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Bast runzelte die Stirn, ging ein zweites Mal in die Hocke und hob das abgebrochene Schwert auf, das sie am vergangenen Abend so achtlos fallen gelassen hatte. Die verbliebene Klinge war kürzer als ihr kleiner Finger, aber immer noch besser eine zerbrochene Waffe als keine Waffe.

Unendlich behutsam öffnete sie die Hintertür, schlüpfte in die Küche und ließ sich in die Hocke sinken, um durch das Schlüsselloch zu spähen. Sehr viel konnte sie nicht sehen, Roy lehnte immer noch mit dem Rücken an der Tür und zielte mit seiner Pistole auf Maistowe, der sich mittlerweile auf die Knie erhoben hatte und mit beiden Händen seinen Kopf hielt. Mrs Walsh kniete neben ihm und schien mit leiser Stimme auf ihn einzureden, und von Cindy und Ben konnte sie gar nichts sehen, aber sie war ziemlich sicher, dass Ben dem Mädchen nichts tun würde. Dennoch gefiel ihr nicht, was sie sah. Sie hatte auf ihre gewohnte Taktik - einen direkten kompromisslosen Angriff ohne Rücksicht auf sich oder andere - verzichtet, um Mrs Walsh und Maistowe nicht in Gefahr zu bringen. Sie war schnell, aber nicht schneller als eine Pistolenkugel, und Roy würde keinen Sekundenbruchteil zögern, die beiden zu erschießen, und daran hatte sich nicht besonders viel geändert.

Bast überlegte angestrengt und fuhr dann erschrocken zusammen, als irgendetwas sie sacht am Bein berührte. Aber es war nur Cleopatra, die sich schnurrend an ihr rieb und um Streicheleinheiten bettelte.

»Jetzt nicht, Cleopatra«, sagte Bast, schob die Katze ein kleines Stück zur Seite und besann sich dann eines Besseren. Lautlos rief sie Cleopatra zurück, drückte vorsichtig die Klinke herunter und spähte durch den Türspalt. Sie konnte Ben erkennen, der auf der untersten Stufe Platz genommen und die Schrotflinte quer über die Knie gelegt hatte. Cindy hockte ein kleines Stück weiter mit angezogenen Knien auf dem Boden und starrte aus blicklosen Augen ins Leere. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie sich zuerst um Roy kümmerte. Ben war zweifellos der gefährlichere Gegner, aber Bast glaubte nicht, dass er ebenso skrupellos wie Roy schießen würde. Jedenfalls nicht auf Mrs Walsh und Jacob.

Vorsichtig öffnete sie die Tür weiter und gab Cleopatra einen lautlosen Befehl, woraufhin die Katze durch den Türspalt schlüpfte und ein lautstarkes Maunzen ausstieß. Roy fuhr erschrocken herum, und auch Ben fuhr zusammen und hob blitzartig sein Gewehr, entspannte sich aber auch genauso schnell wieder und schüttelte lachend den Kopf.

»Entspann dich, Roy«, sagte er. »Es ist nur eine Katze.«

Eine Sekunde lang starrte Roy die schwarze Katze fast hasserfüllt an, und Bast rechnete fast damit, dass er seine Pistole heben und sie erschießen würde. Dann aber ließ er mit einem nervösen Lächeln die Waffe sinken und wandte sich um, und Bast stieß die Tür auf und stürzte sich auf ihn.

Sie hatte sich trotz allem verschätzt. Sie hatte gewusst, dass Ben der gefährlichere der beiden war, aber sie hätte trotz allem nicht gedacht, dass er so schnell war. Roy glotzte sie einfach nur aus hervorquellenden Augen an und verstand ganz offensichtlich überhaupt nichts, aber Maudes persönlicher Gorilla reagierte dafür umso schneller: Er sprang hoch, wirbelte das Gewehr herum und drückte ab, alles in einer einzigen, unglaublich schnellen Bewegung, und Bast fand gerade noch Zeit, sich mitten im Sprung herumzuwerfen und zu ducken.

Drei oder vier Schrotkugeln bissen wie kleine, zornige Hornissen in ihre Schulter und ihren linken Oberarm, aber der Großteil der Ladung stanzte ein rauchendes Loch in die Haustür, ohne dass ihre Wucht nennenswert von dem Umweg gebremst zu werden schien, den sie durch Roys Gesicht und Hinterkopf nehmen musste. Roy brach mit einem sonderbar gurgelnden Laut zusammen und begann mit Armen und Beinen zu zucken und Blut in alle Richtungen zu verspritzen, unglaublicherweise immer noch am Leben, und Bast kam mit einer blitzartigen Rolle auf die Füße, täuschte eine Bewegung nach links an und warf sich dann in die entgegengesetzte Richtung.

