Выбрать главу

Ihre Gedanken überschlugen sich, und ihr ganzer Körper schrie vor Verlangen. Es kostete sie fast all ihre Kraft, sich nicht auf Isis zu stürzen und sich zu nehmen, was sie so unvorstellbar dringend brauchte, was ihr zustand. Sie zitterte am ganzen Leib.

»Bist du wirklich sicher, dass du nicht weiter auf Horus' Seite stehst, als du zugeben willst?«, fragte Isis. »Vielleicht hat er ja recht.«

»Recht?« Bast lachte schrill. »Womit? Dass wir alle Götter sind und die Menschen nur unsere Spielzeuge oder bestenfalls Schlachtvieh?«

Statt zu antworten, deutete Isis auf die Photoplatte, die sie noch immer in der rechten Hand hielt. Basts Blick folgte ihrem, und sie registrierte ein dünnes Rinnsal aus Blut, das an der Glasplatte hinunterlief. Erst dann spürte sie den brennenden Schmerz. Sie hatte die Platte so fest umklammert, dass das empfindliche Glas gesprungen war.

»Das da ist es, wovor Horus wirklich Angst hat«, sagte Isis. »Die Zeit bleibt nicht stehen, und das weiß Horus auch. Er glaubt, dass er auf einem heiligen Kreuzzug ist, um die Ungläubigen zu bestrafen, die unsere Gräber plündern und uns unsere Vergangenheit stehlen, aber in Wahrheit versucht er, die Zeit aufzuhalten. Bist du sicher, dass du nicht dasselbe willst?«

»Das ist doch ... Unsinn«, sagte Bast schleppend. »Horus ist verrückt. Er ...«

»Weil er spürt, dass unsere Zeit abläuft?«, fuhr Isis ungerührt fort. »Vielleicht ist er verrückt, aber wenn, dann allerhöchstens, weil er versucht, mit dem Schwert gegen das Unvermeidliche zu kämpfen.« Sie lächelte traurig. »Vielleicht ist es sogar gut so.«

»Was?«

»Vielleicht ist unsere Zeit vorüber, Bastet.« Isis deutete abermals auf die Photoplatte. »Wie lange gibt es uns schon, Bastet? Und was haben wir erreicht?«

»Alles, was wir wollten«, antwortete Bast automatisch.

Isis lachte. »Ach, haben wir das? Nun, man könnte es auch anders sehen, meinst du nicht? Am Anfang waren wir Götter, später Könige und Kriegsfürsten, und dann wurden wir zu Legenden. Und was sind wir heute?« Sie beantwortete ihre Frage selbst, und in bitterem, aber nicht resignierendem Tonfall. »Mystische Gestalten, mit denen man Kinder erschreckt.« Sie bückte sich nach ihrem Mantel und streifte ihn über. »Was haben wir hinterlassen, Bastet? Ein paar Ruinen und eine Handvoll Bilder und Vasen in den Museen. Viele von uns sind tot, und ich fürchte, auch die Zeit von uns wenigen Übriggebliebenen läuft ab. Vielleicht gibt es uns nur deshalb noch, weil wir zu Gespenstern geworden sind, an die niemand mehr glaubt. Aber auch diese Zeit ist vielleicht irgendwann vorbei. Noch sind wir unsichtbar, aber bald können sie uns sehen, und vielleicht werden sie irgendwann wieder wissen, dass es uns gibt. Was glaubst du, wie lange wir überleben können, wenn das passiert?«

»Und deshalb willst du aufgeben und dich hier ... verkriechen?«, fragte Bast ungläubig.

»Vielleicht solltest du dasselbe tun«, seufzte Isis. »Oder dir wenigstens eingestehen, dass ich recht habe. Geh nach Hause, Bastet. Wenn du Horus aufhalten willst, dann tu es dort. Und nicht mit dem Schwert, sondern mit deinem Verstand. Scharf genug ist er. Du musst ihn nur benutzen.«

Sie kam verwirrter wieder in der Pension an, als sie sie verlassen hatte; durcheinander und zornig auf Isis und vor allem sich selbst. Abberlines Wachhund stand noch immer auf der anderen Straßenseite und wurde kreidebleich, als er sie sah - Bast war weder in der Stimmung, noch hatte sie überhaupt daran gedacht, sich zu tarnen -, und normalerweise wäre ein solches Benehmen unter ihrer Würde gewesen, aber jetzt war sie einfach in der Stimmung, ihm nicht nur freundlich zuzuwinken, sondern auch ganz bewusst ihren Mantel zurückzuschlagen, als sie das Haus ansteuerte, sodass er das Schwert an ihrem Gürtel sehen musste. Um ein Haar hätte sie sich sogar selbst verletzt, nur damit er auch noch ein bisschen Blut auf der Klinge sah - aber das war ihr dann doch zu albern.

Im Haus war es warm. Im Kamin prasselte das größte Feuer, das sie seit ihrer Ankunft hier erlebt hatte, und aus der Küche drang nicht nur das emsige Klappern von Geschirr, sondern auch ein verlockender Duft, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Während sie die Küche ansteuerte, sah sie auf die Zeiger der großen Standuhr und stellte überrascht fest, dass es auf Mittag zuging. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie so lange unterwegs gewesen war.

