»Nicht alles, was die Menschen sich ausdenken, hat auch Bestand«, antwortete Bast. »Ich muss dir nicht sagen, wie viele großartige Erfindungen wieder in Vergessenheit geraten sind. Nützlichere als diese Photographien.« Sie machte eine unwillige Geste, als Isis etwas darauf erwidern wollte. »So oder so, wir können es wohl nicht aufhalten. Aber warum hast du es mir gebracht?«
»Ich?« Isis machte ein verwirrtes Gesicht. »Ich sehe das jetzt zum ersten Mal. Wo hast du es her?«
»Es war in meinem Gepäck.«
»Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wo du wohnst«, antwortete Isis. »Und es interessiert mich auch nicht. Anders als so manche, die ich kenne, bin ich nämlich der Meinung, dass jeder das Recht auf ein wenig Privatsphäre hat.«
Bast ignorierte die Spitze. »Wenn du es nicht warst, wer soll es dann gewesen sein?«
»Woher soll ich das wissen?«, fragte Isis. »Warum fragst du nicht Horus?«
Bast starrte sie an. »Du ... weißt es noch nicht?«
»Was?«
»Horus«, antwortete Bast. »Und Sobek.« Isis blickte nur noch verwirrter, und Bast hatte plötzlich fast Mühe weiterzusprechen. Sie hatte sich nie besonders wohl in der Rolle des Überbringers schlechter Nachrichten gefühlt. »Sie sind tot.«
»Tot?«, wiederholte Isis. »Bist du sicher?«
»Ganz sicher«, antwortete Bast. »Sie ... sind verbrannt. Beide.«
Isis starrte sie an, als zweifele sie an ihrem Verstand, aber sie wirkte nicht besonders erschrocken ... und wie auch? Sogar Bast fiel es immer noch schwer, den Gedanken zu akzeptieren, dass ihre alten Weggefährten wirklich tot sein sollten.
»Verbrannt«, wiederholte Isis schließlich. »Wann ist das passiert?«
»Gestern Abend«, antwortete Bast. »Es tut mir leid, dass du es von mir erfahren musst. Ich war dabei. Ich habe es gesehen.«
»Ich weiß«, sagte Isis.
»Was?«
»Dass du dabei gewesen bist«, antwortete Isis. »Du hättest ihnen helfen können, meinst du nicht? Ganz gleich, was zwischen euch war - Verbrennen ist kein schöner Tod.«
»Du weißt, dass ich dabei war?«, wiederholte Bast alarmiert. »Woher?«
»Von Horus«, antwortete Isis. »Er war ziemlich wütend. Du solltest ihm in nächster Zeit vielleicht besser aus dem Weg gehen.«
»Horus lebt?«, wiederholte Bast ungläubig.
»Er lebt«, bestätigte Isis. »Eins muss man dir lassen: Wenn du dir Feinde machst, dann gründlich.« Sie lachte leise. »Du solltest ihm besser die nächsten fünfzig oder hundert Jahre aus dem Weg gehen. Ich weiß nicht, ob er sein ehernes Prinzip, keinen von uns umzubringen, in deinem Fall aufrechtzuerhalten gedenkt.«
»Wann hast du mit ihm gesprochen?«, fragte Bast. »Wo?«
»Vergangene Nacht«, antwortete Isis. »Er hat mir erzählt, dass Sobek es nicht überstanden hat. Seine Verbrennungen waren zu schwer, als dass er sich hätte regenerieren können. Ich weiß nicht, ob ich darüber besonders traurig sein soll. Ich fand ihn immer ziemlich widerlich, ihn und seine Nildrachen.«
Bast war noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Ihr schwindelte, und sie musste sich gegen die Wand lehnen. Sie hatte Sobek als brennende Fackel davonstürzen sehen, aber es jetzt aus Isis' Mund zu hören, dass Sobek wirklich tot war, aber dass Horus lebte, war fast mehr, als sie ertragen konnte.
Dann war der Schatten, der aus der Tiefe emporgeflogen war, doch keine Illusion gewesen.
