Выбрать главу

»Nachdem er das Haus den ganzen Tag beobachtet hat?«, wandte Bast zweifelnd ein.

»Vielleicht ist er ja auch nur mal pinkeln«, sagte Cindy, und jetzt war sie es, die sich einen strafenden Blick Mrs Walshs einhandelte.

»Kaum«, antwortete Maistowe. Dann zuckte er mit den Schultern. »Ich habe Frederick natürlich heute noch nicht gesprochen. Möglicherweise haben sich ja neue Fakten ergeben.« Er versuchte zu lachen. »Wer weiß, am Ende haben sie diesen Ripper ja endlich erwischt, und Scotland Yard braucht keinen Sündenbock mehr.«

Aber so einfach war die Erklärung nicht, das spürte Bast. Irgendetwas ... stimmte hier nicht. Sie stand auf und ging um den Tisch herum, um ebenfalls zur Tür zu gehen und einen Blick nach draußen zu werfen, und Maistowe kam ihr entgegen. Allerdings unerwartet schnell und auch nicht ganz freiwillig. Die Tür wurde mit solcher Gewalt aufgestoßen, dass sie ihn wie ein Hammerschlag zwischen den Schulterblättern traf und einfach nach vorne schleuderte.

Bast versuchte ihm auszuweichen, glitt aber auf irgendetwas aus, das auf dem Fußboden lag, und musste plötzlich ihrerseits um ihr Gleichgewicht kämpfen; vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, aber lange genug, um Maistowe wie ein lebendes Geschoss gegen sie prallen zu lassen und sie endgültig von den Füßen zu reißen. Als wäre das alles noch nicht genug, prallte sie mit Schultern und Hinterkopf so hart auf die Tischkante, dass das zerbrechliche Möbelstück zusammenbrach und Holzsplitter und zerberstendes Geschirr in alle Richtungen flogen.

Mrs Walsh und Cindy schrien wie mit einer Stimme auf und prallten zurück, und Bast schlug ein zweites Mal und noch härter mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf; diesmal so hart, dass ihr für einen Moment schwarz vor Augen wurde.

Als sich ihr Blick wieder klärte, blickte sie direkt in den Lauf einer Pistole. Sie bekam kaum Luft, denn auf ihrer Brust hockte der riesigste Kerl, den sie jemals gesehen hatte. Er wog mindestens eine Tonne, und seine Knie bohrten sich mit so grausamer Kraft in ihre Rippen, dass mindestens zwei davon bereits gebrochen und die anderen auch nicht mehr sehr weit davon entfernt waren. Ein Knochensplitter bohrte sich wie eine rot glühende Dolchklinge in ihre Lunge. Der Schmerz war so grässlich, dass sie beinahe das Bewusstsein verloren hätte.

Aber eben nur beinahe. Und sie war schließlich auch nicht irgendwer.

Bast kämpfte den Schmerz mit einer kurzen, aber ungemein heftigen Anstrengung nieder und spannte sich, und der Riese, der sie niedergeworfen hatte, schlug ihr mit der linken Hand brutal ins Gesicht und rammte ihr gleichzeitig den Pistolenlauf unter das Kinn.

»Versuchen Sie's lieber nich', Miss«, sagte er. »Selbst wenn Sie's schaffen, dass ich Ihnen nich' in den Kopf schieße, würd's den andern schlecht bekommen.«

Ganz instinktiv wollte Bast ihn trotzdem von sich herunterschleudern, indem sie die Beine gegen den Boden stemmte und den Rücken durchbog, und jeden anderen Gegner an seiner Stelle hätte sie auf diese Weise auch vermutlich abgeschüttelt wie ein bockendes Wildpferd einen unerfahrenen Reiter.

Unglücklicherweise war Ben beinahe genauso stark wie sie. Er brauchte zwar all seine Kraft, um nicht abgeschüttelt zu werden, aber die Pistole bohrte sich nur noch tiefer unter ihr Kinn, sodass sie kaum noch atmen konnte, und gleichzeitig schlug er ihr noch einmal mit dem Handrücken ins Gesicht.

Diesmal platzte ihre Unterlippe auf, und sie schmeckte ihr eigenes Blut. Etwas klickte, und Bast sah wie durch einen roten Nebelschleier hindurch, wie der Hahn der Waffe zurückgezogen wurde und sich Bens Finger um den Abzug spannte.

Bast erstarrte. Sie war schnell, aber nicht so schnell, und eine Pistolenkugel ins Gesicht würde selbst sie auf der Stelle töten.