Als sie die Küche betrat, erlebte sie eine zweite Überraschung. Dass Mrs Walsh am Herd stand und eine Mahlzeit zubereitete, hatte sie erwartet. Was sie nicht erwartet hatte, war Cindy, die auf einem Stuhl auf der anderen Seite des großen Kohleherdes saß, mit den Beinen baumelte und Mrs Walsh interessiert zusah. Sie trug ein einfaches, aber offensichtlich neues Kleid, das ihr um gute zwei Nummern zu groß war, hatte das Haar zurückgebunden und sogar ein wenig Rouge aufgelegt, allerdings nicht auf eine Art, die Mrs Walshs gerechte Empörung noch weiter anstacheln würde, sondern wohl eher, um die blauen Flecke und Schwellungen in ihrem Gesicht zu überdecken. Freilich mit mäßigem Erfolg.

»Oh«, machte Bast überrascht.

Cindy sah sie nur wortlos an, aber Mrs Walsh ließ von ihren Töpfen ab und drehte sich beinahe erschrocken um. Ihr Gesicht hellte sich allerdings auf, als sie sah, wer hinter ihr stand.

»Das nenne ich pünktlich«, sagte sie. »Gerade wollte ich anfangen, mir Sorgen zu machen, ob ich vielleicht zu viel gekocht habe. Aber wie es aussieht, nehmen Sie ja doch inzwischen ein paar britische Tugenden an.«

»Ich wusste gar nicht, dass Pünktlichkeit dazugehört«, antwortete Bast lahm. Ihr Blick irrte verwirrt zwischen Mrs Walsh und Cindy hin und her. Das Mädchen hier unten zusammen mit Mrs Walsh anzutreffen wäre so ziemlich das Letzte gewesen, womit sie gerechnet hatte.

Mrs Walsh drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger. »Bissige Ironie gehört jedenfalls nicht dazu«, sagte sie. »Aber es ist dennoch gut, dass Sie da sind. Wir haben eine Menge zu besprechen.«

»Wir?«

»Jacob, ich und Sie«, antwortete Mrs Walsh. »Er ist nur noch einmal rasch weg, um eine Besorgung zu machen, aber er hat mir fest versprochen, pünktlich zum Lunch wieder hier zu sein.«

»Und er würde es niemals wagen, sein Wort zu brechen«, vermutete Bast.

»Niemals«, antwortete Mrs Walsh. Ironie gehörte ganz offensichtlich nicht zu den typischen britischen Eigenschaften.

»Und worüber?« Bast konnte nicht verhindern, dass ihr Blick noch einmal den Cindys suchte.

»Auch über sie«, sagte Mrs Walsh. »Aber ich ziehe es vor, beim Essen mit Ihnen darüber zu sprechen. Auf diese Weise muss ich nicht alles zweimal erzählen, und bei einem guten Lunch redet es sich ohnehin besser, finde ich. Wer weiß, vielleicht werde ich Jacob sogar gestatten, anschließend eine seiner grässlichen Zigarren zu rauchen.«

Gut, als Nächstes würde sie ihr vermutlich erklären, dass die Sonne demnächst im Westen aufging; und nach allem, was Bast in den letzten zwei Minuten erlebt hatte, würde sie ihr wahrscheinlich sogar glauben.

»Waren Sie erfolgreich?«, fragte Mrs Walsh.

»Erfolgreich? Wobei?«

»Bei Ihren Besorgungen.« Mrs Walsh machte eine Kopfbewegung zu Cindy. »Sie hat erzählt, dass sie in einer dringenden Angelegenheit wegmussten. Ich hoffe doch, dass es nichts damit zu tun hatte.«

Bast verstand nicht einmal, wovon sie sprach, bis sie ihrem Blick folgte und sah, dass ihr Mantel immer noch weit genug offen stand, dass man das Schwert sehen konnte.

»Oh nein, sicher nicht«, sagte sie hastig. »Jedenfalls nicht so, wie Sie vielleicht befürchten.«

»Soll heißen?«

»Ich ... habe mich mit einem Kunsthändler getroffen, der es vielleicht kaufen wird«, improvisierte Bast. »Man sieht es ihm nicht an, aber es ist sehr alt und sehr kostbar.«

»Und eine solche Kostbarkeit tragen Sie einfach so mit sich herum?«, fragte Mrs Walsh kopfschüttelnd, winkte zugleich aber auch ab. »Nun gut, ich weiß ja, das Sie sich Ihrer Haut wehren können. Und ich nehme an, Ihre Angelegenheit war wichtig. Sonst hätten Sie unseren Gast bestimmt nicht allein gelassen.«

»Sie hat mir versprochen, nicht wegzulaufen und auch nichts anzustellen«, antwortete Bast. »Sie hat doch Wort gehalten?«

»Das hat sie«, bestätigte Mrs Walsh. »Aber darüber reden wir später. Sind Sie vielleicht so freundlich und gehen mir ein bisschen dabei zur Hand, den Tisch zu decken?«