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»Ich ... habe mich mit einem Kunsthändler getroffen, der es vielleicht kaufen wird«, improvisierte Bast. »Man sieht es ihm nicht an, aber es ist sehr alt und sehr kostbar.«

»Und eine solche Kostbarkeit tragen Sie einfach so mit sich herum?«, fragte Mrs Walsh kopfschüttelnd, winkte zugleich aber auch ab. »Nun gut, ich weiß ja, das Sie sich Ihrer Haut wehren können. Und ich nehme an, Ihre Angelegenheit war wichtig. Sonst hätten Sie unseren Gast bestimmt nicht allein gelassen.«

»Sie hat mir versprochen, nicht wegzulaufen und auch nichts anzustellen«, antwortete Bast. »Sie hat doch Wort gehalten?«

»Das hat sie«, bestätigte Mrs Walsh. »Aber darüber reden wir später. Sind Sie vielleicht so freundlich und gehen mir ein bisschen dabei zur Hand, den Tisch zu decken?«

Maistowe erschien tatsächlich pünktlich zum Mittagessen - oder vielleicht auch gerade noch im letzten Augenblick, um sich ein Donnerwetter zu ersparen. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und Mrs Walshs Miene hatte sich mit jeder Minute weiter verdüstert, die sich der Zeiger der Uhr der Zwölf genähert hatte, aber er kam buchstäblich im allerletzten Augenblick, und so beließ Mrs Walsh es bei einem stummen, fast triumphierenden Blick in Basts Richtung. Nach dem obligatorischen Tischgebet, das Mrs Walsh mit aller Strenge zelebrierte, aßen sie in Schweigen. Bast spürte sehr wohl, dass Maistowe die Neuigkeiten, die er mitgebracht hatte, auf der Zunge brannten, und ganz offensichtlich wartete auch Mrs Walsh nur darauf, dass sie eine entsprechende Frage stellte, aber sie war noch immer zutiefst verwirrt. Ihr Gespräch mit Isis ging ihr nicht aus dem Sinn, doch je länger sie darüber nachdachte, desto weniger Sinn schien das meiste von dem zu ergeben, was sie gesagt hatte. Und desto schlimmer wurde der Schmerz, der tief in ihr wühlte.

Schließlich waren sie beim Dessert angelangt - etwas, das sich Plumpudding nannte und das ausnehmend scheußlich schmeckte; was Bast aber wohlweislich für sich behielt, als sie Maistowes und Mrs Walshs verzückten Gesichtsausdruck registrierte -, und Maistowe lehnte sich genießerisch zurück und zündete sich ein Zigarillo an.

»Das war wirklich köstlich«, sagte er. »Mein Kompliment, Gloria. Ich wusste ja, dass Sie eine hervorragende Köchin sind, aber heute haben Sie sich selbst übertroffen.«

Mrs Walsh nickte geschmeichelt, und Maistowe nahm einen tiefen Zug aus seinem Zigarillo, blies das Streichholz aus und schnippte es zielsicher eine Handbreit neben den Kamin, bevor er sich direkt an Bast wandte. »Hat es Ihnen auch geschmeckt?«

»Hervorragend«, beeilte sich Bast zu versichern.

»Das freut mich«, antwortete Maistowe. »Zumal dieses Festmahl nicht ganz ohne Grund stattgefunden hat.«

»So?«, fragte Bast.

»Nun ja, um ehrlich zu sein, ist es eher ein ... privater Grund. Aber es gehört bei uns schon seit einer geraumen Weile dazu, dass Gloria eine ganz besondere Mahlzeit zubereitet, bevor ich wieder in See steche. Als kleines ... Abschiedsgeschenk, wenn Sie so wollen.«

»So?«, fragte Bast noch einmal. Sie fragte sich, worauf Maistowe hinauswollte.

»Ich war den ganzen Morgen im Hafen, um mit einigen Leuten zu sprechen«, sagte Maistowe, nachdem er endlich eingesehen hatte, dass sie ihm nicht den Gefallen tun und eine entsprechende Frage stellen würde. »Es war nicht leicht, und ich musste eine Menge alter Schulden einfordern, aber am Ende ist es mir gelungen, eine Fracht für die Lady aufzutreiben und unsere Abfahrt vorzuverlegen. Sie wird bereits beladen, und heute Nachmittag werden Lebensmittel und Wasser gebunkert. Das größte Problem dürfte sein, die komplette Mannschaft zusammenzutrommeln, aber ich bin sicher, dass wir die meisten in den einschlägigen Spelunken finden und bis heute Abend auch halbwegs nüchtern bekommen werden. Und zur Not können wir auch auf den einen oder anderen verzichten. Die Lady ist ein tapferes Mädchen, das seinen Weg auch allein findet, wenn es sein muss.«

Bast verstand immer noch nicht, worauf er hinauswollte. »Sagten Sie nicht, dass Sie erst in ein paar Tagen auslaufen wollen?«, fragte sie.

