»Sie sind wach«, sagte Mrs Walsh. »Das freut mich. Und Sie sehen zumindest aus, als ob es Ihnen schon besser ginge.«
Bast war nicht ganz sicher - aber da schien ein Unterton in Mrs Walshs Stimme zu sein, der nicht hineingehörte, und in ihrem Blick war zwar dieselbe Mischung aus Sorge und vorsichtiger Erleichterung zu lesen wie in dem Cindys gerade, aber auch ... noch etwas.
»Es geht mir besser«, bestätigte Bast.
»Stellen Sie sich vor, das weiß ich, meine Liebe«, antwortete Mrs Walsh. »Fühlen Sie sich kräftig genug, mit uns zu reden, oder brauchen Sie noch eine Weile, um zu Kräften zu kommen?«
Jetzt war sie sicher, sich den neuen Unterton in Mrs Walshs Stimme nicht nur einzubilden. Und auch in ihrem Blick war eine Kühle, die sie bisher noch nie darin bemerkt hatte.
»Kein Problem«, antwortete sie. »Ich wollte auch gerade ...«
»Dann dürfen wir vielleicht hereinkommen.« Mrs Walsh trat vollends ein, und Maistowe folgte ihr auf dem Fuße, doch als sich auch Cindy anschließen wollte, schüttelte sie rasch den Kopf und machte eine zusätzliche, abwehrende Handbewegung.
»Sei doch so gut und warte unten im Salon auf uns, mein Kind«, sagte sie. »Oder noch besser: Geh in die Küche und setz einen Kessel Wasser auf den Herd. Ich bin sicher, dass sich Miss Bast über eine heiße Tasse Tee freuen wird.«
»Ihr wollt nur nicht, dass ich höre, was ihr redet«, sagte Cindy salzig.
»Das mag schon sein«, erwiderte Mrs Walsh gelassen. »Es gibt Dinge, die Kinder nichts angehen. Und nun geh und kümmere dich um den Tee - bitte.«
Cindy funkelte sie noch einen Moment trotzig an, aber dann fuhr sie auf dem Absatz herum und stampfte wütend davon. Mrs Walsh schüttelte wortlos den Kopf und schloss die Tür hinter ihr.
»Ich fürchte, jetzt haben Sie sie ernsthaft gekränkt«, sagte Bast lächelnd. »Sie hasst es, wenn man sie als Kind bezeichnet.«
»Der Umstand, dass dieses Geschöpf Dinge mit ansehen musste, die keine erwachsene Frau auf der Welt jemals erleben sollte, macht sie nicht automatisch zu einer Erwachsenen«, belehrte sie Mrs Walsh. »Aber ich möchte jetzt nicht über Cindy sprechen, sondern über Sie. Würden Sie uns einige Fragen beantworten?«
Sie deutete auf Maistowe und sich, und als Bast nickte, zog sie sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Maistowe tat auf der anderen Seite des Bettes dasselbe, aber Bast konnte ihm ansehen, wie wenig wohl er sich in seiner Haut fühlte. Bast sah Mrs Walsh und ihn mit wachsender Beunruhigung an. War irgendetwas geschehen, während sie bewusstlos gewesen war?
»Ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt«, sagte sie unsicher. »Für Ihre ... Hilfe.« Sie ließ es offen, ob sie Mrs Walshs überraschendes Eingreifen mit dem Messer meinte oder die Tatsache, dass sie sich danach um sie gekümmert hatte.
»Ich habe getan, was ich konnte«, erwiderte Mrs Walsh. »Aber ich bin nicht einmal sicher, ob es wirklich notwendig gewesen wäre.«
»Was ... meinen Sie damit?«, fragte Bast zögernd.
»Im Grunde habe ich nur eine einzige Frage an Sie«, antwortete Mrs Walsh. »Und ich möchte Sie bitten, sie mir wirklich ehrlich zu beantworten ... selbst wenn Sie der Meinung sein sollten, dass die Antwort mir nicht gefällt.«
»Dazu müsste ich Ihre Frage erst einmal kennen«, meinte Bast sanft.
Mrs Walsh hielt ihrem Blick stand, auch wenn sie ihr ansehen konnte, wie schwer es ihr fiel. »Sie ist im Grunde ganz einfach«, antwortete sie. »Wer sind Sie? Ich meine: Wer sind Sie wirklich ... oder sollte ich vielleicht besser fragen: Was sind Sie?«
Bast sah sie an und gab sich alle Mühe, so zu tun, als hätte sie die Frage nicht wirklich verstanden. »Sie wissen doch, wer ich bin.«
»Ich weiß, was Sie uns gesagt haben«, erwiderte Mrs Walsh. »Ich bin allerdings nicht mehr völlig sicher, ob Sie uns wirklich die Wahrheit gesagt haben. Nicht mehr seit gestern Abend.«
»Ich verstehe«, seufzte Bast. »Was Sie gestern Abend mit angesehen haben, hat Sie schockiert. Ich hätte Ihnen das gern erspart, und Jacob und vor allem Cindy auch, aber ich hatte keine andere Wahl. Glauben Sie mir, ich hätte es auch mir sehr gerne erspart.«
»Meinen Sie, jetzt wäre der richtige Moment für Scherze?«, fragte Mrs Walsh.
