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Bast nickte abwesend und konzentrierte sich. Es war aber nicht nur ein Wagen, der da in eiligem Tempo näher kam, sondern mindestens zwei, und sie bewegten sich nicht einfach schnell, sondern in geradezu halsbrecherischem Tempo. Sie hörte noch einen Atemzug lang beunruhigt zu und beschloss dann, aufzustehen und wenigstens einen Blick aus dem Fenster zu werfen, aber sie kam nicht mehr dazu. Das Droschkengeräusch kam rasend schnell näher und brach dann abrupt ab, und nach einer eigentlich unmöglich kurzen Zeitspanne wurde die Tür aufgestoßen, und Inspektor Abberline stürmte herein, dicht gefolgt von gleich drei uniformierten Polizeibeamten, die nicht nur äußerst aufgeregt - und ein bisschen ängstlich - wirkten, sondern auch ausnahmslos bewaffnet waren. Bast rührte sich nicht.

Maistowe hingegen sehr wohl, indem er aufsprang und einen zornigen Schritt machte, dann jedoch unvermittelt zur Salzsäule erstarrte, als gleich zwei der Polizeibeamten ihre Revolver auf ihn richteten und Abberline eine rasche, warnende Handbewegung machte. »Setz dich wieder hin, Jacob. Sofort!«

Wahrscheinlich lag es zum allergrößten Teil an seinem scharfen Ton, dass Maistowe tatsächlich wieder zurückwich und sich in seinen Stuhl plumpsen ließ. »Bist du ... verrückt geworden, Frederick?«, murmelte er. »Was soll das?«

»Schweigen Sie, Kapitän«, antwortete Abberline. Er gab den drei Männern hinter sich einen Wink, der Bast klarmachte, dass sie ihr Vorgehen offensichtlich genau abgesprochen hatten: Einer von ihnen postierte sich so, dass er Maistowe und Bast mit seiner Waffe in Schach halten konnte, die beiden anderen machten Anstalten, die Treppe hinaufzueilen.

»Durchsucht das Haus!«, befahl er. Maistowe fuhr sichtlich zusammen, und Bast sagte rasch:

»Aber das ist doch nicht nötig.«

Abberline staunte nicht schlecht, als die beiden Bobbys tatsächlich mitten im Schritt erstarrten und plötzlich irgendwie ratlos aussahen. Eigentlich staunte er nicht, sondern wirkte ein bisschen entsetzt.

»Und Sie können auch Ihre Waffen wegstecken, meine Herren«, fuhr Bast fort. »Es sei denn, Sie wollen uns auf der Stelle erschießen.«

Die drei Männer gehorchten, und Abberlines Gesicht verlor auch noch das allerletzte bisschen Farbe. »Was ...?«

»Genau dieselbe Frage wollte ich Ihnen auch gerade stellen, Inspektor«, unterbrach ihn Bast kühl. »Was soll dieser Überfall?«

Abberline starrte sie noch eine weitere Sekunde lang an, aber er fand seine Fassung erstaunlich schnell wieder. »Wo sind Mrs Walsh und das Mädchen?«, fragte er.

»Nicht hier«, antwortete Bast, bevor Maistowe es tun konnte. »Aber wir erwarten sie jeden Augenblick zurück.« Innerlich atmete sie vorsichtig erleichtert auf. Wenn Abberline nach Mrs Walsh und Cindy fragte, dann bedeutete das mit ziemlicher Sicherheit, dass den beiden nichts passiert war. »Und jetzt wäre ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie uns erklären würden, was dieser Überfall zu bedeuten hat.«

Abberline sah die drei Bobbys, die mit ihm hereingekommen waren, noch immer zutiefst verwirrt an, aber er ging nicht auf das schier unglaubliche Bild ein, das sich ihm bot. Er beantwortete auch ihre Frage nicht, sondern stellte seinerseits eine.

»Wo waren Sie heute, Bastet?«

»Was soll denn das?«, murmelte Maistowe.

»Heute? Hier!«, antwortete Bast. »Den ganzen Tag. Ich habe das Haus nicht verlassen.«

»Und dafür gibt es Zeugen, nehme ich an?«

»Jacob, Mrs Walsh und Cindy«, antwortete Bast. Irgendetwas war passiert. Etwas Schlimmes. Aber sie wagte es nicht, sich wirklich zu fragen, was. »Und der Beamte, den Sie auf der anderen Straßenseite postiert haben. Warum fragen Sie?«

Abberline wandte sich an Maistowe. »Ist das wahr? Sie hat das Haus nicht verlassen? Auch nicht kurz?«

»Weder heute noch vergangene Nacht«, antwortete Maistowe. Er klang noch immer verwirrt, aber auch in zunehmendem Maße wütend. »Sie hat die ganze Nacht in ihrem Bett gelegen und es nicht einmal verlassen. Das kann ich bezeugen.«

Abberline runzelte ob dieser ungefragten Information irritiert die Stirn. Normalerweise hätte auch Bast das nicht besonders komisch gefunden, aber im Moment war es ihr ziemlich egal, was Abberline sich dabei dachte.

