Выбрать главу

»Sind Sie ein Mensch?«, fragte Mrs Walsh.

Bast lachte. »Verzeihen Sie, Mrs Walsh - aber das ist lächerlich.«

»Ist es das?« Mrs Walsh schüttelte den Kopf. Es wirkte eher traurig als wütend. »Bastet«, murmelte sie. »Horus und Sobek ... hatte Abberline recht? Sind Sie die alten ägyptischen Götter?«

»Ja«, hörte sich Bast zu ihrer eigenen Überraschung antworten. Mrs Walshs Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, doch Maistowe starrte sie aus hervorquellenden Augen an. Er wirkte entsetzt, aber nicht überrascht. »Und Ra, Seth und Osiris und Anubis und noch eine Menge anderer Namen, die Sie vermutlich noch nie zuvor gehört haben. Es gibt uns wirklich. Aber wir sind trotzdem Menschen und keine Götter. Das waren wir nie.«

»Das fällt mir schwer zu glauben«, sagte Mrs Walsh zögernd. Sie starrte die Stelle der Bettdecke an, unter der sich der Verband über ihrem Magen verbarg.

»Aber es ist so«, antwortete Bast. Sie hatte es aufgegeben, irgendwelche Ausflüchte zu erfinden - wozu auch? Sie hatte Mrs Walsh und Jacob schon viel zu viel verraten, als dass sie ihnen ihre Erinnerung noch lassen konnte. Aber sie hatte jetzt keine Wahl mehr, und im Moment war die Wahrheit die einfachste Lösung. »Sie haben recht: Wir sind ... anders als Sie und die meisten anderen Menschen. Vielleicht ein wenig zäher, und nicht so leicht umzubringen. Aber wir sind nicht unsterblich. Im Gegenteil - ohne Ihre Hilfe hätte Ben mich möglicherweise getötet. Das war sehr tapfer von Ihnen, wissen Sie das?«

»Ich hatte keine andere Wahl«, antwortete Mrs Walsh leise. »Obwohl ich eigentlich kein Blut sehen kann.«

»Sie wären überrascht, wozu Menschen fähig sind, wenn es sein muss«, erwiderte Bast ernst. »Aber das ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Ganz im Gegenteil ...«

»Sie finden es richtig, Menschen wehzutun, mein Kind?«

»Ich finde es richtig, um sein Leben zu kämpfen«, antwortete Bast. Sie hob die Schultern und lächelte plötzlich. »Bei der Gelegenheit: Es klingt ... ein bisschen seltsam, wenn Sie mich immer mein Kind nennen, Mrs Walsh. Ich weiß, es sieht anders aus, aber ich bin älter als Sie. Viel älter.«

»Und wie alt sind Sie?«, wollte Mrs Walsh wissen.

»Ich muss gestehen, dass ich es selbst nicht mehr genau weiß«, antwortete Bast. »Aber Sie haben von den großen Pyramiden in Ägypten gehört?« Mrs Walsh nickte, und Bast fuhr fort: »Ich war dabei, als sie gebaut wurden.«

Wieder verging eine - diesmal spürbar längere - Zeit, in der Mrs Walsh sie nur anstarrte. Sie wirkte weder zweifelnd noch erschrocken oder schockiert, aber sehr erschüttert. Maistowe sah sie immer noch nicht an, sondern sah nervös überall hin, nur nicht in ihre Richtung, aber sie konnte den Aufruhr spüren, der in seinem Inneren tobte. Dennoch fand sie, dass die beiden sich erstaunlich gut hielten, in Anbetracht dessen, was sie gerade erfahren hatten. Aber vermutlich hatten sie die halbe Nacht mit nichts anderem als den wildesten Spekulationen zugebracht.

»Das ist ... erstaunlich«, murmelte Mrs Walsh schließlich. »Es fällt mir schwer, es zu glauben.«

»Ich versichere Ihnen ...«

Mrs Walsh unterbrach sie mit einem erschrockenen Kopfschütteln. »Nein, Sie verstehen nicht. Ich weiß, dass Sie die Wahrheit sagen. Ich habe es gesehen, mit eigenen Augen. Aber es ... fällt mir trotzdem nicht leicht, es zu glauben, wenn Sie verstehen.«

»Ich verstehe nur zu gut«, antwortete Bast. »Und ich versichere Ihnen, hätte ich geahnt, was passiert ...«

»... wären Sie nicht hierhergekommen, ich weiß.« Mrs Walsh seufzte. »Aber Sie sind nun einmal hier, und nun müssen wir sehen, wie wir mit dieser schrecklichen Situation zurechtkommen. Mit Gottes Hilfe wird es uns schon irgendwie gelingen.«

»Ich fürchte, Ihr Gott wird uns in diesem Punkt wenig helfen«, sagte Bast.