»Horus hatte von uns allen immer schon die größte Widerstandkraft gegenüber dem Feuer«, fuhr Isis fort. »Nicht umsonst hat man ihn als Sonnengott verehrt. Aber es hat ihn ziemlich übel erwischt, und jetzt hat er sich in ein Versteck zurückgezogen und leckt seine Wunden.« Sie grinste. »Vielleicht findet sich ja auch eine nette Engländerin, die es für ihn tut.«
»Und wo ist dieses Versteck?«
»Keine Chance.« Isis schüttelte den Kopf. »Ich würde ihm nicht verraten, wo du dich versteckst, und ich verrate dir nicht, wo du ihn findest. Euer Streit geht mich nichts an.«
»Du bist doch schon mitten drin!«, behauptete Bast. »Wie lange glaubst du wohl, kannst du noch so tun, als ob dich das alles nichts angeht? Wenn er mit mir fertig ist, dann bist du dran. Horus wird dich töten.«
»Der Einzige, der bisher getötet wurde, ist Sobek«, antwortete Isis ernst. »Horus würde mir niemals etwas antun. Wir waren einmal verheiratet, falls du das vergessen haben solltest.« Plötzlich wurde sie wütend. »Ich frage dich noch einmaclass="underline" Was willst du von mir? Ich bin weder in Gefahr, noch führe ich ein Leben, das mir nicht gefällt. Also was, zum Teufel, willst du?«
Bast schwieg, und Isis - genau so jäh wieder ruhig, wie sie gerade wütend geworden war - kam zwei Schritte näher und sah sie durchdringend aus ihren großen, unergründlichen Augen an. »Soll ich dir sagen, warum du in dieses Land gekommen bist?« Sie kam einen weiteren Schritt näher, und Bast spürte, wie ihr Herz ein wenig schneller zu schlagen begann. Sie wünschte sich, Isis würde das nicht tun - und zugleich musste sie sich mit aller Macht beherrschen, um sie nicht an sich zu ziehen und das Gesicht in ihrem herrlich duftenden Haar zu vergraben und ihre weiche Haut mit den Händen und den Lippen zu liebkosen.
»Du bist meinetwegen hier«, fuhr Isis fort. »Du glaubst, du wärst gekommen, um mich vor Horus zu warnen, und dem, was er plant, wahrscheinlich glaubst du das sogar selbst - aber die Wahrheit ist, dass du nur meinetwegen hier bist. Du liebst mich.« Und plötzlich, warnungslos und mit der ganzen übermenschlichen Kraft ihres göttlichen Körpers, riss sie sie an sich und presste ihre Lippen auf Basts Mund.
Im allerersten Moment versuchte sie sich zu wehren, aber es war unmöglich, Isis' Griff zu sprengen, ohne echte Gewalt anzuwenden, und wahrscheinlich hätte auch das nicht einmal etwas genutzt, denn Isis war mindestens so stark wie sie, wenn nicht stärker, und Bast war noch immer vollkommen überrascht, und dann war die Chance vorbei, Basts Lippen wurden weich und fordernd, und Isis' Zunge fand wie von selbst den Weg in ihren Mund ... gerade lange genug, um eine Explosion aus reiner weißer Glut in Bast auszulösen und sie ein leises, sinnliches Stöhnen ausstoßen zu lassen. Dann lösten sich nicht nur Isis' Lippen von den ihren, auch ihre Hände, die bisher ihr Gesicht festgehalten hatten, glitten hinab, und sie trat einen Schritt zurück. Nur ihr Blick hielt den Basts weiter unerbittlich fest.
»Du hast mich immer geliebt«, fuhr sie fort, »vom ersten Tag an. Ich liebe dich auch, Bastet - aber nicht so.«
»Aber du ...«
»Diese eine Nacht in Memphis war wunderschön, Bastet«, fuhr Isis ungerührt fort. »Ich habe sie genossen, und ich denke selbst heute noch manchmal daran. Aber es war nur eine Nacht, und es ist lange her. Zu lange, um es zu wiederholen. Was zwischen uns war, war ein herrlicher Traum. Mach ihn nicht kaputt.«
»Aber es könnte ... mehr werden«, flüsterte Bast mühsam. Ihre Stimme zitterte. Sie hatte Mühe, überhaupt zu sprechen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. »Der Traum könnte Wirklichkeit werden. Wir ... wir könnten gemeinsam weggehen. Wir müssen nicht zurück zu den anderen. Ich meine, egal ob sich Horus durchsetzt oder die anderen, wir müssten nicht zu ihnen zurück. Nicht einmal nach Ägypten. Die Welt ist groß genug!«
»Ich bin genau da, wo ich sein will«, antwortete Isis ernst, aber auch auf eine unbestimmte Art traurig. »Und ich lebe genau so, wie ich es möchte. Ich wollte, du hättest mir dieses Gespräch nicht aufgezwungen. Aber wahrscheinlich musste es sein.«
»Aber du ...«
»Ich«, fiel ihr Isis ins Wort, »werde hier bleiben. Allein. Oder zumindest ohne dich. Du solltest überlegen, wo dein wirklicher Platz ist.«
»Was ... meinst du damit?«, fragte Bast verwirrt. Sie konnte immer noch nicht wirklich klar denken. Alles in ihr war in hellem Aufruhr.