»Weil Sie behauptet haben, Sie wären ein Mensch«, erwiderte Mrs Walsh ernst. »Ich frage mich, ob Sie die Wahrheit gesagt haben, oder ob Sie vielleicht ... etwas anderes sind.«
»Und was sollte das sein?«
»Sagen Sie es mir.«
Bast erwog ihre Antwort genau. »Die Unsterblichkeit hat ihren Preis. Leben ist ein empfindliches Gut. Es ... verbraucht sich. Manchmal muss man das Reservoir wieder auffüllen.«
Mrs Walsh sah sie durchdringend an. Sie schwieg.
»Haben Sie sich nie gefragt, warum man es Vereinigung nennt?«, fuhr Bast fort. »Die wenigsten Menschen wissen es, aber es ist weit mehr als ein rein körperlicher Akt. Es ist eine Vereinigung. Aus zwei Leben wird eines. Zwei Seelen verschmelzen. Sie lösen sich auch wieder voneinander, aber manchmal bekommt die eine etwas von der anderen, und umgekehrt.«
»Aber Sie können es nehmen«, vermutete Mrs Walsh. »Ernähren Sie sich so?«
»Wenn Sie es so bezeichnen wollen«, antwortete Bast. »Es ist ein wenig komplizierter, aber man könnte es so nennen.« Sehr behutsam, damit Mrs Walsh es nicht merkte, verlieh sie ihren Worten mehr Glaubwürdigkeit und den entsprechenden Nachdruck. »Wir sind keine Teufel oder Dämonen, wenn Sie das glauben, und auch keine Mörder. Die meisten von uns nehmen nie mehr, als sie zum Überleben brauchen.«
»Sie schlafen mit einem Mann und stehlen ihm dabei seine Lebenskraft.« Mrs Walsh klang erschüttert, und auf einer Ebene empört, die Bast ihre nächsten Worte noch sorgfältiger überlegen ließ.
»So ist es nicht«, sagte sie. »Ich habe nie einen Menschen getötet - außer in Notwehr. Nicht einmal Roy, obwohl er es wahrscheinlich zehnmal verdient gehabt hätte. Sie haben ihn gesehen. Er hätte sich erholt. In ein paar Tagen oder Wochen wäre er wieder ganz der Alte gewesen.« Sie hob die Schultern. »Was immer das auch heißt.«
Mrs Walsh wirkte nicht beruhigt. Ganz im Gegenteil. Aus dem Ausdruck in ihrem Blick war etwas geworden, das weit über Empörung und bloße Entrüstung hinausging, und das selbst Basts überlegener Wille nicht zu besänftigen vermochte. »Das ist ... unnatürlich!«, keuchte sie. »Hören Sie auf damit! Ich will nichts mehr davon hören!«
»Sie haben mich gefragt«, antwortete Bast ruhig. »Und ich kann Ihnen versichern, dass es absolut nicht wider die Natur ist. Ganz im Gegenteil. Es ist die natürlichste Sache der Welt. Warum sonst gäbe es Männer und Frauen?«
»Nicht aus diesem Grund!«, sagte Mrs Walsh. Sie schrie fast. »Gott hat Mann und Frau erschaffen, damit sie sich fortpflanzen und Kinder zeugen, nicht um der Fleischeslust zu frönen! Sie sprechen wie diese verdorbenen Frauen, mit denen sich Jacob manchmal trifft! Er ist ein Mann und weiß es nicht besser. Aber Sie? Sie sind eine Frau, ganz egal, was Sie außerdem noch sein mögen, und wie alt Sie angeblich sind! Sie sollten wissen, wie sich eine Frau von Anstand und Sitte zu benehmen hat! Gottes Wort ist in dieser Hinsicht sehr eindeutig!«
»Gottes Wort - oder das, was Menschen in seinem Namen dafür ausgeben?«, fragte Bast. Eine innere Stimme warnte sie, nicht weiterzusprechen, aber Mrs Walshs Bigotterie ärgerte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Ich kenne Ihren Gott nicht, aber ich habe den Mann gekannt, den Sie Jesus von Nazareth nennen, und ich kann Ihnen versichern, dass er in dieser Hinsicht vollkommen anderer Meinung war.«
Mrs Walsh starrte sie an. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, aber sie sagte nichts mehr, sondern wandte sich nach einer Weile wortlos und mit einer unendlich müde wirkenden Bewegung um und verließ das Zimmer.
Bast blieb tatsächlich noch eine geraume Weile oben in ihrem Zimmer - nicht weil sie sich wirklich noch schwach gefühlt hätte, oder sich gar noch schonen musste, wie Mrs Walsh anzunehmen schien, sondern weil es ihr im Moment einfach unangenehm gewesen wäre, Mrs Walsh unter die Augen zu treten. Sie war sich ja so klug vorgekommen bei ihrem letzten Satz; ein Totschlag-Argument, gegen das Mrs Walsh absolut nichts mehr einwenden konnte ... aber das genaue Gegenteil war der Fall gewesen. Vielleicht nur eine Winzigkeit, aber eben doch zu spät, hatte sie begriffen, dass sie wahrscheinlich gar nichts Schlimmeres hätte sagen können. Selbstverständlich wusste Mrs Walsh tief in sich, dass sie recht hatte, aber sie selbst hätte es verdammt noch mal besser wissen müssen! Tief in sich drinnen war Gloria Walsh eine Fanatikerin, eine Rolle, in die sie hineingeboren und -erzogen worden war und für die sie absolut nichts konnte, und was konnte man einem Fanatiker Schlimmeres antun, als ihm zu beweisen, dass alles, woran er glaubte, falsch war?
