Der Wagen hielt mit einem klirrenden Ruck und dem protestierenden Schnauben und Hufeschlagen der Pferde an, die viel zu brutal abgebremst worden waren, und Abberline stieß die Tür auf und gebot ihr mit einer hastigen Geste, zurückzubleiben. Bast beobachtete, wie er mit wenigen raschen Gesten dafür zu sorgen versuchte, dass die Beamten eine Gasse durch die Menschenmenge für sie bahnten. Offensichtlich gingen seine Überlegungen in eine ganz ähnliche Richtung wie ihre eigenen.
Sie ging dennoch kein Risiko ein. Im gleichen Augenblick, in dem sie den Wagen verließ, schlüpfte sie in eine andere Gestalt, und jedermann, der jetzt in ihre Richtung blickte, sah nichts als einen weiteren Bobby mit Cape und hohem Helm, der Abberline folgte. Jeder außer Abberline selbst - und möglicherweise der Linse einer Kamera, die vielleicht in diesem Moment auf sie gerichtet war.
Abberline wedelte ungeduldig mit der Hand, ihm zu folgen, wirkte aber zugleich auch schon wieder verblüfft und ein wenig misstrauisch. Er sah sie so, wie sie wirklich aussah, und er konnte auch nicht wissen, was alle anderen in seiner Umgebung wahrnahmen, aber er spürte zweifellos, dass etwas Sonderbares vorging.
Bast ging so schnell weiter, dass ihm gar keine Zeit zum Nachdenken blieb. Die Beamten vor dem Tor wichen respektvoll vor dem Inspektor und ihrem unbekannten Kollegen zur Seite, und Bast trat in den Schatten des Torbogens. Ihr Herz begann mit jedem Schritt über das Kopfsteinpflaster schneller zu schlagen. Licht drang aus einer Türöffnung in das Dunkel des Hinterhofs. Es war Fayes Wohnung, und Bast fühlte sich plötzlich elend, zugleich aber unglaublich zornig. Sie hatte es ja gewusst. Es war noch keine zwei Stunden her, da hatte sie Maistowe gesagt, dass Horus ganz genau das tun würde: alles und jeden vernichten, der ihr auch nur irgendetwas bedeutete. Und doch fühlte sie sich jetzt, als hätte sie selbst Faye getötet. Faye, die ...
... sich gleichen Moment herumdrehte, in dem Bast das hoffnungslos überfüllte Zimmer betrat, und sie aus leeren, vom Weinen verquollenen Augen anblickte.
»Faye?«, murmelte sie verwirrt.
»Kennen wir ...« Faye brach ab, und ihre Augen weiteten sich, als Bast mit einiger Verspätung endlich daran dachte, ihre Tarnung aufzugeben und wieder in ihre wirkliche Gestalt zu schlüpfen.
»Bast?«, flüsterte sie verstört.
Bast war im allerersten Moment nicht weniger sprachlos als sie. Sie war in der festen Überzeugung hierhergekommen, Fayes geschändeten Leichnam identifizieren zu müssen, aber jetzt stand Faye unversehrt und nur zu Tode erschrocken vor ihr.
Bast überwand endlich ihre Überraschung und sah sich aufmerksam um. Außer Faye und ihr selbst befanden sich noch fünf weitere Personen in dem winzigen Kämmerchen. Vier davon waren uniformierte Polizisten, der fünfte niemand anderes als James Monro höchstselbst. Er trug einen eleganten schwarzen Frack, Rüschenhemd und Fliege und einen Zylinder, der hoch genug war, um beinahe gegen die Decke zu stoßen. Und er starrte sie mindestens ebenso verblüfft an wie sie gerade Faye.
Dann schlug seine Verwirrung urplötzlich in Zorn um. »Was, zum Teufel, tun Sie denn hier?«, fauchte er. »Hatte ich nicht angeordnet, dass diese Person unverzüglich in Gewahrsam genommen wird?«
Bast begriff erst mit einer Sekunde Verspätung, dass Monros Zorn nicht wirklich ihr galt, sondern Abberline, der halb hinter, halb neben ihr stand und vergeblich versuchte, sich in ein Zimmer zu quetschen, in dem einfach kein Platz mehr für ihn war.
