»Antrag?«
»Jetzt schießen Sie nicht gleich über das Ziel hinaus, Jacob«, sagte Mrs Walsh. »Ich habe zugestimmt, Sie auf dieser Reise zu begleiten, nicht mehr und nicht weniger.«
»Das ist ... wunderbar«, sagte Bast, die ehrlich überrascht war. »Meinen Glückwunsch. Aber wenn Sie mir die Frage gestatten: Was habe ich damit zu tun?«
»Sie glauben doch nicht, dass ich die Abreise auch nur um eine Sekunde hinauszögere - auf die Gefahr hin, dass es sich Gloria im letzten Moment noch anders überlegt?«, fragte Maistowe schmunzelnd. »Nein, im Ernst: Wahrscheinlich wäre es ohne Sie niemals so weit gekommen. Wir hätten dieses Gespräch wohl niemals geführt ohne alles, was seit Ihrer Ankunft hier geschehen ist.«
»Wenn das so ist, dann sollte ich mich vielleicht öfter bemühen, andere in Schwierigkeiten zu bringen«, sagte Bast.
»Ich bin Ihnen jedenfalls zu Dank verpflichtet, Bast«, sagte Maistowe ernst. »Und ich glaube fest, dass Sie mit all diesen schrecklichen Vorfällen nichts zu tun haben.«
»Monro scheint da anderer Meinung zu sein«, seufzte Bast.
»Monro«, erwiderte Maistowe überzeugt, »ist ein Idiot, wenn Sie mich fragen.«
»Ich brauche Sie nicht zu fragen, um das zu wissen«, seufzte Bast. »Aber leider ist er auch ein Idiot mit Einfluss und Macht.«
»Ein Grund mehr, ihm aus dem Weg zu gehen«, sagte Maistowe.
»Die Lady wird vermutlich erst in zwei Monaten zurückkehren. Bis dahin hat er längst vergessen, dass es uns gibt, und diesen verrückten Mörder hoffentlich schon gefangen.«
»Und ... Cindy?«
»Auch dafür haben wir eine Lösung gefunden«, sagte Mrs Walsh. »Das ist auch der Grund, aus dem ich heute Morgen so frühzeitig das Haus verlassen habe. Es gibt da eine ... Institution, die sich um bedauernswerte Kinder wie sie kümmert.«
Bast warf Cindy einen raschen Blick zu und las nichts als Verachtung und bösen Spott in ihren Augen. »Das St. Catherine's?«, fragte sie.
»Im Namen der heiligen Jungfrau Maria, nein!«, schnaubte Mrs Walsh. »Diese sogenannten frommen Schwestern machen doch alles nur noch schlimmer! Fromme Sprüche haben noch nie jemanden auf den rechten Weg zurückgebracht.«
Bast hatte ihre Zweifel, ob Cindy überhaupt auf den rechten Weg zurückwollte. Sie sah Mrs Walsh nur fragend an.
»Nein«, wiederholte Mrs Walsh. »Aber ich kenne einen Pater. Vater McNeill von der Kirche der Gesegneten Schwestern, nicht einmal weit von hier. Er hat schon mehr als einem gestrauchelten Kind geholfen, wieder Fuß zu fassen und in ein normales und gottesfürchtiges Leben zurückzufinden.«
Und warum muss ein normales Leben eines sein, in dem man seinen Gott fürchtet, dachte Bast.
Mrs Walsh blinzelte, und Bast begriff zu spät, dass sie diese Frage keineswegs nur gedacht hatte, sondern laut ausgesprochen. Zu ihrer Erleichterung zog es Mrs Walsh jedoch vor, diese Frage kurzerhand zu ignorieren.
»Vater McNeill hat mir versprochen, sich Cindys anzunehmen«, fuhr sie fort. »Ich werde heute Nachmittag zu ihm gehen und ihm Cindy vorstellen. Er wird sie in einem anständigen Haus unterbringen und dafür sorgen, dass sie eine ehrliche Anstellung findet. Ich weiß, das alles kommt ein wenig schnell, aber Jacob hat mich mit seiner Eile doch ein wenig - wie soll ich sagen - überrascht. Ich habe jedoch vollstes Vertrauen in Vater McNeill. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich einer gestrauchelten Seele annimmt. Mit Erfolg, wie ich hinzufügen möchte.«
Bast schwieg. Sie konnte sich diesen Erfolg lebhaft vorstellen, aber sie wusste auch, dass jede Diskussion über dieses Thema reine Zeitverschwendung wäre. Sie machte sich auch nicht die Mühe, Cindy auch nur einen fragenden Blick zuzuwerfen.
»Sie sehen nicht wirklich begeistert aus, mein Kind«, sagte Mrs Walsh, als sie auch nach etlichen weiteren Sekunden nicht antwortete.
