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»Jedes Wort«, ächzte Bast. Der Druck der Schwertspitze verstärkte sich noch, und ein einzelner Blutstropfen lief an ihrem Hals hinab.

»Dann nehme ich an, dass du mir dein Wort gibst, keine Dummheiten zu machen?«

»Was soll der Unsinn?«, fauchte Bast. »Hast du den Verstand verloren? Nimm das verdammte Schwert herunter!«

Isis reagierte - natürlich - nicht sofort, sondern verstärkte den Druck auf ihre Kehle sogar noch, sodass sich ein weiterer Blutstropfen zu dem ersten gestellte, dann aber ließ sie das Schwert sinken und trat rasch einen halben Schritt zurück.

Bast funkelte sie an, hob die Hand an den Hals und sah Isis dann noch einmal und noch zorniger an, als sie das frische Rot auf ihren Fingerspitzen registrierte. »Bist du verrückt geworden? Was soll denn dieser Unsinn?«

»Man muss vorsichtig sein«, antwortete Isis lächelnd. Bast fiel auf, dass sie das Schwert zwar gesenkt hatte, aber nicht ganz. Sie hielt es noch immer in der rechten Hand und nur scheinbar locker. Irgendetwas stimmte hier nicht.

»Du weißt doch selbst, wie das ist. Als Frau in einem fremden Land muss man immer auf der Hut sein. Was willst du hier? Ich meine: Ich freue mich immer, wenn du mich besuchst, aber du hättest dich vorher anmelden sollen. Nur ein paar Minuten eher, und du hättest uns in einer einigermaßen peinlichen Situation überrascht.«

Überrascht war im allerersten Moment vor allem Bast selbst. Einen einzelnen, schweren Herzschlag lang starrte sie Isis einfach nur an, dann drehte sie sich mit einem Ruck herum und sah auf Red hinab. Er hatte sich wieder zurücksinken lassen und schien zu schlafen.

»Keine Sorge«, sagte Isis. »Er wird sich an nichts erinnern.«

»Red?«, murmelte Bast ungläubig. »Red und du? Dieser arme Junge ...«

»Hat seine Qualitäten, wie ich schon einmal gesagt habe«, fiel ihr Isis ins Wort. Sie klang ein bisschen gereizt. »Du bist aber nicht hier, um mir Vorwürfe zu machen, oder?«

Bast hatte Mühe, die Worte überhaupt zu hören. Sie starrte immer noch Red an, und es fiel ihr immer noch schwer, zu glauben, was sie sah. Isis und ... dieses Kind?

Und doch ergab plötzlich alles einen schrecklichen Sinn. Sie hatte gespürt, dass Red bereits vom Tod gezeichnet war. Dass es da irgendetwas gab, was ihn langsam von innen heraus auffraß und ihm das Leben nahm. Aber sie hätte sich niemals träumen lassen, dass ...

»Warum tust du das?«, murmelte sie fassungslos.

»Man muss leben«, antwortete Isis spöttisch. »Außerdem ist er süß. Er hat mir gleich im ersten Moment gefallen ... und ich bin ziemlich sicher, dass er es auch genießt.«

»Du weißt verdammt noch mal ganz genau, was ich meine!« Bast fuhr zornig herum. »Du bringst diesen Jungen um? Wie lange gibst du ihm noch? Ein paar Tage? Eine Woche? Was soll das? Wieso er?«

»Wie gesagt: Man muss leben«, antwortete Isis. »Du doch auch, oder?«

»Aber ich töte keine Kinder«, zischte Bast. »Was ist los mit dir? Wieso hast du dich so verändert? Du warst einmal die Göttin des Lebens, erinnerst du dich überhaupt noch daran?«

»Und ich bin es immer noch.« Isis legte endlich das Schwert aus der Hand und sah sich um, vermutlich auf der Suche nach ihrem Kleid oder Mantel, rührte sich aber dann doch nicht. Aber sie wurde plötzlich ernster. »Er stirbt ohnehin«, sagte sie. »Überzeuge dich ruhig selbst, wenn du mir nicht glaubst. Er hat vielleicht noch ein Jahr, vielleicht auch weniger. Ich gebe ihm noch ein paar schöne Stunden.«

»Und stiehlst ihm dafür ebenso viele Monate«, fiel ihr Bast ins Wort. »Bei Ra, ich frage mich, ob ich mich nicht getäuscht habe und du vielleicht doch mehr mit Horus und den anderen gemein hast, als ich geglaubt habe.«

»Wer weiß«, antwortete Isis ruhig. »Wir alle täuschen uns dann und wann.« Sie machte eine ärgerliche Geste, als Bast antworten wollte. »Aber ich nehme nicht an, dass du nur hierhergekommen bist, um mit mir zu streiten, oder? Was willst du?«

Ja, was wollte sie eigentlich? Bast war im allerersten Moment um die Antwort fast verlegen. Natürlich wusste sie, warum sie hierher gekommen war ... aber Isis' Anblick verstörte sie. Sie hatte sie unzählige Male nackt gesehen. Sie alle kannten sich ein paar tausend Jahre zu lange, als dass es noch so etwas wie Scham zwischen ihnen geben konnte, aber plötzlich war da etwas ... Neues.

