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Wieso war er überhaupt gestürzt?

Bast zwang sich mit einiger Mühe, die Augen zu öffnen, um wenigstens zu Ben hinüberzusehen, und wurde mit einem schon fast absurden Anblick belohnt: Ben lag kaum einen Meter neben ihr auf der Seite und starrte, noch immer mit demselben, nichts anderes als verblüfften Ausdruck auf dem Gesicht, seinen rechten Fuß an, unter dem sich allmählich eine dunkelrote Lache bildete, und Mrs Walsh hockte nur ein kleines Stück neben ihm auf den Knien und starrte auf das winzige Küchenmesser, mit dem sie die Sehne an seinem rechten Knie durchtrennt hatte, mit einem sauberen Schnitt von links nach rechts.

»Du verdammte blöde Kuh«, murmelte er, noch immer viel mehr überrascht und empört als wirklich wütend. »Was ... was hast du gemacht?«

Er versuchte sich hochzustemmen, fiel mit einem schmerzhaften Keuchen wieder zurück und wälzte sich auf das andere Bein. Das Gewehr war ihm beim Sturz entglitten, aber er brauchte keine Waffe, um einer alten Frau mit bloßen Händen das Genick zu brechen. Mrs Walsh starrte ihn aus riesigen Augen an und rührte sich um keinen Zoll. »Dafür werd ich dir ...«

Bast warf sich auf ihn, schlang den Am um seinen Hals und riss ihn nach hinten. Ben war viel zu überrascht, um sich zu wehren, zumindest im allerersten Moment, und als er seine Verblüffung überwand und seinerseits nach ihr griff, um sie zu packen, überraschte Bast ihn ein weiteres Mal, indem sie nicht einmal versuchte, ihm Widerstand entgegenzusetzen, sondern sich einfach herumwirbeln und unter ihm begraben ließ. Seine linke Hand schloss sich mit erbarmungsloser Kraft um ihren Hals und schnürte ihr den Atem ab, die andere hatte er zur Faust geballt, um sie ihr mit aller Gewalt ins Gesicht zu schmettern. Von dem sanften Riesen, als den Bast ihn trotz allem immer noch eingeschätzt hatte, war nichts mehr geblieben. In seinen Augen loderte die blanke Mordlust.

Bast war schneller. Ihre Hände schossen hoch, krallten sich in sein Haar und zerrten sein Gesicht zu sich herab, und ihre Lippen berührten sich.

Bens erhobene Faust erstarrte, und in die Wut in seinem Blick mischte sich Überraschung - und dann war es auch schon zu spät.

Sie spürte ihn nicht in sich, und ihre Vereinigung erfolgte auch nicht freiwillig, was es für sie leichter gemacht hätte, aber der Unterschied war nicht sehr groß. Wenn sie Sachmets Meinung interessiert hätte, so hätte sie ihr vermutlich sogar gesagt, dass es so leichter war; oder zumindest befriedigender. Das Raubtier in ihr griff nach Bens Lebenskraft und zerrte sie einfach aus ihm heraus. Bens Augen weiteten sich. Er war tatsächlich stark, geradezu unvorstellbar stark für einen ganz normalen Menschen. Er wehrte sich noch immer. Es gelang ihm sogar beinahe, sich von ihr loszureißen.

Aber nur beinahe, und nach einem weiteren Moment waren auch seine Kräfte erschöpft. Das letzte bisschen Leben, das noch in ihm war, ging in Bast über, und die Flamme erlosch.

Und nur einen Augenblick später auch ihr Bewusstsein.

SIEBTES Kapitel

Graues Zwielicht umgab sie, als sie erwachte, und es war kalt, eine klamme, kriechende Kälte, die nicht einmal besonders intensiv war, auf eine schwer in Worte zu fassende Weise aber ganz besonders unangenehm. Sie musste an Nebel denken und sonderbar formlose Gestalten, die sich darin bewegten, und vielleicht zum allerersten Mal in ihrem so unendlich langen Leben erwachte sie mit klopfendem Herzen und von Angst geschüttelt. Wirre Bilder und ungekannte grässliche Visionen lieferten sich einen stummen Kampf hinter ihrer Stirn, und sie zitterte am ganzen Leib.

»Du musst nicht so tun, als ob du noch schläfst«, sagte eine helle Stimme. »Ich weiß, dass du wach bist. Schon eine ganze Weile.« Bast wusste nicht, was unter einer ganzen Weile zu verstehen war, aber nach ihrem Dafürhalten waren erst wenige Sekunden vergangen, seit sie aufgewacht war. Viel interessanter war die Frage, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Draußen wurde es schon wieder hell. Möglicherweise auch schon wieder dunkel ... oder auch schon zum zweiten Mal hell ... Bast lauschte einen Moment in sich hinein und stellte erschrocken fest, dass sie ihr Zeitgefühl verloren hatte. Mit ziemlicher Sicherheit war nur diese eine Nacht vergangen, aber das sagte ihr einzig ihre Logik.

