»Gute Kunden wie der von vorgestern?«, fragte Bast.
Sie hatte damit gerechnet, dass Cindy wütend würde, oder zumindest verstimmt, aber sie zuckte nur mit den Schultern. »So schlimm war er gar nicht«, behauptete sie. »Er hat immer gut gezahlt, und es gibt andere, die viel ekligere Sachen von mir verlangt haben.«
»Ekliger als sich halb tot schlagen zu lassen?«, zweifelte Bast.
»So schlimm war es nicht«, sagte Cindy noch einmal. »Okay, das letzte Mal hat er es ein bisschen übertrieben, aber das hast du ihm ja ganz schön heimgezahlt.« Sie sah Bast nachdenklich an. »Weiß du eigentlich, wen du da verprügelt hast?«
»Auf jeden Fall einen einflussreichen Mann«, antwortete Bast. »Aber mach dir keine Sorgen - du wirst ihn nicht wiedersehen. Hast du dich entschieden?«
Jetzt reagierte Cindy doch. Ihre Miene wirkte plötzlich wieder verstockt. »Als ob ich was zu sagen hätte!«, schnaubte sie. »Ich geh jedenfalls nicht zu diesem Pfaffen.«
»Warum nicht?«, fragte Bast. »Vater McNeill ist doch sehr nett.« Sie meinte das ernst. Cindy, Mrs Walsh und sie waren am Nachmittag tatsächlich bei Vater McNeill gewesen, einem weißhaarigen alten Mann, bibelfest und strenggläubig, aber nicht fanatisch, und schon gar nicht weltfremd. Ganz im Gegenteil hatte er sich als ebenso warmherziger wie humorvoller Mensch erwiesen, der sich Cindys Problem - aus Mrs Walshs Mund; Bast hatte wenig und Cindy kein einziges Wort gesprochen - angehört und mehr als einmal vielsagend die Stirn gerunzelt hatte, aber sie hatten nicht ein Wort des Vorwurfs von ihm gehört und schon gar nicht die Drohung mit ewiger Verdammnis oder dem Zorn Gottes, die sie halbwegs erwartet hatte.
»Nett?« Cindy machte ein unanständiges Geräusch. »Der Kerl ist ein alter Furz, der vom Leben keine Ahnung hat!«
»Ganz anders als du, nicht wahr?«, fragte Bast spöttisch.
Cindy überging die Bemerkung. »Ich werde jedenfalls nicht zu irgendeiner vertrockneten alten Schachtel ziehen und mich damit amüsieren, dreckige Unterhosen zu waschen.«
Das war nicht genau das, was Vater McNeill vorgeschlagen hatte, aber Bast musste zugeben, dass es der Wahrheit nahekam. Konkret hatte der Geistliche von einer ihm bekannten Witwe erzählt, die die Besitzerin einer kleinen Wäscherei war und schon öfter Waisenkinder bei sich aufgenommen und ihnen ein Dach über dem Kopf und drei warme Mahlzeiten geboten hatte ... gegen einen entsprechenden Obolus in Form ihrer Arbeitskraft, versteht sich. Bei jedem anderen hätte Bast dieses Angebot schlichtweg empört, aber sie hatte in McNeills Gedanken gelesen, dass besagte Witwe ihre Zöglinge noch nie ausgenutzt oder auch nur übervorteilt hatte. Es war eine Chance, und es waren harte Zeiten.
Trotzdem.
»Keine Angst«, sagte sie. »Ich wollte ... keine unnötigen Diskussionen mit Mrs Walsh, das ist alles. Du musst nicht in diese Wäscherei.«
»Wie gnädig. Und womit verdiene ich diese Großzügigkeit?«
»Weil ich nicht möchte, dass du in London bleibst«, antwortete Bast wahrheitsgemäß.
Cindy kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Wieso?«
»Willst du, dass Maude dich findet?«, fragte Bast. »Jetzt mal ganz im Ernst.« Sehr behutsam las sie Cindys Gedanken, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Cindy antwortete erst nach endlosen Sekunden, doch Bast hatte die Antwort schon lange zuvor auf ihrem Gesicht abgelesen.