»Also, Inspektor - was ist passiert? Was sollen diese Fragen ... und die Waffen?«

»Ich fürchte, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie, Miss Bast«, antwortete Abberline unbehaglich. »Es ist mir nicht angenehm, und es war ganz sicher nicht meine Idee, aber ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften und nach Whitehall zu bringen.«

»Verhaften?«, ächzte Maistowe. »Haben Sie den Verstand verloren?«

Bast machte eine besänftigende Geste. »Munro?«, vermutete sie. Abberline nickte. Sein Blick irrte immer wieder zu den drei Bobbys hin, und Bast war fast sicher, dass er ganz allmählich zu begreifen begann, was geschah. Nur nicht, was er damit anfangen würde. »Was genau ist passiert? Vermisst er seinen Kanopendeckel?«

»Es ist wieder passiert«, antwortete Abberline ernst. »Diesmal am hellen Tag. Er wird immer dreister.«

»Der Ripper?«, fragte Maistowe erschrocken.

»Nicht nur das. Diesmal hat der Mistkerl seine Tat angekündigt«, antwortete Abberline. »Er hat einen weiteren Brief an die Presse geschickt. Nach dem Poststempel zu schließen, wurde er gestern aufgegeben, aber da war das Opfer nachweislich noch am Leben.« Zorn spiegelte sich in seinem Blick, aber Bast hatte das Gefühl, dass das noch nicht alles war.

»Wer ist das Opfer?«, fragte Maistowe.

»Das wissen wir noch nicht«, sagte Abberline. »Ich habe Männer vor Ort, aber die Leiche ist noch nicht eindeutig identifiziert. Es dürfte ... eine Weile dauern, fürchte ich. Ich komme gerade von dort, und es ist kein schöner Anblick.«

»Und Sie sind sicher, dass es der Ripper war?«, fragte Bast.

»Wenn Sie die Tote gesehen hätten, würden Sie diese Frage nicht stellen«, antwortete Abberline.

»Und das ist für Sie Grund genug, hier gleich mit einem Haftbefehl und einer kleinen Armee aufzutauchen?«, fragte Maistowe empört.

Bast brachte ihn mit einer raschen Bewegung zum Schweigen. Das war nicht der Grund, aber es interessierte sie im Moment nicht. Irgendetwas sehr Schlimmes war passiert, dessen war sie sich mittlerweile sicher. »Wo ist es passiert?«, fragte sie. »Wieder in Whitechapel?«

»Ja, wenn auch am Rande. Eine kleine Wohnung in einem schäbigen Hinterhof, die ...«

»Mit nur einem Zimmer?«, fiel ihm Bast ins Wort. Sie sprang auf. »Nur ein Bett, ein kleiner Ofen und eine Kiste?«

»Und eine Leiche«, bestätigte Abberline. Er klang plötzlich hörbar misstrauisch. »Darf ich fragen, woher Sie das wissen?«

Faye. Bei Ra, sie hatten Faye getötet! »Weil ich diese Wohnung kenne!«, antwortete sie mühsam beherrscht. »Und ich fürchte, auch das Mädchen, von dem Sie sprechen. Bringen Sie mich hin!«

»Es tut mir leid, aber ich habe Befehl, Sie ...«

»Sofort!«

Der Wagen war in so halsbrecherischem Tempo durch die schmaler werdenden Straßen geprescht, dass es Bast im Nachhinein fast wie ein kleines Wunder vorgekommen war, dass sie niemanden überfahren hatten, oder in einer der scharfen Kurven einfach umgekippt waren.

Und zugleich hatte sie das Gefühl gehabt, dass die Fahrt einfach kein Ende nehmen wollte.

Jetzt hatten sie ihr Ziel erreiht, und Bast sah ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Die Straße, in der Fayes winzige Hinterhof-Wohnung lag, war an beiden Enden abgesperrt, und eine kleine Armee von Bobbys bildete nicht nur einen grimmigen Absperr-Ring vor der schmalen Toreinfahrt, sondern versuchte auch - mit mäßigem Erfolg - der immer größer werdenden Masse der Schaulustigen und Gaffer Herr zu werden, die sie belagerte.

Aber es waren nicht einfach nur Schaulustige. Etwas hatte sich geändert seit jener Nacht, als sie vor Liz' Leichnam gestanden hatte. Auch diese Leute hier waren von der bloßen Neugier und der morbiden Faszination der Gewalt, die anderen angetan wurde, angezogen worden, aber das war nicht alles. Etwas Neues war dazugekommen. Diese Leute hier hatten Angst. Und sie suchten einen Schuldigen.