»Auf Ihre ganz spezielle Art, vermute ich?« Mrs Walsh schüttelte heftig und beinahe empört den Kopf. »Wozu sollte das gut sein?«
Sie hatte ja recht, dachte Bast. Natürlich könnte sie dafür sorgen, dass Monro jegliches Interesse an ihr, Mrs Walsh und Kapitän Maistowe verlor ... für eine Weile. Aber sie konnte nicht jeden ausfindig machen, mit dem er bereits über diesen Fall gesprochen hatte, und da war schließlich noch immer Horus, der kaum tatenlos zusehen würden, auch wenn sie alle Spuren ihrer Anwesenheit verwischte.
Sie überlegte - oder redete sich zumindest ein, es zu tun, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie ihren Entschluss schon längst gefasst hatte. »Also gut«, seufzte sie. »Ich werde ihn suchen und mit ihm reden.«
»Wen?«, fragte Mrs Walsh misstrauisch.
»Horus«, antwortete Bast. »Einen der beiden Männer, von denen Abberline gestern gesprochen hat. Sie erinnern sich?«
»Ich erinnere mich vor allem, dass Sie behauptet haben, sie wären tot«, sagte Mrs Walsh.
»Diese Annahme war vielleicht ein wenig vorschnell«, antwortete Bast. »Sobek ist tot, aber Horus ist noch am Leben. Die Situation ist zu kompliziert, um sie in allen Einzelheiten zu erklären, aber ich hoffe, dass er bereit ist, das Land zu verlassen, wenn ich ihm sage, dass ich bereit bin, zu kapitulieren.« Und Isis niemals wieder zu sehen. Es war so furchtbar kompliziert. Wie sollte sie Mrs Walsh etwas erklären, das sie selbst noch nicht wirklich verstand oder doch zumindest nicht richtig in Worte kleiden konnte?
»Das ist albern«, sagte Mrs Walsh auch prompt. »Sie erwarten allen Ernstes, dass wir tatenlos zusehen, wie Sie sich opfern?«
»Jetzt unterschätzen Sie mich, meine Liebe«, sagte Bast lächelnd. »Auch jemand wie ich hängt am Leben.« Sie schüttelte den Kopf, als Mrs Walsh widersprechen wollte. »Ich werde mit Horus sprechen und ihn zurück nach Ägypten begleiten, und diese sogenannten Ripper-Morde werden aufhören. Es wird genau so kommen, wie Inspektor Abberline vorgestern Abend gesagt hat.«
»Und Sie werden die Gefangene dieses ... dieses Ungeheuers sein!«, sagte Mrs Walsh empört.
»Wie gesagt: Die Situation ist etwas komplizierter, als es vielleicht den Anschein hat«, antwortete Bast. »Aber ich glaube nicht, dass er mir etwas antun wird, und ich werde auch keine Gefangene sein. Nicht so, wie Sie meinen.«
»Ich verstehe«, sagte Mrs Walsh ärgerlich. »Sie wollen sagen, dass es keinen Sinn hat, uns etwas zu erklären, was dumme Sterbliche wie wir sowieso nicht begreifen.«
Einen Moment lang war Bast versucht, einfach mit Ja zu antworten und die gesamte Diskussion damit zu beenden, aber dann schüttelte sie den Kopf. »Es geht um Dinge, die Sie nicht verstehen können, Mrs Walsh, weil Ihnen ein paar tausend Jahre Erfahrung fehlen«, sagte sie sanft. »Und um Dinge, mit denen ich Sie nicht belasten möchte. Ich habe schon genug Schaden angerichtet. Aber ich kann vielleicht wenigstens einen Teil davon wiedergutmachen. Also lassen Sie es mich wenigstens versuchen. Ich muss ohnehin noch einmal nach Whitechapel, um mit Faye zu sprechen.«
»Den Teufel werden Sie tun!«, versetzte Mrs Walsh grimmig. »Ihre Wunde ist noch längst nicht verheilt, und Sie brauchen Ruhe. In der vergangenen Nacht wären Sie beinahe gestorben, ist Ihnen das eigentlich klar?« Sie erstickte Basts Widerspruch mit einem energischen Kopfschütteln im Keim. »Und ich werde gewiss nicht zulassen, dass Sie dieses arme Mädchen in die Obhut dieser ... zweifelhaften Person entlassen.«
Sie hatte eigentlich ein anderes Wort im Sinn gehabt, das spürte Bast. Entsprechend vorsichtig formulierte sie ihre Antwort. »Faye ist auch nicht sehr viel älter als Cindy, Mrs Walsh. Und ich vertraue ihr.«
»Ach, tun Sie das?«, fragte Mrs Walsh mit sonderbarer Betonung.