»Er ist nicht nur mein Gott«, sagte Mrs Walsh scharf.

Bast schluckte alles herunter, was ihr dazu auf der Zunge lag. Sie hatte wirklich keine Lust auf eine religiöse Grundsatzdiskussion. Statt zu antworten, wandte sie sich an Maistowe. »Da ich noch hier und wir alle in Freiheit sind, nehme ich an, dass niemand etwas von diesem ... Zwischenfall bemerkt hat?«

Maistowe schüttelte den Kopf, sah sie aber immer noch nicht an. Er begann unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen.

»Was ist mit dem Bobby, der draußen gestanden hat?«, fragte sie.

»Er steht immer noch dort«, antwortete Maistowe, noch immer ohne sie anzusehen. »Beziehungsweise schon wieder. Natürlich ist es nicht mehr derselbe.« Er hob die Schultern. »Ich nehme an, die Kerle haben abgewartet, bis seine Ablösung gekommen ist und es eine Lücke in der Überwachung gab. Wie es aussieht, nehmen die Konstabler ihre Pflicht nicht allzu ernst.«

»Und Roy und die anderen?«

Diesmal antwortete Maistowe nicht mehr, aber Mrs Walsh sagte: »Jacob und ich haben sie in ein leeres Zimmer geschafft. Es war das Schrecklichste, was ich jemals tun musste.« Sie lächelte gequält. »In meinem eigenen Haus.«

Maistowe sah sie irritiert an, und Mrs Walshs schiefes Grinsen erlosch wie abgeschaltet.

»Dann müssen wir die Toten wegschaffen, bevor Sie das Haus verlassen«, sagte Bast hastig. »Ich werde das übernehmen, sobald es wieder dunkel geworden ist.«

»Das wird nicht nötig sein.« Maistowe stand mit einem Ruck auf und trat ans Fenster, um in die lichter werdende Dämmerung hinauszuschauen. »Ich werde meinen Männern Bescheid geben. Wir gehen eben mit ein bisschen mehr Gepäck an Bord, als wir ursprünglich geplant haben.«

»Ihre Männer?« Bast blinzelte. »Ich dachte, die Lady of the Mist wäre ein Handelsschiff, kein Piratensegler.«

»Manchmal ist der Unterschied gar nicht so groß, wie die Leute meinen«, antwortete Maistowe. »Machen Sie sich keine Sorgen. Meine Männer sind zuverlässig, und sie stellen keine Fragen. Worüber ich mir Sorgen mache, ist etwas ganz anderes.« Er drehte sich herum, lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen das Fensterbrett und sah sie nun doch an, als gäbe ihm die Entfernung mehr Sicherheit. »Frederick Abberline.«

»Der Inspektor?« Bast runzelte die Stirn. »Sie glauben nicht, dass er etwas mit ...«

»Natürlich nicht«, unterbrach sie Maistowe hastig. »Aber diese Wache dort draußen ist nicht hier, um uns vor Einbrechern zu beschützen. Dieser Monro hat garantiert etwas vor, das mir ganz und gar nicht gefällt. Ich würde Frederick ja um Hilfe bitten, aber ich bin nicht sicher, wie weit er uns überhaupt helfen kann.«

»Ich verstehe«, sagte Bast. »Er ist Ihr Freund, aber er ist auch Polizist.«

»Und ein sehr gewissenhafter«, fügte Maistowe hinzu. »Das Mindeste, was passieren würde, wäre wohl, dass sich unsere Abreise verzögert. Und ich möchte ihn auch nicht noch weiter in diese unangenehme Geschichte hineinziehen, als es ohnehin schon der Fall ist.«

Unangenehme Geschichte, dachte Bast, war sehr schmeichelhaft ausgedrückt. Aber sie verstand, was Maistowe meinte. »Dann sollten Sie hoffen, dass er heute genug anderes zu tun hat und nicht auf die Idee kommt, Ihnen einen Abschiedsbesuch abzustatten. Weiß er, dass Sie Ihre Abreise vorverlegt haben?« Maistowe nickte. »Dann wird er wohl kommen, fürchte ich.«

»Ich vertraue Frederick«, wiederholte Maistowe. »Es ist Monro, der mir Sorge bereitet. Wenn er auch nur ahnt, dass wir von seinen schmutzigen Geschäften mit Ihren Freunden wissen ...«

Oder gar die Toten findet, fügte Bast in Gedanken hinzu. Sie verstand Maistowes Sorge nur zu gut. Sie hielt Monro nicht in dem Maße für gewissenlos und niederträchtig, wie Maistowe es zu tun schien, aber er hatte gewiss eine Menge zu verlieren, und sie vermutete, dass er nicht besonders wählerisch sein würde, wenn es darum ging, einen Sündenbock zu finden, den er der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

»Ich könnte mit Monro sprechen«, schlug sie vor.