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»Umso mehr danke ich Ihnen dafür, dass Sie es getan haben«, sagte Bast. Sie sollte wütend werden, und ein Teil von ihr war es auch, denn sie begriff plötzlich, dass Mrs Walsh ihr wohl nur etwas vorgespielt hatte und das ihre wirkliche Meinung über Cindy war. Eigentlich war sie aber eher enttäuscht. »Sollte sich Faye doch anders entscheiden, komme ich gern auf Vater McNeills Angebot zurück.«

»Ich nehme an, diese Faye ist ebenfalls eine ... ein Mädchen wie sie?«, fragte Mrs Walsh.

»Wenn Sie schon lauschen, dann tun Sie es richtig«, antwortete Bast freundlich. »Faye wird die Stadt verlassen und ein neues Leben beginnen. Jedenfalls hat sie mir das gesagt. Ich halte es für eine gute Idee, wenn sie es gemeinsam versuchen.« Sie erstickte Mrs Walshs Widerspruch im Keim, wenn auch mit schlechtem Gewissen. »Ich werde später zu Faye gehen und alles Notwendige mit ihr klären.«

»Tun Sie das«, antwortete Mrs Walsh. »Aber es wäre mir recht, wenn Sie diese Person nicht auch noch in mein Haus bringen würden. Und nun lassen Sie uns essen. Ich habe noch eine Menge zu tun. Immerhin geht unser Schiff um Mitternacht.«

Das war noch lange nicht alles, was sie ihr eigentlich hatte sagen wollen, das spürte Bast, und vermutlich hätte sie es auch getan, hätte sie es zugelassen. Um eine weitere Diskussion zu vermeiden, schob sie Mrs Walsh mit sanfter Gewalt aus dem Weg und ging dann die Treppe hinab ins Untergeschoss.

Der Anblick des kleinen, normalerweise pedantisch aufgeräumten Salons hatte sich seit ihrer Rückkehr von Vater McNeill am frühen Nachmittag radikal verändert: Überall standen Koffer, Taschen, Hutschachteln und Kartons. Abgesehen von dem kleinen Tisch am Kamin, auf dem eine Kanne mit dampfendem Tee und ein Abendessen warteten, das ebenso einfach wie der Lunch am Mittag überreich gewesen war, schien jedes einzelne Möbelstück mit diversen Kleidungsstücken belegt zu sein. Selbst auf dem Boden lagen Kleider, Schuhe und andere Reiseutensilien. Der Salon sah aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgezogen. Kapitän Maistowe wuselte irgendwo in all dem Durcheinander geschäftig herum, ohne dass Bast sagen konnte, was genau er eigentlich tat, während Cindy bereits am Tisch saß und sich fingerdick Butter auf eine Scheibe Schwarzbrot strich; zweifellos aus keinem anderen Grund als dem, Mrs Walsh zu provozieren.

Es funktionierte nicht. Mrs Walsh runzelte zwar erwartungsgemäß die Stirn, aber ihre Missbilligung galt offensichtlich nur der Tatsache, dass Cindy bereits angefangen hatte. »Nimm ruhig alles, was du magst, mein Kind«, sagte sie. »Was wir heute nicht verbrauchen, das wird ohnehin schlecht und muss weggeworfen werden.« Sie sah sich stirnrunzelnd und irgendwie wehleidig um. »Ich fürchte, ich werde so manches wegwerfen müssen, wenn ich zurückkomme.«

»Nun übertreiben Sie aber, Gloria.« Maistowe tauchte aus dem Durcheinander aus Kartons, Kleidern und halb gepackten Koffern auf und verzog das Gesicht. »Wir gehen nicht auf eine Weltreise, sondern fahren lediglich nach Kairo. Wir sind in längstens zwei Monaten wieder hier. Davon abgesehen, habe ich ohnehin den Eindruck, dass Sie Ihren gesamten Besitz mitnehmen.«

Mrs Walsh schenkte ihm zwar einen ärgerlichen Blick, zog es aber ansonsten vor, die Bemerkung zu ignorieren. »Ein Haus verfällt, wenn es nicht bewohnt wird, mein lieber Jacob«, seufzte sie.