»Vergessen Sie nicht, dass ich ... in einen Menschen hineinsehen kann«, antwortete sie. »Keine Sorge - ich lese weder Ihre Gedanken noch die Jacobs. Aber ich erkenne, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Faye will dieses Leben genauso hinter sich lassen wie Cindy. Sie ist noch nicht so weit, es sich selbst einzugestehen, aber ich weiß, dass es so ist. Ich habe ihr versprochen, ihr dabei zu helfen, und sie wird Cindy mit sich nehmen und sich um sie kümmern. Sie kann nicht hier in London bleiben, so gut es Vater MacNeill und seine Bekannte auch mit ihr meinen mögen. So etwas wie gestern Abend könnte sich wiederholen.«
»Sie meinen also, diese ... Faye meint es ehrlich mit Ihnen?« Mrs Walsh seufzte. »Nun, dann fürchte ich, lassen Ihre famosen Fähigkeiten Sie in diesem Fall wohl im Stich.«
»Wieso?«
»Roy hat noch einen Moment gelebt«, antwortete Maistowe an Mrs Walshs Stelle. »Lange genug, um uns ...« Er tauschte einen seltsam verschwörerisch wirkenden Blick mit Mrs Walsh. »... noch ein paar Fragen zu beantworten. Haben Sie sich noch gar nicht gefragt, woher Maude und er wussten, dass sich das Mädchen hier bei uns befindet?«
Bast blickte ihn gleichermaßen fragend und beunruhigt an.
»Faye«, sagte Maistowe. »Sie hat es ihm verraten.«
»Das glaube ich nicht«, antwortete Bast impulsiv.
»Aber genau das hat Roy behauptet«, sagte Mrs Walsh. »Warum sollte er lügen? Nur sehr wenige Menschen sagen die Unwahrheit, wenn sie im Sterben liegen.«
»Und woher sollte er es auch sonst wissen?«, fügte Maistowe hinzu. »In Whitechapel bin ich kein Unbekannter, aber niemand dort weiß, wo ich wohne. Ich habe immer streng darauf geachtet, in diesem Punkt Diskretion zu wahren. Schon um Glorias willen.«
Bast spürte, dass er die Wahrheit sagte, aber etwas in ihr wehrte sich immer noch, ihm zu glauben. Warum sollte Faye sie so hintergehen?
Sie beantwortete ihre eigene Frage laut. »Wahrscheinlich hat Roy sie gezwungen.«
»Das mag sein«, sagte Mrs Walsh. »Aber es macht es nicht besser.« Sie seufzte und stand auf. »Ich werde nach dem Tee schauen, und wenn ich schon einmal dabei bin, gleich noch eine kräftige Brühe aufsetzen. Sie können sie sicher brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Möchten Sie nach unten kommen und mit uns essen, oder soll ich Cindy mit einem Teller nach oben schicken?«
Bast war so ziemlich nach allem zumute, nur nicht nach Essen, aber sie nickte trotzdem. »Ich komme nach unten.«
»Wie Sie möchten.« Mrs Walsh wandte sich zur Tür und bedeutete Maistowe mit einem Blick, ihr zu folgen, blieb aber dann wieder stehen und wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte. »Gehen Sie schon einmal voraus, Jacob. Ich habe da noch eine Sache mit Miss Bast zu besprechen.«
Maistowe machte keinen Hehl aus seiner Neugier. »Was ...?«
»Eine reine Frauengeschichte«, beschied ihn Mrs Walsh streng. »Nichts, was Sie etwas anginge. Bitte schließen Sie die Tür. Von außen.«
Maistowe riss verdutzt die Augen auf, und Mrs Walsh nahm ihm die Arbeit ab, indem sie ihm die Tür vor der Nase zuknallte, wartete aber, bis sich seine Schritte draußen auf dem Flur entfernt hatten, bevor sie sich wieder herumdrehte.
»Welche Frauengeschichten wollen Sie denn mit mir besprechen?«, fragte Bast ... aber ihr Lächeln erlosch, als sie den Ausdruck auf Mrs Walshs Gesicht gewahrte.
»Jacob hat es nicht gesehen«, sagte Mrs Walsh ernst. »Er ist wohl noch zu benommen, oder vielleicht auch zu verängstigt, aber das ist nur gut so.«
»Jacob hat was nicht gesehen?«, fragte Bast alarmiert.
»Wie Sie Ben getötet haben«, antwortete Mrs Walsh. »Ich habe es gesehen. Und ich habe auch die beiden Männer gesehen, die Sie hier oben getötet haben.«
»Ich hatte keine Wahl«, erwiderte Bast, aber Mrs Walsh unterbrach sie mit einem abermaligen zornigen Kopfschütteln.
»Das meine ich nicht«, sagte sie scharf. »Das Warum ist mir klar. Was mich interessiert, ist das Wie.«
Bast antwortete nicht gleich. Sie fragte sich, warum Mrs Walsh diese Frage stellte. Schließlich kannte sie die Antwort - sie hatte es mit eigenen Augen gesehen. »Warum fragen Sie das?«