»Ich verstehe nicht so ganz ...«, begann sie, nur um von Mrs Walsh sofort unterbrochen zu werden.
»... wie Ihnen diese Ausstellung helfen soll, Ihre Freundin zu finden?«
Bast nickte.
»Möglicherweise gar nicht«, gestand Mrs Walsh. »Aber auf der anderen Seite ... wer weiß? Wenn Ihre Freundin Ägypterin ist wie Sie, dürfte diese Ausstellung zweifellos ihr Interesse gefunden haben. Sechs Monate sind eine lange Zeit. Es wäre immerhin möglich, dass sie schon dort gewesen ist, und vielleicht erinnert man sich ja an sie.«
»Wenn sie auch nur halb so auffällig ist wie ich, meinen Sie?«, vermutete Bast.
Mrs Walsh wirkte ein bisschen verlegen. Bast bedauerte ihre eigenen Worte auch schon beinahe wieder, gestand sich zugleich aber auch ein, dass Mrs Walsh möglicherweise recht hatte. Isis war wohl nicht so auffällig wie sie; sie war weder schwarz noch von so außergewöhnlicher Größe. Doch wer immer sie sah, hätte schon blind sein müssen, damit sie als durchschnittliche Engländerin durchging - oder auch überhaupt als durchschnittlich.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, fuhr Mrs Walsh fort, die ihr Schweigen offensichtlich als Zustimmung auslegte oder doch zumindest als das Zögern, das es bedeutete. »Und ich werde ein Nein nicht akzeptieren. Das sind Sie mir schuldig, nach all der Aufregung, die Sie in meinen friedlichen Tagesablauf gebracht haben.« Sie knibbelte ihr verschwörerisch zu. »Wenn Sie wirklich darauf bestehen, in ein anderes Hotel zu ziehen, dann akzeptiere ich das und werde nicht versuchen, Sie von irgendetwas zu überzeugen, das Sie nicht wollen. Aber warten Sie wenigstens ab, bis Jacob zurück ist, und hören sich an, was er herausgefunden hat - oder auch nicht. Und machen Sie einer alten Frau die Freude und begleiten mich ins Museum. Wir fragen dort nach Ihrer Freundin. Selbst wenn man sie dort nicht kennt, verspreche ich Ihnen ein ganz erstaunliches Erlebnis.«
Bast war regelrecht entsetzt. Sie würde Gloria Walsh ganz bestimmt nicht mit dorthin nehmen, und noch viel weniger würde sie warten, bis Maistowe zurück war und ihr die Ergebnisse seines kleinen Detektivspieles präsentierte. Sie musste verschwinden. Jetzt.
Und hörte sich zu ihrer eigenen Überraschung antworten: »Nun ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Ein weiterer Tag macht sicherlich keinen Unterschied mehr.«
Sie fragte sich selbst, warum sie nicht den Mund gehalten hatte.
Diese Frage stellte sie sich eine Stunde später noch immer, ohne eine Antwort darauf gefunden zu haben oder sich auch nur weniger über ihre eigene Reaktion zu wundern, die so ganz und gar nicht typisch für sie war, als sie zusammen mit Mrs Walsh aus der Kutsche stieg und schaudernd den Mantel enger die Schultern zusammenzog. Sie war nicht einmal ganz sicher, ob dieses Frösteln nur an der äußeren Kälte lag oder ob sie vielleicht der Anblick, der sich ihnen bot, so sehr irritierte, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Sah man davon ab, dass der wolkenlose und strahlend blaue Himmel ein Versprechen auf eine Wärme und Trockenheit abgab, das er nicht halten konnte, dass die Menschen, die sie umgaben, anders gekleidet und lauter waren und sich in einer Sprache unterhielten, die ihre an den melodischen Klang anderer Sprachen gewöhnten Ohren beleidigte, und dass diese Stadt in ihrer Gänze entsetzlich stank, so erweckte der Anblick des am oberen Ende einer gewaltigen Freitreppe liegenden kolossalen Baues seltsam vertraute Erinnerungen in ihr, stieß sie zugleich aber auch geradezu ab. Sie hatte durchaus etwas Großes erwartet, als Mrs Walsh von einem Museum gesprochen hatte, vielleicht etwas wie das ägyptische Museum in Kairo - in dem sie, unbeschadet von allem, was sie Mrs Walsh gegenüber behauptet hatte, schon unzählige Male gewesen war -, doch der von kolossalen Säulenreihen flankierte Eingang der nicht minder gewaltigen Museumshalle hatte sie im allerersten Moment regelrecht schockiert. Jeder der Pfeiler war dicker als die stützenden Säulen, die das Dach des Horustempels in Theben getragen hatten, und hoch wie der Mast des Schiffes, doch im Gegensatz zu diesen dienten sie nicht wirklich dem Zweck, den gewaltigen dreieckigen Giebel zu stützen oder gar ein Dach zu tragen, sondern einzig und allein ihrer eigenen Größe. Der riesige zweiflügelige Eingang dahinter unterstrich diesen Eindruck noch; denn nicht einmal zu Zeiten, als tatsächlich Riesen über die Erde gewandelt waren, wäre eine Tür dieser Größe zu irgendeinem vorstellbaren Zweck notwendig gewesen - außer ebenjenem, dem dieses ganze Gebäude diente: demjenigen, der davorstand und es betrachtete, seine eigene Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen.