»Sehr vernünftig«, sagte Ben. »Ich würd Sie wirklich ungern erschießen, Miss. Aber ich werd's tun, wenn's sein muss.«

»Den Teufel wirst du tun, Arschloch«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Die kleine Schlampe nehm ich mir selbst vor.«

Bast drehte - unendlich vorsichtig - den Kopf, um nach dem Sprecher Ausschau zu halten. Sie sah ihn nicht, wohl aber Mrs Walsh und Cindy, die beide von zwei grobschlächtigen Kerlen in derben Kleidern und mit noch derberen Gesichtern festgehalten wurden. Bei Cindy beschränkte sich der Kerl darauf, sie einfach an den Schultern festzuhalten, der Bursche, der Mrs Walsh gepackt hatte, drehte ihr den linken Arm auf den Rücken und hielt ihr mit der anderen Hand ein Messer an die Kehle. Kapitän Maistowe hockte nur ein kleines Stück daneben auf Händen und Knien und sah benommen aus. Vielleicht war er auch vor Schrecken erstarrt, denn hinter ihm stand ein dritter Kerl, der mit einer doppelläufigen Schrotflinte auf seinen Kopf zielte.

»Tja, ist genau so, wie Ben sagt«, fuhr die Stimme fort. »Du kannst es versuchen, aber wenn dir was an deinen Freunden liegt, solltest du es bleiben lassen.«

Bast drehte den Kopf in die andere Richtung und erkannte Roy, der mit dem Rücken an der wieder geschlossenen Tür lehnte und sie breit angrinste. Allerdings erst auf den zweiten Blick, denn er hatte kaum noch Ähnlichkeiten mit dem kraftstrotzenden Riesen, als den Bast ihn kennen gelernt hatte.

Sein Gesicht war so grau wie das einer Leiche und wirkte eingefallen, als hätte er eine lange und schwere Krankheit hinter sich. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und blickten trüb, und Bast war nicht sicher, ob er wirklich nur gegen die Tür gelehnt dastand, weil er auf diese Weise lässiger wirkte. Es kam ihr tatsächlich vor, als wäre er kleiner geworden.

»Ich hätte dich doch umbringen sollen«, sagte sie mühsam. Sie konnte immer noch nicht richtig atmen. Noch ein paar Minuten, und sie würde einfach unter Bens Gewicht ersticken.

»Hast du aber nicht, Süße«, antwortete Roy. »Dumm von dir. Wie ist es - willst du noch ein bisschen unter Ben liegen bleiben, oder bist du vernünftig und versprichst mir, keine Dummheiten zu machen, wenn er dich loslässt?«

Bast sah noch einmal zu Mrs Walsh hin. An ihrem Hals lief mittlerweile eine dünne rote Linie hinab.

»Das werte ich jetzt mal als Ja«, sagte Roy. »Lass sie los, Ben. Aber pass auf. Die kleine Wildkatze ist gefährlich.«

Ben musste wohl derselben Meinung sein, denn er stemmte sich zwar vorsichtig in die Höhe - wobei er ihr mindestens eine weitere Rippe brach, und diesmal konnte sie ein leises gequältes Stöhnen nicht mehr ganz unterdrücken -, aber der Pistolenlauf bewegte sich dabei um keinen Millimeter; auch nicht, als Bast umständlich aufzustehen versuchte. Es gelang ihr kaum, denn sie musste den Kopf so weit in den Nacken legen, dass sie beinahe sofort wieder hintenübergefallen wäre.

»Vielleicht ...«, würgte sie mühsam hervor, »könnten wir uns besser unterhalten, wenn ich ... atmen dürfte.«

»Netter Versuch«, sagte Roy. »Aber dazu bist du mir zu gefährlich. Wenn's nach mir ginge, wärst du schon tot. Aber was nich' ist, kann ja noch werden. Bind ihr die Hände zusammen, Ben. Auf dem Rücken.«

Endlich verschwand der Pistolenlauf von ihrem Hals, und Bast konnte den Kopf wieder in eine normale Haltung senken und wieder atmen. Jedenfalls, soweit es der grausame Schmerz in ihrer Lunge zuließ. Sie schmeckte immer noch Blut. Und nicht nur auf der Zunge. Mittlerweile schien sich der glühende Dolch tief in ihren Leib zu bohren, und das Reißen und Brennen wurde immer schlimmer. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie hätte in diesem Moment gar nicht mehr die Kraft gehabt, sich zu wehren. Ben war mit einem einzigen Schritt hinter ihr, drückte ihre Handgelenke zusammen und legte irgendetwas darum, das sich sehr kalt und sehr hart anführte. Metall. Sie registrierte fast beiläufig, dass Roy mittlerweile ebenfalls eine Waffe gezogen hatte und auf sie zielte.

Sie konzentrierte sich, drängte den Schmerz zurück und schloss für ein paar Sekunden die Augen.