Sie hätte es wirklich besser wissen müssen! Aber nun war der Fehler einmal gemacht, und sie war es leid, einmal Gesagtes wieder zurückzunehmen. Außerdem würde sie dies später ohnehin alles auf einmal bereinigen ...
Eine gute halbe Stunde lang lag sie noch reglos auf dem Bett, starrte die Decke über ihrem Kopf an und haderte mit dem Schicksal, bevor sie es schließlich aufgab und aus dem Bett stieg, um sich anzuziehen. Sie trat ans Fenster, um auf die Straße hinunterzusehen. Es war immer noch nicht richtig hell geworden, obwohl die Dämmerung längst vorüber sein musste. Über der ganzen Stadt schien eine dunstige graue Glocke zu liegen, die das Tageslicht nicht wirklich absorbierte, ihm aber irgendetwas zu nehmen schien, sodass es zwar möglich, aber auf eine sonderbare Weise unangenehm war, richtig zu sehen.
Dennoch erkannte sie natürlich den Bobby, der frierend auf der anderen Straßenseite stand und so tat, als würde er aufmerksam das Haus beobachten. Es war nicht derselbe wie gestern - in diesem Punkt hatte Maistowe die Wahrheit gesagt -, sondern ein jüngerer und deutlich größerer Mann, dessen Unmut über diesen ebenso unangenehmen wie langweiligen Auftrag sie selbst über die Entfernung hinweg zu spüren glaubte. Er war womöglich noch unaufmerksamer als sein Kollege von gestern, und Rast machte sich keine Sorgen darüber, ungesehen an ihm vorbeizukommen, sollte es nötig sein. Worüber sie sich Sorgen machte war der Umstand, dass er überhaupt da war. Warum ließ Monro - oder Abberline - das Haus beobachten? Und wen eigentlich? Mrs Walsh, Maistowe oder sie? Bast war sich mit einem Male gar nicht mehr so sicher, dass es tatsächlich nur darum ging, einen Sündenbock für irgendetwas zu haben ...
Sie schüttelte den Gedanken ab - der Kerl da unten war nicht einmal der Schatten einer Gefahr, und in ein paar Stunden spielte es auch überhaupt keine Rolle mehr, warum er da war oder wer ihn geschickt hatte - und trat an ihren Koffer heran, um sich ein frisches Kleid zu nehmen - wie sich zeigte, das letzte, das sie überhaupt noch besaß. Also gut, das vereinfachte ihre Rückreise. Sie war jetzt nur noch mit kleinem Gepäck unterwegs.
Bevor sie sich anzog, wickelte sie gegen Mrs Walshs Rat den Verband von ihrer Leibesmitte. Es war so, wie Mrs Walsh gesagt hatte: Ihre Wunde war noch nicht vollständig verheilt, befand sich aber auf dem besten Wege dazu. Noch ein paar Stunden, und von der schrecklichen Verletzung würde nicht einmal mehr eine Narbe zu sehen sein.
Trotzdem veranlasste sie dieser Anblick zu einem weiteren, tiefen Stirnrunzeln. Mrs Walsh war mit ihrer Behauptung, sie wäre in der vergangenen Nacht beinahe gestorben, der Wahrheit näher gekommen, als sie zugeben wollte. Es hatte tatsächlich nicht viel gefehlt, und das hätte nicht passieren dürfen. Von Ben einmal abgesehen waren die anderen keine Gegner gewesen, an die sie normalerweise auch nur einen Gedanken verschwenden würde, und doch wäre sie um ein Haar getötet worden - nicht weil ihre Kräfte sie im Stich gelassen hätten oder sie unaufmerksam gewesen wäre, sondern weil sie Rücksicht auf Mrs Walsh und die anderen genommen hatte. Sie wurde weich. Vielleicht die gefährlichste aller möglichen Schwächen.
Bast verscheuchte auch diesen Gedanken, streifte ihr Kleid über und verließ das Zimmer, um nach unten zu gehen.
Sie erlebte eine Überraschung. Sie hatte natürlich damit gerechnet, noch einen Leichnam zu finden, oder auch nur Spuren des Kampfes, aber der Salon blitzte regelrecht vor Sauberkeit. Wären da nicht der beschädigte Kaminsims und das Loch in der Haustür gewesen - im Vorbeigehen registrierte sie, dass Maistowe es offensichtlich von außen mit Brettern vernagelt hatte -, hätte man meinen können, es wäre überhaupt nichts passiert. Mrs Walsh musste die halbe Nacht geschrubbt und aufgeräumt haben. Nirgendwo war auch nur der winzigste Blutfleck zu sehen, und der Gestank nach Schießpulver, Blut und Furcht war Mrs Walshs Lieblingsgeruch gewichen - frischer Kernseife -, und sie hatte die Gelegenheit offensichtlich beim Schopf ergriffen und auch gleich noch ihre Bagage für die Abreise zusammengepackt. Neben der Tür stapelten sich zwei ausgewachsene Schrank-, ein halbes Dutzend normaler, wenngleich ebenfalls großer, Koffer und nahezu ein Dutzend Hutschachteln, Kisten und Reisetaschen. Bast ertappte sich dabei, tatsächlich einen flüchtigen Blick in die Nische neben der Treppe zu werfen, in der die antike Standuhr stand. Aber sie war noch da.