»Nein«, sagte sie schließlich. »Das möchte ich nicht.«
»Aber genau das würde dir passieren, wenn du in London bleibst«, antwortete Bast. »Früher oder später kriegt sie dich.«
»Ja, wahrscheinlich«, sagte Cindy. »Also muss ich wohl weg. Oder freiwillig zurückgehen. Wenn ich selbst zu ihr gehe, dann wird es vielleicht nicht so schlimm.«
»Das ist deine Entscheidung.« Bast deutete zur Tür. »Ich werde nicht versuchen, dich aufzuhalten.«
»Würdest du doch.«
»Das könnte ich gar nicht«, antwortete Bast. »Sicher, ich könnte dich zwingen, in Vater McNeills Kirche einzuziehen und dort sechzehn Stunden am Tag zu beten, und du würdest glücklich dabei sein. Für eine Weile. Aber nicht auf Dauer, und schon gar nicht für den Rest deines Lebens. Du hast völlig recht: Ich kann den Willen eines Menschen brechen ... aber niemand kann dich zu einem anderen Menschen machen.«
»Und wenn du lügst? Jetzt gerade? Nur, damit ich gehorche?«
Bast lächelte. »Wenn ich jetzt lügen würde, dann hätte ich es nicht nötig zu lügen, meinst du nicht auch? Außerdem, wenn ich fähig wäre, einen Menschen wirklich zu ändern, dann gäbe es Menschen wie Maude nicht mehr. Also, wie ist es? Willst du zurück zu Maude, in die Wäscherei, oder willst du mit Faye gehen?«
»Faye?«
»Du kennst sie?«, fragte Bast. Cindy nickte verwirrt, und Bast fuhr fort: »Sie geht weg. Du konntest mit ihr gehen. Eine kleine Wohnung, harte Arbeit ... aber keine Maude mehr. Und keine Gentlemen mit ekligen Wünschen. Deine Entscheidung.«
»Und sie würde mich mitnehmen?«, fragte Cindy zweifelnd.
»Das wird sie«, antwortete Bast. »Sie weiß es zwar selbst noch nicht, aber eigentlich hat sie sich schon entschieden. Ich bringe sie mit hierher, wenn du willst. Oder du begleitest mich gleich.«
Cindy zog die Unterlippe zwischen die Zähne und begann unsicher von einem Bein auf das andere zu treten. Für einen Moment sah sie tatsächlich aus wie das unschuldige, ängstliche Kind, das Mrs Walsh so gerne in ihr gesehen hätte. »Darf ich ... noch einen Moment darüber nachdenken?«, fragte sie. »Vielleicht bis nach dem Abendessen?«
Bast wusste, Cindy hatte sich längst entschieden; sie brachte nur nicht den Mut auf, sich diese Entscheidung auch einzugestehen.
»Das im Übrigen allmählich kalt wird«, sagte Mrs Walsh von der Tür her. Bast fuhr erschrocken herum und sah sie eindeutig schuldbewusst an. Sie hatte Mrs Walsh nicht gehört, und sie wusste auch nicht, wie lange sie schon dort stand und zuhörte. Aber ihrem Gesichtsausdruck nach lange genug.
»Ich hatte dich gebeten, nach oben zu gehen und Miss Bast zum Essen zu rufen«, fuhr sie in tadelndem Tonfall und direkt an Cindy gewandt fort. »Schade. Ich hatte eigentlich gehofft, mich auf dich verlassen zu können.«
Cindy sagte vorsichtshalber gar nichts, sondern flitzte an ihr vorbei aus dem Zimmer, und auch Bast wollte sich in Bewegung setzen, doch Mrs Walsh hob rasch die Hand und hielt sie zurück. »Auf ein Wort.«
»Mrs Walsh?«
»Ich bin ein wenig enttäuscht von Ihnen, meine Liebe. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mich hintergehen.«
»Hintergehen?«
»Vielleicht war das das falsche Wort«, räumte Mrs Walsh ein, »aber Sie wissen sehr wohl, was ich meine. Warum lassen Sie mich mit Vater McNeill reden und all diese Dinge tun, wenn die Sache für Sie doch schon längst entschieden ist?«
Sie hatte alles gehört. Einen Moment lang überlegte Bast ernsthaft, die Erinnerung an die letzten Minuten aus ihrem Gedächtnis zu löschen, entschied sich aber dann dagegen. Eine solche Manipulation war anstrengend, und sie würde das Gedächtnis der beiden ohnehin einer gründlichen Überarbeitung unterziehen müssen, sobald sie in Kairo von Bord ging.
»Es ist noch gar nichts entschieden, Mrs Walsh«, sagte sie ruhig. »Und ich wollte mir auf jeden Fall anhören, was Vater McNeill anzubieten hat.«
»Nicht mehr und nicht weniger als ein gottesfürchtiges Leben und harte Arbeit«, antwortete Mrs Walsh spröde. »Ist Ihnen das nicht genug für Ihren Schützling? Glauben Sie vielleicht, es ist mir leichtgefallen, zu Vater McNeill zu gehen und ihn um Hilfe zu bitten, für so eine!«
»Was genau meinen Sie mit so eine, Mrs Walsh?«, erkundigte sich Bast kühl.
Mrs Walshs Miene verfinsterte sich noch weiter. »Bitte halten Sie mich nicht für dumm, Kleines«, sagte sie. »Ich weiß genau, was dieses Mädchen ist und woher es kommt - und damit meine ich nicht jenes zweifelhafte Etablissement, aus dem sie sie zweifellos zu Recht befreit haben. Unschuldige Kinder, meine Liebe, landen nicht in solchen Häusern. Es ist mir nicht leichtgefallen, mich für sie einzusetzen.«