Bens Schrotflinte entlud ihren zweiten Lauf mit einem donnernden Knall, der ihr zehnmal lauter vorkam als der erste Schuss, aber ihre Finte hatte funktioniert: Die Schrotladung verfehlte sie weit und ließ ein gutes Drittel des Kaminsimses explodieren.

Bast sprang direkt auf Ben zu und hob den Schwertgriff. Im allerletzten Moment registrierte sie eine Bewegung am oberen Ende der Treppe und erkannte Stan, Roys dritten Schläger, der, vom Geräusch der Schüsse angelockt, herangestürmt kam und mit einem rostigen Revolver herumfuchtelte. Sie traf eine blitzartige Entscheidung und schleuderte den Schwertgriff in seine Richtung, statt ihn Ben ins Herz zu rammen, wie sie es ursprünglich vorgehabt hatte. Das zerbrochene Schwert verwandelte sich in einen goldfarbenen Blitz, der sich ein halbes Dutzend Mal in der Luft überschlug, bevor er sich so tief in Stans Hals bohrte, dass der Kerl zurückgeworfen und regelrecht an die Wand genagelt wurde. Er war tot, noch bevor der Revolver seinen Fingern entglitt und sich überschlagend die Treppe herunterzupoltern begann.

Und Bast begriff in einer grellweißen Lohe aus reinem Schmerz, dass sie Ben trotz allem abermals unterschätzt hatte. Er zögerte keinen Sekundenbruchteil, und statt etwas so Dummes zu tun wie etwa nach ihr zu schlagen oder sie gar mit bloßen Händen zu packen, rammte er ihr den Gewehrlauf mit solcher Gewalt in den Leib, dass sie nach Luft japsend zusammenbrach und nur noch ein rotes Wabern wahrnahm. Ihre Kräfte verließen sie, und ihr ganzer Körper schien sich von innen heraus zu verflüssigen und dabei Feuer zu fangen. Auch ihre Leidensfähigkeit hatte Grenzen, und die waren erreicht.

Als sie nach vorne kippte, rammte ihr Ben das Knie ins Gesicht. Bast wurde nach hinten geschleudert und blieb halb bewusstlos auf dem Rücken liegen. Sie verlor nicht wirklich die Besinnung, aber sie stürzte über eine unsichtbare Klippe und befand sich für einen Moment in einem Zustand, der einer Ohnmacht so nahekam, wie es überhaupt nur ging. Wie aus unendlicher Entfernung registrierte sie, wie Ben das Gewehr in den Händen herumdrehte und die Waffe nun wie eine Keule schwang, um ihr damit den Schädel einzuschlagen, versuchte instinktiv, von ihm wegzukriechen und spürte selbst, dass es ihr nicht gelang.

Alles ging wahnsinnig schnell, und zugleich schien die Zeit für sie stehen zu bleiben. Ihre Kräfte kehrten rasend schnell zurück, und nun war auch jene andere, düstere Macht in ihr wieder da, die sich mit einem wütenden Kreischen auf ihren Feind stürzen und die Krallen in sein empfindliches Fleisch schlagen und ihn zerreißen wollte, aber nichts davon würde sie jetzt noch retten.

Ben machte einen einzelnen, stampfenden Schritt auf sie zu, nahm breitbeinig über ihr Aufstellung und hob seine improvisierte Keule zu einem vernichtenden Hieb. Dann keuchte er, riss ungläubig die Augen auf und kippte dann wie ein gefällter Baum zur Seite, als sein rechtes Bein plötzlich unter ihm nachgab.

Bast warf sich instinktiv zur Seite, rollte sich keuchend vor Schmerz auf die Knie und begriff, dass das eine ganz besonders schlechte Idee gewesen war, als das Reißen und Zerren in ihrem Leib noch einmal schlimmer wurde. Ihre Wunde war wieder aufgebrochen und machte ihr mehr zu schaffen denn je. Sie konnte sich kaum bewegen, so sehr sie es auch versuchte, und nicht einmal das Wissen, dass sie noch längst nicht außer Gefahr und Ben auch auf Händen und Knien kriechend noch immer ein tödlicher Gegner war, vermochte daran etwas zu ändern.