»Es war auch nicht als Scherz gemeint«, sagte Bast. »Es tut mir leid, Mrs Walsh, aber ich dachte, Sie wüssten, dass ich in der Lage bin, mich meiner Haut zu wehren.«
»Ihrer Haut zu wehren?«, wiederholte Mrs Walsh. »Sie haben fünf Männer getötet, Bast. Mit bloßen Händen!«
»Genau genommen waren es vier«, sagte Bast ruhig. »Roy hatte einfach Pech ... aber Sie haben recht: Wäre das nicht passiert, hätte ich ihn vermutlich auch getötet.«
»Und das ist normal, dort, wo sie herkommen?«, fragte Mrs Walsh. »Dass eine Frau fünf ...«, sie verbesserte sich, »... vier Männer mit bloßen Händen besiegt?«
»Da, wo ich herkomme«, antwortete Bast ruhig, »bin ich so eine Art ... Kriegerin.«
»Ja, das scheint mir auch so.« Mrs Walsh tauschte einen raschen Blick mit Maistowe. »Aber das beantwortet nicht unsere Frage. Was sind Sie?«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht, was Sie meinen«, antwortete Bast.
Mrs Walsh starrte sie eine weitere Sekunde lang durchdringend an, dann beugte sie sich plötzlich vor und schlug die Decke zur Seite. Bast starrte sie vollkommen perplex an. Vorgestern Abend hätte sie Kapitän Maistowe am liebsten den Kopf abgerissen, nur weil er ihre Silhouette im Sternenlicht gesehen hatte, und jetzt schien es ihr nichts auszumachen, dass er sie splitternackt sah.
»Ich habe vor zwei Stunden Ihre Verbände gewechselt«, sagte sie. »Aber eigentlich wäre das gar nicht nötig gewesen.« Sie machte eine auffordernde Geste. »Warum nehmen Sie sie nicht ab? Sie müssen unbequem sein.«
Bast sah sie zwar noch einen Moment mit gespielter Verstandnislosigkeit an, sah dann die Sinnlosigkeit dieser Scharade aber auch selbst ein und entfernte den Verband an ihrem Arm. Mrs Walsh hatte vollkommen recht: Der Verband wäre nicht nötig gewesen. Ihre Haut war völlig unversehrt.
Rasch entfernte sie auch die Verbände an ihrem Knie und ihrem Oberschenkel, und beide Male mit demselben Ergebnis. Als sie jedoch nach dem Verband um ihren Leib greifen wollte, schüttelte Mrs Walsh hastig den Kopf.
»Das sollten Sie besser nicht tun«, sagte sie. »Das ist der einzige Verband, der noch einen Sinn hat ... vielleicht.«
Rast biss sich auf die Unterlippe. Sie fühlte sich in die Enge getrieben, und wie hätte es auch anders sein sollen? Es gab nicht mehr viel, was sie sagen konnte, ohne sich endgültig lächerlich zu machen. »Ich ... habe gutes Heilfleisch«, antwortete sie mit einem schiefen Grinsen. »Das hatte ich immer schon.«
Mrs Walsh beugte sich abermals vor und schlug die Decke wieder zurück; vermutlich aus reiner Rücksicht auf Jacob. »Roy hat Ihnen in den Leib geschossen«, sagte sie. »Aus kaum drei Metern Entfernung. Sie müssten tot sein, oder wenigstens sehr schwer verletzt, aber das sind Sie nicht. Und was diese drei Kerle mit Ihnen gemacht haben, das will ich gar nicht wissen.«
»Ich glaube, Sie wissen es«, antwortete Bast spröde. »Sie haben versucht, mich zu vergewaltigen.«
»Sie sind tot«, sagte Mrs Walsh. »Und ich habe noch nie solche Leichen gesehen.«
»Wie viele Leichen haben Sie denn schon gesehen, Mrs Walsh?«, fragte Bast sanft.
»Sie wissen, was ich meine«, erwiderte Mrs Walsh.
Natürlich wusste sie es. Sie wusste nur nicht, was sie antworten sollte. Schließlich entschied sie sich für die Wahrheit ... oder zumindest etwas, das ihr nahe kam. »Sie haben recht«, sagte sie. »Ich bin ... nicht ganz das, was Sie glauben.«