»So wie eine Mahlzeit schlecht wird, wenn man sie nicht isst«, sagte Maistowe. Mit großen Storchenschritten bahnte er sich einen Weg durch das Durcheinander, wobei er sich ein weiteres missbilligendes Stirnrunzeln Mrs Walshs einhandelte, als er auf irgendetwas trat, das knackend zerbrach, und nahm am Tisch Platz. »Ich verstehe Ihre Hektik nicht, meine Teuerste. Die Lady legt erst morgen weit nach Mitternacht ab. Wir haben noch mehr als einen Tag Zeit, um Ihre Koffer zu packen und an Bord zu bringen.«

»Also ob es damit getan wäre!« Mrs Walsh setzte sich als Letzte und warf Bast einen Verzeihung heischenden Blick zu. »Ich muss mich für dieses einfache Mahl entschuldigen«, sagte sie, »aber Sie sehen ja selbst ...«

»Aber ich bitte Sie«, antwortete Bast. »Kapitän Maistowe hat keine Ahnung. Ich bin eine Frau. Ich weiß, was es heißt, für eine große Reise zu packen.«

Maistowe verzog das Gesicht und murmelte irgendetwas, das sich wie Weiber anhörte, und Bast drohte ihm spielerisch mit dem Finger. »Passen Sie auf, was Sie sagen, Kapitän. Wir sind im Moment eindeutig in der Überzahl.«

»Hm«, machte Maistowe, beließ es aber vorsichtshalber auch dabei.

»Ich bin nicht sicher, ob ich nicht einen Fehler gemacht habe«, seufzte Mrs Walsh.

»Einen Fehler?« Maistowe, der gerade dazu ansetzte, seine Gabel in das Stew zu rammen, als hielte er sich für Kapitän Ahab und das Stück Fleisch für Moby Dick, erstarrte mitten in der Bewegung.

»Mit ... alledem hier.« Mrs Walsh machte eine ausholende Bewegung. »Sie bringen Unordnung in mein Leben, Jacob.«

»Aber das tue ich doch gern«, grinste Maistowe und wurde schlagartig wieder ernst, als Mrs Walshs Blick nur noch zorniger wurde. »Das ist doch halb so schlimm«, sagte er hastig. »Wir haben noch jede Menge Zeit. Morgen sieht es hier schon wieder ganz anders aus, und für morgen Abend habe ich einen Wagen und ein paar meiner Männer bestellt, die Ihr Gepäck auf die Lady schaffen. Bei der Gelegenheit: Soll die Standuhr nun mit oder nicht?«

Bast lächelte flüchtig, aber sie war zugleich nicht ganz sicher, ob Maistowes Frage wirklich nur scherzhaft gemeint gewesen war. Mrs Walsh seufzte leise.

»Ich meine nicht diese Unordnung hier«, sagte sie. »Sie bringen mein Leben in Unordnung, Jacob, und ich verabscheue Unordnung, wie Sie wissen. Vielleicht hätte ich Ihrem Drängen nicht so schnell nachgeben sollen. Sie haben mich ...«

»Überrumpelt?«, fiel ihr Maistowe ins Wort. »Genau das war meine Absicht.«

Mrs Walsh durchbohrte ihn regelrecht mit Blicken, und Maistowe beugte sich hastig über sein Stew. Sie aßen eine Weile schweigend. Mrs Walsh musste tatsächlich ihre gesamte Speisekammer geplündert und alles Verderbliche in diesen Eintopf gekippt haben. So jedenfalls schmeckte er, fand Bast, und hielt sich zurück, soweit es möglich war.

»Das war wie üblich ganz hervorragend, meine Liebe«, sagte Maistowe. »Nur eine Schande, dass der Rest nun umkommt.«

»Ja, eine wirkliche Schande«, bestätigte Mrs Walsh.

»Warum fragt ihr nicht den Konstabler draußen, ob er Hunger hat«, schlug Cindy vor. »Der arme Kerl steht schließlich schon den ganzen Tag dort draußen.«

»Und einen heißen Tee kann er bestimmt auch gebrauchen«, fügte Maistowe hinzu. Aber er schüttelte auch gleichzeitig den Kopf. »Ich glaube kaum, dass er es annimmt. Die Londoner Bobbys sind in dieser Beziehung etwas eigen. Und wie ich Mr Monro kenne, würde er es uns am Ende noch als Bestechungsversuch auslegen und hätte endlich einen Grund, Sie zu verhaften.«

»Unsinn«, sagte Mrs Walsh. »Gegen einen heißen Tee wird wohl kaum etwas einzuwenden sein. Schauen Sie wenigstens nach, ob er noch nicht erfroren ist.«

Maistowe zierte sich noch einen Moment, stand dann aber auf und bahnte sich vorsichtig einen Weg zur Tür. Ein spürbarer Schwall von Kälte drang zu ihnen herein, als er das Haus verließ.

Schon nach einem Augenblick kam er zurück und machte ein ratloses Gesicht. »Er ist nicht mehr da.«

»Nicht mehr da?«, wiederholte Mrs Walsh. »Was soll das heißen?«

»Was es heißt«, antwortete Maistowe, während er die Tür hinter sich ins Schloss drückte. »Er ist verschwunden. Vielleicht hat Monro ihn abgezogen. Oder Frederick.«