Bast konnte nur hoffen, dass sie sich weit genug in der Gewalt hatte, damit Mrs Walsh ihr ihre wahren Gefühle nicht ansah. Sie war nichts anderes als aufdringlich; zugleich aber schien sie es auf ihre Art gut mit ihr zu meinen. Beinahe schon ein bisschen zu hastig griff Bast nach ihrer Teetasse, um sich erneut dahinter zu verkriechen. Mrs Walsh sah sie unverwandt weiter an, und zumindest in diesem Moment war Bast vollkommen sicher, dass sie ihre Gedanken ebenso mühelos erriet, wie sie selbst normalerweise die ihres Gegenübers.
Gerade, als der Moment wirklich peinlich zu werden drohte, hörte sie das Tappen weicher Pfoten, und als sie sich herumdrehte, gewahrte sie Cleopatra, die mit wiegenden Schritten die Treppe herunter- und direkt auf sie zukam. Mrs Walsh sah die Katze schon wieder missbilligend an, und Cleopatra blieb mitten im Schritt stehen, beäugte ihre Herrin aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen, drehte plötzlich den Kopf und fauchte das Fenster an, vor dem sie in der vergangenen Nacht den Vogel gesehen hatten.
»Keine Sorge«, sagte Bast. »Er ist fort. Und du hast ihm einen solchen Schrecken eingejagt, dass er auch ganz bestimmt nicht wiederkommt.«
Die Katze fauchte noch einmal, warf Bast einen langen, irgendwie entrüstet wirkenden Blick zu und drehte sich dann auf der Stelle herum, um auf dem gleichen Weg, aber viel schneller, zu verschwinden, auf dem sie gerade aufgetaucht war.
Bast sah ihr kopfschüttelnd nach, wandte sich dann langsam wieder zu Mrs Walsh um - und gestand sich selbst sein, schon wieder einen Fehler gemacht zu haben. Mrs Walsh lächelte, aber sie tat es ganz eindeutig nur, um sich ihre Verblüffung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.
»Verzeihen Sie, Mrs Walsh«, sagte Bast. »Ich vergesse immer, dass Sie es nicht mögen, wenn sie hier im Haus ist.«
»Das ist ganz und gar erstaunlich«, murmelte Mrs Walsh. Sie sah nachdenklich in die Richtung, in die die Katze verschwunden war, brachte aber irgendwie das Kunststück fertig, Bast dabei keinen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. »Wenn man sieht, wie gut Sie sich mit ihr verstehen, dann könnte man fast glauben, Sie wären es wirklich.«
»Wirklich?«, wiederholte Bast. Erschrocken. »Wer?«
»Bastet«, antwortete Mrs Walsh.
»Bastet?« Bast gab sich gar nicht mehr die Mühe, ihre Überraschung zu verhehlen. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen.
»Der Name der Katzengöttin im alten Ägypten«, erklärte Mrs Walsh. »Ich nehme doch an, Ihr Name ist davon abgeleitet?« Plötzlich klang sie nicht nur ein ganz kleines bisschen triumphierend, sie sah auch so aus.
Bast nahm es als ein weiteres Anzeichen für den schlechten Zustand, in dem sie sich nun schon seit Tagen befand, dass sie für einen Moment beinahe in Panik geriet. Es war ganz und gar unmöglich, dass Mrs Walsh ...
Sie brach den Gedanken mit einer bewussten Anstrengung ab und erteilte sich selbst eine scharfe Rüge. Natürlich wusste sie von nichts - wie auch? »Sie überraschen mich«, antwortete sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass Ihnen dieser Name geläufig ist.«
»Weil ich nur eine dumme alte Engländerin bin?«, meinte Mrs Walsh. Sie klang nicht verstimmt.
»Weil ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet habe, dass überhaupt jemand in diesem Teil der Welt etwas über die Geschichte meiner Heimat weiß, oder gar über seine Götter. Diese Geschichten sind sehr alt.« Sie ließ ihr Lächeln ganz bewusst eine Spur wärmer werden und verlieh ihren Worten zugleich auf anderem Wege etwas mehr Glaubwürdigkeit. Nicht zu viel, aber doch gerade genug, um die Saat, die Mrs Walsh selbst gelegt hatte, aufgehen zu lassen. »Tatsächlich ist mein voller Name Bastet.«
»Warum benutzen Sie ihn dann nicht?«, fragte Mrs Walsh. »Es ist ein sehr schöner Name, finde ich.«
»Solange ich in meinem Heimatland bleibe und nicht mit Ausländern spreche, die sich in der ägyptischen Geschichte auskennen«, meinte Bast mit einem schiefen Lächeln. »Manchmal ist es ein wenig peinlich, mit dem Namen einer Göttin herumzulaufen.«
Mrs Walsh griff nach ihrer Tasse, stellte fest, dass sie leer war, und schenkte sich nach. Fragend hielt sie Bast die Kanne hin, doch diese antwortete nur mit einem stummen Kopfschütteln. Der Tee war köstlich, aber sie war schon viel zu lange hier. Sie musste auf jeden Fall fort sein, bevor Maistowe auftauchte.