»Oh nein, das ist es nicht«, sagte Bast hastig. »Es kommt nur ... etwas überraschend - wie Sie ja selbst gesagt haben. Ich hatte ... andere Pläne. Aber ich muss gestehen«, fügte sie noch hastiger und mit leicht erhobener Stimme hinzu, »dass Ihr Vorschlag vernünftiger klingt.«
Sie spürte, wie Cindy dazu ansetzte, etwas zu sagen - etwas, das Mrs Walsh ganz bestimmt nicht gefallen würde -, und verhinderte es rasch. Sie war erstaunt, wie viel Widerstand ihr das Mädchen entgegensetzte, aber natürlich war es nicht genug.
»Und welche?«, fragte Mrs Walsh.
»Ich fürchte, sie waren nicht annähernd so gut wie Ihre«, antwortete Bast. »Und wenn Cindy damit einverstanden ist ...?« Sie sah Cindy fragend an und zwang sie mit sanftem Druck, zustimmend zu nicken. Was sie nicht vollkommen unterdrücken konnte, war der empörte Ausdruck in Cindys Augen.
»Dann gehen wir in einer Stunde zu Vater McNeill«, bestimmte Mrs Walsh. »Ich nehme doch an, dass Sie uns begleiten?«
Draußen war wieder die ungewöhnlich lange, diesige Abenddämmerung dieses Landes angebrochen, an die Bast sich wohl nie gewöhnen würde, ganz egal, wie sehr sie es auch versuchte.
Sie hatte es allerdings nicht besonders nachdrücklich versucht, und sie war auch nicht sicher, ob sie sich überhaupt daran gewöhnen wollte. In ihrer Heimat dauerte die Dämmerung allenfalls Minuten. Manchmal wurde es buchstäblich von einem Augenblick zum anderen finster, und nach Basts persönlichem Geschmack war das auch vollkommen richtig. Es gab den Tag, und es gab die Nacht, und was dazwischen lag, das war so unnötig und lästig wie eine Stunde, in der man sich zu Bett legt und vergeblich versucht, den Schlaf herbeizuzwingen. Dieses langsam verblassende Grau auf der anderen Seite der Fenster kam ihr vor wie ein lautloser erbitterter Kampf, den sich Tag und Nacht immer aufs Neue lieferten und in dem sich nicht nur die Umrisse der Dinge, sondern die Wirklichkeit aufzulösen schien. Selbst der Bobby, der noch immer auf der anderen Straßenseite stand und das Haus beobachtete, begann allmählich zu einem grauen Gespenst mit zerfließenden Konturen zu verblassen. Aber es war noch immer derselbe Beamte wie heute Morgen. Monro mutete seinen Untergebenen offensichtlich ziemlich lange Dienstzeiten zu.
»Wonach suchst du?«
Bast wandte sich mit einem fast erschrocken wirkenden Ruck vom Fenster ab und in Cindys Richtung. Sie hatte nicht gehört, dass das Mädchen hereingekommen war und ärgerte sich schon wieder über sich selbst, diese kleine Unaufmerksamkeit zugelassen zu haben.
»Nichts«, antwortete sie. »Ich habe nur die Dämmerung beobachtet.«
»Die Dämmerung?« Cindy ging mit schnellen Schritten an ihr vorbei und stellte sich auf die Zehenspitzen, um nicht nur aus dem Fenster zu sehen, sondern auch auf den gegenüber liegenden Bürgersteig hinab. »Du meinst den Konstabler.«
»Nein«, sagte Bast. »Die Dämmerung.«
»Was gibt's denn daran zu beobachten?«, fragte Cindy stirnrunzelnd.
»Sie dauert sehr lange. In meiner Heimat geht die Sonne so schnell unter, dass man dabei zusehen kann, weißt du? Hier dauert es viel länger. Es ist richtig unheimlich.«
»Der Nebel ist unheimlich«, sagte Cindy. »Hast du schon einmal richtigen Londoner Nebel erlebt?«
»Ja«, antwortete Bast, schüttelte gleich darauf den Kopf und verbesserte sich. »Nein. Ich meine, ich habe schon Nebel erlebt, auch hier, aber ich glaube nicht, dass es das war, was die Leute meinen, wenn sie vom Londoner Nebel reden.«
»Ganz bestimmt nicht«, versicherte Cindy. »Die Suppe ist unheimlich. Du kannst keine zehn Schritte weit sehen, und sie verschluckt jedes Geräusch. Aber es ist gut fürs Geschäft.«
»Der Nebel?«
»Sicher. Wenn es richtig neblig ist, kommen manchmal die besten Kunden.« Sie lachte leise. »Du glaubst ja nicht, wie viele feine Pinkel glauben, niemand würde sie kommen sehen, wenn sie sich im Schutz des Nebels nach Whitechapel schleichen.«