Sie verscheuchte den Gedanken erschrocken.

»Ich war auf der Suche nach dir«, sagte sie. »Jemand hat mir gesagt, dass Red vielleicht wissen könnte, wo du dich versteckst.«

»Jemand?« Isis runzelte die Stirn, dann nickte sie. »Faye, vermute ich. Ich habe Red immer gesagt, dass er diesem kleinen Biest nicht trauen kann.«

»Ich hatte allerdings erwartet, dass du eine etwas ... angemessenere Unterkunft gefunden hättest.« Bast sah sich demonstrativ stirnrunzelnd um, aber Isis lachte nur.

»Weltliche Besitztümer haben mir nie viel bedeutet«, sagte sie. »So wenig wie dir.« Sie begann in dem winzigen Zimmer auf und ab zu gehen, mit geschmeidigen, katzenhaft anmutenden Bewegungen, die eine Wirkung auf Bast ausübten, die sie ganz und gar nicht wollte, gegen die sie aber auch ganz und gar wehrlos war.

»Also gut. Du hast mich gesucht, und du hast mich gefunden. Was genau willst du von mir?«

»Ich verlasse die Stadt und das Land«, antwortete Bast. »So schnell wie möglich. Wahrscheinlich noch heute. Ich möchte, dass du mit mir kommst.«

»Warum?«, fragte Isis.

»Weil du nicht hierher gehörst«, antwortete Bast. »So wenig wie ich oder ... irgendeiner von uns. Diese Menschen hier wollen uns nicht. Sie brauchen uns nicht.«

»Die Menschen haben immer Götter gebraucht«, antwortete Isis. »Was bringt dich auf die Idee, dass sich das geändert haben könnte?«

»Vielleicht, weil sie ihre eigenen haben?«

Isis lachte. »Sie haben ihnen vielleicht andere Namen gegeben, aber glaub mir, es sind noch immer dieselben. Wir sind es. Wir waren es immer, und wir werden es immer sein.«

»Ja«, antwortete Bast böse. »Deshalb versteckst du dich ja auch in diesem Loch.«

Isis setzte zu einer Entgegnung an, beließ es aber dann bei einem Kopfschütteln und einem lautlosen Seufzen. »Deshalb bist du nicht hier, oder? Was genau willst du?«

Vielleicht hätte sie sich diese Frage stellen sollen, bevor sie an Land gegangen war, dachte Bast. Die Wahrheit war: Sie wusste es nicht. Oder nein: Die ganze Wahrheit war, dass sie es sehr wohl wusste, dieses Wissen aber so tief in sich verborgen hatte, dass sie sie sich nicht einmal jetzt eingestehen konnte.

Vielleicht nur, um den Gespenstern ihrer Vergangenheit Einhalt zu gebieten, griff sie unter ihren Mantel und zog die Photoplatte hervor. »Im Grunde wollte ich dir nur dein Geschenk zurückbringen«, sagte sie.

Isis sah sie einen kurzen Moment lang mit überzeugend geschauspielerter Verständnislosigkeit an, bevor sie nach der beschichteten Glasscheibe griff und sie nach einem abermaligen kurzen Zögern ins Licht hielt. Mindestens zehn Sekunden lang blickte sie sie mit vollkommen unbewegtem Gesicht an, bevor sie - widerwillig anerkennend - nickte.

»Ich würde sagen, ich bin nicht besonders gut getroffen.«

»Vor allem, wenn man bedenkt, dass du gar nicht da warst«, sagte Bast.

Isis reichte ihr die Photoplatte zurück, und Bast beobachtete fasziniert das Spiel ihrer Muskeln unter der glatten, ebenholzschwarzen Haut. »Das ist beunruhigend«, sagte sie. »Sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen?«

»Worüber?«

»Über Photographien«, antwortete Isis, »und andere Errungenschaften der modernen Zeit. Wenn so etwas Schule macht, dann bekommen wir ein Problem. Den menschlichen Geist kann man in die Irre führen, eine ... Maschine nicht. Jedermann könnte uns sehen.«