»Diese Bescheidenheit ehrt Sie, mein Kind«, fuhr Mrs Walsh fort, »und Sie haben anscheinend keine Ahnung, wie viele Menschen hierzulande Maria heißen - oder mitunter gar Jesus.«
Bast lachte. »Dafür hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, eine Woche lang die Gesellschaft einiger Seeleute zu genießen, deren Sprache leider nicht ganz so geschliffen war wie die Ihre, Mrs Walsh«, antwortete sie. »Irgendwie hat es mir nicht gefallen, wie Sie das Wort Bastet ausgesprochen haben.« Als sie ihren wirklichen Namen benutzte - wobei sie sich im Stillen zum hundertsten Male verfluchte, nicht unter irgendeinem anderen, vollkommen unverfänglichen und am besten für europäische Zungen unaussprechlichen Namen gereist zu sein -, verlieh sie ihrer Stimme einen ganz bewusst breiten, schon ein bisschen ordinären Akzent, sodass sich das Wort ganz eindeutig wie Bastard anhörte. Mrs Walsh blickte schockiert, lachte dann aber mit.
»Wahrscheinlich haben Sie recht«, gestand sie. »Sowohl was ihren Namen angeht als auch die mangelnde Bildung allzu vieler meiner Landsleute. Aber mit ein wenig Glück wird sich genau das bald ändern, zumindest hier in London.«
»Wieso?«, fragte Bast, wenn auch eigentlich nur aus Gewohnheit und um überhaupt etwas zu sagen. Den allergrößten Teil ihrer Konzentration verwandte sie im Moment darauf, irgendeine glaubhafte Ausrede zu ersinnen, die es ihr ermöglichte, von hier zu verschwinden, ohne Mrs Walsh allzu deutlich vor den Kopf zu stoßen.
»Sagen Sie nur, Sie haben noch nicht davon gehört«, antwortete Mrs Walsh überrascht.
»Nein«, antwortete Bast. »Ähm ... wovon?«
»Von der Ausstellung«, antwortete Mrs Walsh. »Es gibt seit sechs Monaten eine Ausstellung ägyptischer Kunstschätze im Britischen Museum, hier in London. Am Anfang war sie nur für wenige Wochen geplant, aber sie war so erfolgreich, dass man sie verlängert hat, und inzwischen überlegt die Museumsleitung sogar, sie zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen. Ich war der Meinung, dass man selbst in Kairo davon gehört hätte.«
Das Einzige, wovon Bast gehört hatte, war, dass das britische Empire - und dies nicht erst seit sechs Monaten - alles in seiner Macht Stehende tat, um die Kunstschätze ihres Landes zu rauben. Sie schüttelte nur den Kopf.
»Das ist ein Fehler«, sagte Mrs Walsh. »Sie sollten sich diese Ausstellung auf gar keinen Fall entgehen lassen. Ich selbst war bereits zweimal dort und habe nicht einmal die Hälfte von allem gesehen, was es zu bestaunen gibt. Und dabei vergeht keine Woche, in der nicht neue Stücke hinzukommen.« Sie machte ein nachdenkliches Gesicht, und Bast musste nicht einmal hinter diese Maske schauen, um zu wissen, dass ihr Einfall alles andere als spontan war, sondern sie das Gespräch so oder so auf das Thema gebracht hätte. »Ich frage mich, ob Sie mit Ihrer Suche nicht dort anfangen sollten.«
»Im Museum? Warum?«
»Warum nicht?«, erwiderte Mrs Walsh. »Einen Versuch wäre es wert, meinen Sie nicht auch?« Sie winkte ab, als Bast widersprechen wollte. »Jacob ist in irgendwelchen Geschäften unterwegs und wird erst am späten Nachmittag zurückkehren, aber er hat mir fest versprochen, schon einmal gewisse Erkundigungen einzuziehen, was Ihre Freundin angeht.« Ihr Lächeln änderte sich, wurde eine Spur nachsichtiger. »Geben Sie ihm eine Chance, und sei es nur, um seine Ehre nicht zu verletzen.«
Bast antwortete nicht sofort darauf. Mrs Walshs Pläne gefielen ihr ganz und gar nicht, erschreckten sie sogar ein bisschen, aber sie sagte sich auch, dass es ohnehin zu spät war, um Maistowe jetzt noch von irgendetwas abhalten zu wollen. Wahrscheinlich würde er ohnehin nichts herausfinden. Wenn es ihr nicht gelang, Isis zu finden, was sollte da ein Mann wie Jacob Maistowe ausrichten?