Выбрать главу

»Du weißt, dass Maude sie lebend haben will«, sagte Ben unter ihr.

»Was Maude will, ist mir scheißegal«, schnaubte Roy. »Die Schlampe ist viel zu gefährlich, um sie am Leben zu lassen - muss ich das ausgerechnet dir erklären? Wenn ihr mit ihr fertig seid, dann schneidet ihr die Kehle durch!«, rief er den beiden Kerlen nach, die sie die Treppe hinaufschleiften. »Oder auch vorher. Is' mir egal!«

Irgendwie brachte Bast die Kraft auf, zumindest den Kopf zu drehen und einen Blick nach unten zu werfen. Roy lehnte noch immer an der Tür und grinste zu ihr herauf, und Ben hielt nun die Schrotflinte in der Hand, mit der er Mrs Walsh und Cindy bedrohte. Er wich ihrem Blick aus.

Sie wurde weitergezerrt und grob durch die Tür und auf das Bett gestoßen. Ihre Hüfte stieß gegen einen der Bettpfosten, und es tat so weh, dass sie das Gefühl hatte, gepfählt zu werden. Ihr wurde schwarz vor Augen, vielleicht verlor sie für einen Moment auch das Bewusstsein.

Als sich ihre Sinne wieder zurückmeldeten - allen voran ihr Schmerzempfinden -, lag sie halb auf dem Bett, halb kniete sie davor, und sie fühlte, wie das Blut wortwörtlich aus ihr herausströmte und das Bettzeug und die Matratze besudelte. Verzweifelt schrie sie nach ihrer dunklen Schwester, deren Ketten der grausame Schmerz längst zerrissen hatte - immer noch besser als Sachmet weiterleben denn als Bastet sterben -, aber sie bekam keine Antwort. Das Ungeheuer, gegen das sie zeit ihres Lebens gekämpft hatte, war nicht mehr da.

Schritte polterten, und jemand riss ihr den Mantel von den Schultern und schlug ihr Kleid hoch. »He!«, sagte eine anerkennende Stimme. »Die Kleine trägt ja nicht mal was drunter. Das macht es einfacher. Willst du zuerst, Stan?«

»Ich bin doch nicht so krank wie ihr und vögele mit einer Leiche«, antwortete eine verächtliche Stimme. »Ich warte vor der Tür. Macht, was ihr wollt, aber beeilt euch ein bisschen.«

Die Tür fiel ins Schloss, und Bast biss die Zähne zusammen und versuchte sich gegen den Schmerz zu wappnen, der kommen musste.

Es nutzte nichts. Der Kerl nahm sie schnell und wohl absichtlich so brutal, wie er nur konnte, und der Schmerz ließ die noch immer tobende Qual in ihrem Leib zu schierer Agonie explodieren. Für einen Moment war sie dem Tod nicht nur nahe, sondern berührte ihn, eine dunkle, sanfte Macht, an der nichts Erschreckendes war, und auch nichts Forderndes, sondern die einfach nur stumm und geduldig darauf wartete, sie in ihre warme Umarmung schließen zu können.

Aber diesmal nicht. Noch nicht.

Bast besann sich endlich auf das, was ihr schon mehr als einmal das Leben gerettet hatte, zwang sich, der unvorstellbaren Agonie nicht nur standzuhalten, sondern sie ihrerseits zu nutzen, auch wenn das, was sie erlitt, die Grenzen des Vorstellbaren dabei selbst für sie überschritt. Aber es gelang ihr, für einen Moment alles andere aus ihrem Bewusstsein auszublenden und nach seinem Geist zu greifen.

Er merkte es nicht einmal, jedenfalls nicht, bevor es zu spät war. Bast gewann schon in den ersten Augenblicken genug Kraft, um der Qual endgültig Herr zu werden und sie zu bloßem Schmerz zu machen, schlimm, aber erträglich. Sie spürte, wie der Blutstrom bereits zu versiegen begann und sich ihr Körper nun mit Macht daranmachte, den angerichteten Schaden zu reparieren, und plötzlich wurde ihr klar, in welch schrecklicher und erniedrigender Lage sie sich befand; wortwörtlich. Dennoch ließ sie den Kerl noch zwei, drei Augenblicke gewähren, bevor sie sich der lebendigen Flamme in ihm weiter näherte, und mehr nahm. Mehr. Mehr.

Da er hinter ihr stand, konnte sie sein Gesicht und den Ausdruck darauf nicht erkennen, aber sie hatte es schon viel zu oft erlebt, um nicht zu wissen, dass in seinen Augen plötzlich ein Ausdruck vager Verwirrung erschien, gefolgt von einem plötzlichen Erschrecken, das in jähes Entsetzen umschlug, als er nicht nur begriff, dass etwas mit ihm geschah, sondern auch, was.

Alle begriffen es, im letzten Moment.