»Was haben Sie, meine Liebe?«
Mrs Walshs Stimme drang ebenso hart und unmelodisch an ihr Ohr wie die Gesprächsfetzen und einzelnen Worte der Menge ringsum, und doch war Bast ihr beinahe dankbar, brachte sie diese Frage doch nicht nur in die Wirklichkeit zurück, sondern zerstörte auch den unguten Zauber des Augenblicks, in dessen Fäden sie sich mehr und mehr zu verstricken gedroht hatte. Bast nahm es als neuerliche Warnung, ihren momentanen Zustand der Schwäche nicht zu unterschätzen und endlich etwas dagegen zu unternehmen. Zu ihrer eigenen gelinden Überraschung war der Hunger tief in ihrer Seele nicht mehr ganz so schlimm, seit sie an diesem Morgen erwacht war, aber er war da, keineswegs erloschen und nicht einmal wirklich schlafend, sondern nur lautlos und geduldig auf der Lauer liegend wie eine sandfarbene große Schlange in ihrem Versteck, die vollkommen mit ihrer Umgebung verschmolzen war und nur auf einen Moment der Unaufmerksamkeit wartete, um hervorzuschnellen und ihr Opfer zu verschlingen.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sie so etwas erlebte.
»Miss Bast?«, fragte Mrs Walsh. Sie lächelte unerschütterlich weiter, wie sie es nahezu immer tat, aber sie klang zugleich auch eindeutig besorgt, und Bast rief sich in Gedanken ein zweites Mal und noch schärfer zur Ordnung.
»Es ist ... nichts«, antwortete sie, ein bisschen hastig und mit einem Lächeln, das ebenso wenig überzeugte wie ihre Worte. »Ich war nur ... überrascht, das ist alles.«
Mrs Walsh ließ sie im Unklaren darüber, was sie von dieser Antwort hielt, und wandte sich stattdessen wortlos ab, um den Kutscher zu bezahlen. Sie hatte schon im Vorhinein darauf bestanden, sowohl die Fahrt hierher als auch das Eintrittsgeld für sie beide zu übernehmen, und Bast hatte nicht dagegen protestiert - obwohl sie längst erkannt hatte, dass nicht alles von dem stimmte, was Mrs Walsh über ihre wirtschaftliche Lage und den Zweck ihrer Pension erzählt hatte. Möglicherweise betrachtete sie es tatsächlich als ihre Aufgabe und auch eine Art von Zeitvertreib, die winzige Frühstückspension zu leiten und sich um das Wohl ihrer Gäste zu kümmern, aber wenn, dann war es ein Zeitvertreib, den sie zugleich bitter nötig hatte. Aus einem Grund, den herauszufinden Bast sich nicht die Mühe gemacht hatte und der sie auch nichts anging, lief ihre Pension schon seit langem nicht so gut. Streng genommen war ihr grauhaariger Dauergast zugleich auch beinahe ihr einziger Gast, sah man von den gelegentlichen Besuchern ab, die er manchmal von seinen Reisen anschleppte und mehr oder weniger trickreich dazu brachte, dass sie sich für ein paar Tage bei Mrs Walsh einmieteten. Die wenigen Pennys für die Kutsche und die vermutlich noch geringere Summe, die die beiden Billetts kosten würden, würden dafür sorgen, dass sich auch Mrs Walshs eigener Speiseplan in den nächsten Tagen tatsächlich auf das Frühstück beschränken musste. Bast nahm sich vor, Mrs Walsh bei ihrem Auszug mehr als großzügig zu entschädigen, ahnte zugleich aber auch schon, dass sie sich damit eine nicht unbedingt leichte Aufgabe gestellt hatte.
»Ja, ich kann mir vorstellen, dass Sie überrascht sind«, knüpfte Mrs Walsh an das unterbrochene Gespräch an, nachdem sie den Fahrer bezahlt und Bast wie eine gestrenge Mutter am Arm ergriffen und ein Stück weit zurückgezogen hatte, damit sie den losrollenden Rädern des Fuhrwerkes nicht zu nahe kam, »und auch, dass Sie beeindruckt sind.«