»Das war auch unser Plan«, antwortete Maistowe. »Aber nun ist es mir gelungen, unsere Abreise vorzuverlegen. Die Lady läuft übermorgen in den frühen Morgenstunden aus.«

»Morgen schon? Warum?«, fragte Bast.

»Aber ich dachte, das wäre in Ihrem Sinne?«, antwortete Mrs Walsh an Maistowes Stelle. »Wollten Sie nicht so schnell wie möglich nach Hause?«

»Sicher«, erwiderte Bast. »Aber ...«

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Bast«, sagte Maistowe. Er lächelte noch immer, aber in seinem Blick war plötzlich auch ein Ernst, den sie bisher nicht darin bemerkt hatte. »Nun ... ich habe heute Morgen noch einmal mit Frederick gesprochen - Inspektor Abberline -, und er hat angedeutet, dass es vielleicht ... auch in seinem Interesse liegen könnte, wenn Sie London möglichst bald verlassen.«

Bast musste nur einen kurzen Moment überlegen. »Monro«, vermutete sie.

»Frederick hat keine Einzelheiten erzählt«, antwortete Maistowe. »Aber sein Gespräch mit Mr Monro scheint nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein. Wie gesagt, ich weiß nichts Genaues, aber irgendetwas ist im Busch.«

»Dann habe ich ihm auch die Ehrengarde vor der Tür zu verdanken«, vermutete Bast.

Maistowe blickte sie verständnislos an, und Bast machte eine Kopfbewegung zur Tür. »Dort draußen steht ein Polizeibeamter«, sagte sie. »Schon seit heute Morgen, vielleicht schon länger.«

Maistowe runzelte zweifelnd die Stirn, aber er sagte nichts, sondern stand wortlos auf, ging zur Tür und warf einen langen, prüfenden Blick durch das schmale Fenster daneben. »Tatsächlich«, sagte er. »Das ist erstaunlich. Aber ein Grund mehr.«

»Wegzulaufen?«, fragte Bast.

Maistowe ließ die Gardine zurückfallen. Er wirkte beunruhigt, aus einem Grund, den Bast nicht nachvollziehen konnte, aber auch immer noch zufrieden.

»Weglaufen ist nicht immer ein Zeichen von Feigheit, Bast«, sagte er. »Manchmal ist es einfach klüger, gewissen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Sie wären erstaunt, wie viele Probleme sich einfach dadurch erledigen, dass man ihnen ausweicht.«

»Das gilt vielleicht für mich«, antwortete Bast ernst. »Aber Sie kommen irgendwann zurück, Kapitän. Monro wird vielleicht nicht begeistert sein, wenn er erfährt, dass Sie mir zur Flucht verholfen haben.«

»Flucht?« Maistowe betonte das Wort auf seltsame Art. »Bisher wirft man Ihnen nichts wirklich vor, wenn ich richtig informiert bin. Und selbst wenn, kann man mir das wohl kaum zum Vorwurf machen. Ich weiß von nichts.« Er lächelte. »Und es ist auch noch gar nicht gesagt, dass ich zurückkomme.«

»Was meinen Sie damit?«

»Nun«, antwortete Maistowe, und sein Lächeln wurde eindeutig strahlend. »Der Grund für dieses besondere Essen war nicht allein meine Abreise. Es gibt ... noch einen weiteren Grund zum Feiern. Und daran sind Sie nicht vollkommen unschuldig, meine Liebe - auch wenn Sie es wahrscheinlich selbst nicht wissen.«

»Das stimmt«, antwortete Bast. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden, Kapitän.«

»Jacob«, verbesserte sie Maistowe. »Das ist das Mindeste, nach allem, was ich Ihnen zu verdanken habe.«

»Aha«, sagte Bast.

»Um es kurz zu machen«, sagte Mrs Walsh. »Jacob hat gestern Abend noch einmal mit mir gesprochen, nachdem Sie zu Bett gegangen sind. Er hat mir ... wie soll ich sagen ... den Kopf gewaschen. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Bast. Ich war egoistisch, und wohl auch ein wenig unfair zu Ihnen und Cindy. Jacob hat mir klargemacht, dass das Leben nicht nur aus meiner Pension und einem gelegentlichen Glas Sherry besteht.«

»Und was hat das ... mit mir zu tun?«, fragte Bast verwirrt.

»Unser Gespräch war damit nicht zu Ende, Bast«, sagte Maistowe. »Ein Wort gab das andere, und ... also, um es kurz zu machen: Gloria hat meinem Drängen endlich nachgegeben und meinen Antrag angenommen.«