Er hörte auf, sich zu bewegen, oder versuchte es wenigstens, aber das ließ sie nicht zu. Sie war längst schon wieder viel zu stark, als dass er eine Chance gegen sie gehabt hätte, sie zwang ihn, weiterzumachen, mit langsamen, sehr gleichmäßigen Bewegungen jetzt, und er begann zu stöhnen. Aber es waren keine Laute der Lust, sondern das genaue Gegenteil, nichts als Qual und das schiere Entsetzen, als er spürte, wie das Leben aus ihm herausgerissen wurde, rasch und mit unerbittlicher Kraft und auf eine Art, die er sich bisher nicht einmal hatte vorstellen können.

»Ist alles in Ordnung mit dir, Frankie?«

Bast erinnerte sich erst jetzt des zweiten Kerls, der mit ihnen hereingekommen war, und schenkte dem Burschen hinter sich noch einige Sekunden Leben, indem sie ihn nun doch aus ihrem Griff entließ und ihm gestattete, aufzuhören. Er taumelte einen Schritt zurück, strauchelte und kämpfte einen Moment lang mit verzweifelter Anstrengung darum, auf den Beinen zu bleiben, verlor diesen Kampf aber. Am ganzen Leib zitternd sank er auf die Knie und weiter nach vorne, bis er seinen Sturz im letzten Augenblick mit den Händen abfing.

»Frankie, verdammt, was ist mit dir?« Der andere Bursche war mit einem Satz neben ihm. »Was hat die verdammte Hexe mit dir gemacht?«

»Dasselbe, was ich mit dir tun werde«, sagte Bast. Ihre Stimme klang brüchig, und sie zitterte noch immer leicht, als sie sich herumdrehte. »Und steck die Pistole weg. So etwas ist doch zwischen uns wohl nicht notwendig, oder?«

Bast hatte niemals an die Macht des Schicksals oder böse Flüche oder Vorahnungen geglaubt, aber mittlerweile war sie nicht mehr sicher, ob es vorhin wirklich gut gewesen war, sich so abfällig über den Londoner Nebel zu äußern. Ob es nun der typische Londoner oder ganz normaler Nebel war, das Zeug lag wie eine vom Himmel gefallene Wolke über der Straße und beschränkte nicht nur ihre Sichtweite auf kaum zwanzig Fuß, sondern tränkte auch alles mit eisiger Nässe und machte die Ziegelsteinwand so glitschig, dass sie bis zuletzt nicht einmal sicher gewesen war, das kurze Stück his zum Dach hinauf überhaupt zu schaffen. Sie war bis auf die Haut durchnässt - diesmal nicht von ihrem eigenen Blut, sondern ganz ordinärer Nässe, aber das Zeug war eisig. Die Wand, an der sie emporstieg, war glitschig wie Schmierseife, und ihre Finger und Zehen waren vor Kälte taub.

Vielleicht hätte sie doch die Treppe nehmen sollen.

Bast zog sich mit einer letzten Anstrengung auf das steile Dach hinauf, biss die Zähne zusammen, als sie spürte, wie eisig die Dachziegel waren und blieb einen Moment mit geschlossenen Augen liegen, bis sie wieder zu Atem gekommen war. Sie hatte nicht viel Zeit.

Sie hatte den zweiten Burschen schnell genommen und sich anschließend auch noch den Rest von Lebenskraft geholt, der noch in Frankie war. Es hatte nicht lange gedauert, aber es hatte gedauert, und sie glaubte nicht, dass Stan noch lange vor der Tür stehen und darauf warten würde, bis seine Freunde mit ihr fertig waren. Einen Moment lang hatte sie erwogen, ihn unter einem Vorwand hereinzurufen oder schlichtweg durch die Tür hindurch zu erschießen, um anschließend auf den Gang hinauszustürmen und dasselbe mit Roy und Ben zu tun. Ihre Chancen, es zu schaffen, standen nicht schlecht. Sie fühlte sich kräftig und energiegeladen wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Von Roy hatte sie nur das Notwendigste genommen; genug, um den schlimmsten Hunger zu stillen und ihn am Leben zu lassen, wie sie es - fast - immer tat. Die beiden gerade hatte sie vollkommen verzehrt, und sie fühlte sich so stark wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Beinahe konnte sie Horus und die anderen verstehen, die es vorzogen, ihren Hunger auf diese Weise zu stillen.

Sie verscheuchte den Gedanken und setzte ihren Weg auf Händen und Knien fort. Nach einem Augenblick erreichte sie den First, glitt hinüber und auf der anderen Seite wieder bis zur Dachkante hinab. Der Hinterhof lag gut zwanzig Fuß unter ihr, vielleicht mehr, aber sie hatte keine Zeit für einen anstrengenden und vor allem langsamen Abstieg und legte die Entfernung mit einem entschlossenen Sprung zurück. Sie kam - beinahe - lautlos auf, verbrauchte die restliche Energie mit einer geschmeidigen Rolle und schluckte einen Fluch herunter, als ihr Fuß gegen irgendetwas stieß, das mit einem hörbaren Scheppern davonflog. Ein verirrter Lichtstrahl brach sich auf blitzendem Gold.