»Ich weiß, Monro«, antwortete er rasch, aber in keineswegs devotem Ton. »Aber Miss Bast kann uns möglicherweise dabei behilflich sein, das Opfer zu identifizieren, und da dachte ich ...«
»Das Denken haben Sie gefälligst mir zu überlassen, Inspektor«, unterbrach ihn Monro schneidend. Im nächsten Moment schon erlosch sein Ärger ebenso plötzlich, wie er aufgekommen war, und machte einem neuen, fast verschlagenen Ausdruck Platz. »Auf der anderen Seite ... vielleicht ist es gar nicht das Schlechteste, dass Sie da sind, Madam. Möglicherweise können Sie uns ein paar Fragen beantworten. Kommen Sie. Schauen Sie sich um, was wir gefunden haben!«
Er wedelte auffordernd mit der Hand und scheuchte gleichzeitig mit der anderen den größten Teil der Bobbys aus dem Raum, sodass Bast näher an das Bett herantreten und auch Abberline endgültig hereinkommen konnte.
Sie hatte geahnt, dass sie Schlimmes sehen würde, und sie war Schlimmes gewohnt, doch nicht einmal ihr gelang es, vollkommen unbewegt zu bleiben.
Die Tote auf dem Bett war Marie-Jeanette, das rothaarige Mädchen aus dem Ten Bells, aber Bast hatte Mühe, sie zu erkennen. Nicht weil ihr Gesicht verunstaltet gewesen wäre. Ihr Mörder hatte ihre wunderschönen Züge unversehrt gelassen, aber was er mit ihrem Körper getan hatte, war so entsetzlich, dass es ihren Blick fast magisch anzog und es ihr beinahe unmöglich machte, irgendetwas anderes wahrzunehmen. Es dauerte eine Weile, bis sie überhaupt etwas sagen konnte. Und auch dann war es nicht sonderlich originell.
»Das ... das ist ...«
»Ein schrecklicher Anblick, nicht wahr?« Monro kam näher und wedelte mit einem spitzenbesetzten weißen Taschentuch vor dem Gesicht herum; vermutlich um den furchtbaren Geruch nach Blut und Innereien zu verscheuchen, der von dem ausgeweideten Leichnam ausging. »Da fragt man sich doch, welcher Mensch so etwas fertig bringt ... oder ob es überhaupt ein Mensch war.«
Rast drehte sich halb herum und warf Abberline einen verstohlen fragenden Blick zu, den dieser mit einem ebenso verstohlenen Kopfschütteln beantwortete. Nichts davon entging Monro.
»Aber ich nehme an, dass Sie dieser Anblick auch nicht besonders überrascht«, fuhr Monro fort.
»Was genau wollen Sie damit sagen?«, fragte Bast kühl.
»Erinnert Sie das nicht daran, wie Ihr bedauernswerter Kutscher ausgesehen hat, als man ihn fand?«, fragte Monro mit gespielter Unschuld.
Bast nickte nur. Tatsächlich hatte man Marie-Jeanette auf ähnliche Weise zugerichtet wie den armen Arthur - nur sehr, sehr viel schlimmer. Ihr Gesicht war so ziemlich das Einzige an ihr, was unversehrt geblieben war. Und nicht nur der für alle Zeiten erstarrte Ausdruck von Qual darauf sagte Bast, dass sie die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein gewesen war ...
»Ich habe es überprüft, Sir«, sagte Abberline ungefragt. »Miss Bast war den ganzen Tag über in der Pension. Kapitän Maistowe und Mrs Walsh, die Pensionswirtin, haben das bestätigt, und die Konstabler, die das Haus bewacht haben, ebenfalls.«
»Das ist erfreulich für Ihre ... ähm ... für Miss Bast«, antwortete Monro. »Immerhin beweist es, dass sie diesen Mord nicht selbst begangen hat ... aber das habe ich auch niemals angenommen. Das hier ist nicht die Tat einer Frau, ganz gleich, woher sie auch kommen mag.«
»Warum wollen Sie mich dann verhaften?«, fragte Bast.
»Vorladen wäre der korrektere Ausdruck«, sagte Monro kühl. »Hat Inspektor Abberline das nicht erwähnt? Wenn ja, entschuldige ich mich für dieses Versäumnis, aber es ändert nichts daran, dass Sie sich als in Gewahrsam genommen betrachten müssen. Es tut mir leid.«
»Und warum?« Bast drehte sich halb um, sodass ihr wenigstens der grässliche Anblick der geöffneten Leiche auf dem Bett erspart blieb.
»Nun, aus zwei Gründen«, antwortete Monro. »Der eine ist, dass ich sicher bin, dass Sie etwas mit dieser ganzen Geschichte zu tun haben. Sie haben diese Morde gewiss nicht selbst begangen, aber ich weiß, dass Sie etwas damit zu tun haben. Sie wissen, wer sie begangen hat, oder zumindest doch warum, und Sie werden mir sagen, was Sie wissen.«
»Was zu beweisen Ihnen schwerfallen dürfte«, sagte Bast kühl.