»Wenn du weiter die Schweigsame spielen willst, dann gehe ich jetzt eben und hole Mrs Walsh«, fuhr Cindy trotzig fort. »Vielleicht redest du ja lieber mit der.«

Bast hatte bisher nicht einmal in ihre Richtung geblickt, sondern das schmale, ganz allmählich heller werdende Rechteck des Fensters angestarrt, aber sie hörte, wie Cindy sich herumdrehte und zur Tür ging und drehte nun rasch den Kopf in den Kissen. »Warte.«

Cindy blieb tatsächlich stehen und drehte sich zu ihr herum, kam aber nicht zurück. Sie versuchte trotzig auszusehen, aber es gelang ihr nicht, die Mischung aus Sorge und Erleichterung ganz zu verhehlen, die sie empfand. Sie sah schlecht aus, müde und ausgezehrt, und Bast musste nicht fragen, um zu wissen, dass sie die ganze Nacht an ihrem Bett gesessen hatte.

»Was ist?« Cindy legte den Kopf auf die Seite.

»Wie lange ...«, Bast deutete zum Fenster, »... habe ich geschlafen?«

»Geschlafen ist gut.« Cindy schnaubte. »Wir haben ein paar Mal gedacht, du springst über die Klinge. Wenigstens hat Mrs Walsh das gedacht ... Die ganze Nacht eben. Es ist Morgen und wird schon hell. Eigentlich müsste es schon hell sein, aber der Nebel will sich nicht verziehen.«

»Und du hast die ganze Nacht auf mich aufgepasst? Vielen Dank.«

»Einer musste es ja tun«, antwortete Cindy großspurig, wirkte aber gleich darauf plötzlich verlegen und wandte sich hastig wieder zur Tür. »Ich gehe jetzt und hole Mrs Walsh. Sie hat gesagt, dass ich sie sofort rufen soll, wenn du aufwachst, und das tue ich besser.«

Sie verschwand, bevor Bast noch etwas sagen konnte, und sie hörte, wie sich ihre schnellen Schritte draußen auf dem Flur entfernten. Das Haus war sehr still. Obwohl Bast konzentriert lauschte, konnte sie nichts außer Cindys leiser werdenden Schritten hören, und auch von draußen drang nicht der mindeste Laut herein. Wahrscheinlich dämpfte der Nebel alle Geräusche.

Bast versuchte vorsichtig, sich zu bewegen und registrierte überrascht, wie leicht es ihr fiel. Überhaupt fühlte sie sich erstaunlich ausgeruht und kräftig. Die Schwere, die nach ihrem Erwachen in ihren Gliedern gewesen war, war eine fast angenehme Mattigkeit, wie man sie manchmal nach einem langen und ganz besonders erfrischenden Schlaf empfindet, keine Erschöpfung, und auch die wirren Bilder und Visionen verwehten wie Spinnweben, die noch einen Moment im Morgentau glitzerten und dann zerrissen.

Trotzdem war sie sehr vorsichtig, als sie sich aufsetzte und die Decke zurückschlug. Sie wurde mit einem ... sehr sonderbaren Anblick belohnt. Sie war nackt, und was von ihrem Körper zu sehen war, war offensichtlich frisch gewaschen. Um ihre Leibesmitte spannte sich ein breiter, blütenweißer Verband, und auch ihr rechter Unterarm war bandagiert, wo sie die Schrotkugeln getroffen hatten. Ihr rechtes Knie und der Oberschenkel waren ebenfalls frisch verbunden. Seltsam - sie konnte sich gar nicht erinnern, dort verletzt worden zu sein.

Aber genau genommen konnte sie sich ohnehin nur an sehr wenig erinnern ...

Sie hatte Ben getötet, das war ihre letzte wirklich klare Erinnerung, dies und ein vages Gefühl von Bedauern, das sie dabei empfunden hatte. Sie hatte ihn nicht töten wollen, so wenig, wie er sie. Dennoch hatte sie es ohne zu zögern getan, so wie auch er sie umgebracht hätte, wäre sie nicht schneller gewesen. Aber das war keine persönliche Sache zwischen ihnen. Sie waren niemals Feinde gewesen, sondern nur Krieger, die auf verschiedenen Seiten kämpften. Die Zweitälteste Geschichte der Welt. Vielleicht sogar die älteste.

Ein halblautes Räuspern erklang, und Bast fuhr aus ihren Gedanken hoch und zog hastig die Decke wieder bis zu den Schultern hoch, als sie nicht nur Mrs Walsh unter der Tür erblickte, sondern auch Kapitän Maistowe, der einen weißen Verband um die Stirn trug und vor Verlegenheit nicht wusste, wohin mit seinem Blick.