnarchen, das unter einem der Tische am anderen Ende des großen Schankraumes hervordrang. Anscheinend hatte man einen der Zecher dort vergessen.

Obwohl sich das Ten Bells über drei Gebäudebreiten erstreckte, bestand das Erdgeschoss doch nur aus drei Räumen: dem Schankraum, einer schmuddeligen Küche, bei deren Anblick Bast ein stummes Dankgebet zu Ra schickte, hier niemals etwas gegessen zu haben, und einer winzigen Kammer, aus der eine Treppe ins obere Geschoss hinaufführte. Bast lauschte einen Moment in sich hinein und registrierte nur ein einziges, eher schwaches Lebenszeichen. Trotzdem ließ sie die Hand auf dem Schwertgriff, während sie die ausgetretenen Stufen hinaufeilte. Sie hatte in letzter Zeit zu viele unangenehme Überraschungen erlebt.

Das Obergeschoss des Ten Bells erwies sich als das genaue Gegenteil des unteren: Es war ein wahres Labyrinth winziger, verschachtelter Gänge und Kammern, von denen die meisten nicht einmal Fenster hatten und als Lager, Rumpelkammer oder auch anderen, vermutlich weniger legalen Zwecken dienten. Auf gut Glück hätte sie womöglich eine halbe Stunde gebraucht, um den gewaltigen Dachboden abzusuchen, der sich tatsächlich über die ganze Länge des Häuserblocks zu erstrecken schien, aber sie war nicht auf Glück angewiesen.

Bast lauschte einen Moment konzentriert und vernahm das Geräusch regelmäßiger Atemzüge, und als sie weiterging, einen langsamen, sehr schwachen Herzschlag irgendwo vor ihr. Da war noch etwas, wie ein flüchtiges Erkennen, ohne dass sie wirklich begriff, was sie da spürte, und das Gefühl entglitt ihr auch, bevor sie sich wirklich sicher sein konnte.

Sehr vorsichtig und die Hand schon wieder griffbereit auf dem Schwert, ging sie weiter, öffnete eine Tür und trat in ein winziges, kaum erhelltes Zimmer voller schlechter Luft und uralter, größtenteils beschädigter Möbel. Red lag auf einem schäbigen, aber sehr breiten Bett und schlief. Der schwache Herzschlag, den sie gehört hatte, stammte von ihm, und seine Atemzüge waren kaum kräftiger. Er sah schlecht aus.

Bast überzeugte sich mit einem ebenso raschen wie überflüssigen Blick davon, dass sie auch tatsächlich allein waren, steckte das Schwert ein und ließ sich neben dem schlafenden Jungen in die Hocke sinken. Sie revidierte ihre erste Einschätzung: Red sah nicht schlecht aus, er bot einen erschreckenden Anblick. Sein Gesicht war nahezu grau und von dunklen, tief eingegrabenen Linien durchzogen, an die sie sich nicht erinnern konnte, zumindest nicht in dieser Ausprägung, und auf seiner Stirn glitzerte kalter, ungesunder Schweiß. Ihr Geruchssinn verriet ihr, dass eine Frau bei ihm gewesen war, in der zurückliegenden Nacht, aber so, wie er aussah, wäre es wohl um ein Haar vielleicht seine letzte Liebesnacht gewesen.

Seltsam. Sie hatte gespürt, dass er krank war, aber nicht, dass es so schlecht um ihn stand.

Irgendwo hinter ihr bewegte sich etwas. Bast drehte rasch den Kopf, sah aber nichts, und als sie sich wieder zu Red herumdrehte, standen seine Augen auf, und er sah sie an. Seltsamerweise wirkte er nicht einmal im Geringsten überrascht, sie zu sehen.

»Du bist noch da?«, murmelte er verschlafen. Für einen Moment erschien sogar die Andeutung eines Lächelns auf seinem blassen Gesicht. Er versuchte sich auf die Ellbogen hochzustemmen, war aber eindeutig selbst für diese kleine Anstrengung zu schwach. Bast drückte ihn mit sanfter Gewalt auf sein verschwitztes Lager zurück.

»Bleib liegen«, sagte sie. »Ich habe nur eine einzige Frage an dich, dann kannst du weiterschlafen. Du musst sie nicht einmal laut beantworten.«

Red nickte schwach, und dann ... änderte sich etwas in seinem Blick. Es war, als erkenne er sie zum zweiten Mal, oder eben auch nicht.

»Sie?«, murmelte er. »Aber wie ...?«

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Bast rasch. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will nur ...« Sie sprach nicht weiter, als der Ausdruck von Verwirrung in seinen Augen in nackte Angst umschlug. »Was ist los?«, fragte sie verwirrt. »Ich habe dir doch gesagt, dass ...«

»Du solltest den armen Jungen nicht so erschrecken«, sagte eine spöttische Stimme hinter ihr. »Ich gebe ja gerne zu, dass er seine Fehler hat, aber das hat er nun wirklich nicht verdient.«

Bast fuhr herum und zog noch im Aufspringen ihr Schwert, aber sie war trotzdem nicht schnell genug. Isis - in ihrer wahren Gestalt, so groß und schwarz wie sie und mit nichts als ihrem wallenden roten Haar bekleidet - trat aus den Schatten heraus. Sie hatte ein Schwert in der rechten Hand, dessen Spitze Basts Kehle berührte, noch bevor sie ihre eigene Waffe auch nur halb gezogen hatte.

»Versuch es lieber erst gar nicht«, sagte sie, noch immer lachend. »Ich kenne dich. Du bist besser mit dem Schwert als ich, viel zu gut, als dass ich dir eine Chance geben könnte.«

»Und was hast du vor?«, fragte Bast mühsam. Der Druck der Schwertspitze auf ihrer Kehle war so fest, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um überhaupt sprechen zu können. Noch eine Winzigkeit mehr, und sie würde einfach hintenüberfallen und Red unter sich begraben. »Und was hast du jetzt vor? Mich töten?«

»Nein«, antwortete Isis, aber erst nach einem Moment, so als hätte sie tatsächlich über diese Frage nachdenken müssen. »Aber ich habe kein Problem damit, dir weh zu tun, wenn du mich dazu zwingst. Sehr weh. Glaubst du mir?«