Bast sah sie ebenso fragend wie verständnislos an.
»Dieses Gebäude ist großartig, nicht wahr? Sie müssen sich vorkommen wie in Ihrer Heimat. Sieht es nicht ganz aus wie ein ägyptischer Tempel?«
Eher wie ein griechischer, dachte Bast. Oder ein römischer. Oder nichts von alledem. Im Grunde war es ein heilloses Konglomerat der unterschiedlichsten Baustile und -richtungen. Der Architekt, der dieses Stein gewordene Monstrum ersonnen hatte, hatte zweifellos in bester Absicht gehandelt und versucht, die monumentalen Bauten der Vergangenheit nachzuempfinden, und ebenso zweifellos erreichte dieses Gebäude bei den meisten Betrachtern die beabsichtigte Wirkung. Für sie jedoch war es nichts als ein unzulänglicher Versuch, etwas nachzuahmen, das Menschen auch früher schon nicht zu erschaffen imstande gewesen waren. Wie konnten sich Sterbliche einbilden, etwas zu schaffen, das nur vordergründig aus Stein und Holz und anderen, vergänglichen Materialien bestand und doch im Grunde nichts anderes war als Stein gewordene Zeit?
»Es ist ... erstaunlich«, sagte sie noch einmal.
»Dann warten Sie erst einmal ab, bis Sie sein Inneres sehen«, sagte Mrs Walsh stolz. »Die größten Kunstschätze der Welt sind hier versammelt. Und das ist noch lange nicht alles.«
Bast hatte sowohl eine vage Vorstellung, was sie hinter den altehrwürdigen Mauern dieses Gebäudes erwartete, als auch eine noch sehr viel konkretere davon, ob sie alles das wirklich sehen wollte oder nicht. Aber Mrs Walsh war nicht mehr zu bremsen. Vielleicht nur, um ihr einen Gefallen zu tun und das noch immer anhaltende, beharrliche Flüstern und Locken tief unter ihren Gedanken zum Verstummen zu bringen, fragte Bast mit gespieltem Interesse: »Was denn, meine Liebe?«
»Oh, alles einfach«, antwortete Mrs Walsh. Ihr Erstaunen war ganz eindeutig nicht gespielt. »London.«
»London?«
Sie begannen nebeneinander die breite Freitreppe hinaufzugehen, deren Stufen gerade eine Winzigkeit zu hoch - und entschieden zu breit - waren, um sie wirklich bequem überwinden zu können. Außerdem stimmte etwas mit dem Winkel nicht. Selbst Bast mit ihrer außergewöhnlichen Größe musste beständig den Kopf in den Nacken legen, um das Gebäude in seiner Gänze ansehen zu können, was zumindest in ihrem Fall allerdings nicht dazu führte, dass sie sich irgendwie klein oder gar unbedeutend vorkam, sondern einfach nur genervt. Es war unbequem.
»London«, bestätigte Mrs Walsh. »Sie müssen einen ganz schrecklichen ersten Eindruck von unserem Land und dieser Stadt bekommen haben, aber London ist nicht nur so. Es hat auch schöne Seiten, und es leben eine Menge ganz wunderbare Menschen hier. Und glauben Sie mir, Gott schaut auf London.«
Bast hütete sich, irgendetwas darauf zu erwidern, denn dann wäre Mrs Walsh vermutlich erst richtig in Fahrt gekommen und hätte aus dem Museumsbesuch möglicherweise eine komplette Stadtrundfahrt samt einer Besichtigung der Tower Bridge und der Kronjuwelen gemacht. Sie fragte sich immer noch, was sie eigentlich hier tat.
Bast hob den Blick, um das gewaltige Giebelfeld über dem Eingang noch einmal aus der Nähe in Augenschein zu nehmen und hatte die Antwort auf ihre Frage.
Ein in Stein gehauenes Basrelief zeigte in einem Stil, der den griechischen Tempeln der Antike nachempfunden war, eine Ansammlung von allegorischen Gestalten oder Göttern, die es in dieser Form niemals gegeben hatte, doch Bast musste - beinahe gegen ihren Willen - zugeben, dass sich der Künstler wirklich angestrengt hatte und allein die Größe der Figuren selbst auf sie nicht ohne Wirkung blieb. Oder hätte es zugeben müssen, hätte sie die gemeißelten Figuren länger als auch nur einen Sekundenbruchteil angesehen.
Stattdessen starrte sie den Falken an, der auf der Spitze des gewaltigen steinernen Dreiecks hockte und mit kalt glitzernden Augen auf sie herabblickte.
Bast erstarrte mitten in der Bewegung, und das so abrupt, dass Mrs Walsh es im ersten Augenblick nicht einmal bemerkte, sondern zwei Schritte weiter war, bevor auch sie innehielt, sich irritiert herumdrehte und sie gleichermaßen fragend wie ein ganz kleines bisschen beunruhigt ansah. »Was haben Sie?«, begann sie, folgt dann ihrem Blick und sah nun ihrerseits den schwarzen Vogel zwei oder drei endlose, schwere Herzschläge lang an, bevor sie sich von seinem Anblick losriss und abermals zu Bast herumdrehte.
»Es ist nur ein Vogel«, sagte sie, zweifellos aus keiner anderen Absicht heraus, als sie zu beruhigen. Ihre Worte erreichten das Gegenteil. Es war nicht nur ein Vogel.
»Das ist ein Falke«, hauchte Bast.
Mrs Walsh wirkte nun vollends irritiert, und etwas musste in Basts Stimme gewesen sein, das sie erschreckte. Sie sah kurz zu dem Vogel hinauf, der reglos, als wäre auch er nur eine aus Stein gemeißelte Statue, die das Dach des gewaltigen Bauwerks krönte, dort oben hockte und sie aus seinen gnadenlosen Augen taxierte. »Sie ... haben scharfe Augen, mein Kind«, sagte sie. »Es ist ein Falke. Ungewöhnlich. Aber so ungewöhnlich nun wieder nicht.«
Bast sagte nichts dazu. Sie konnte es nicht. Der Blick des schwarzen Riesenvogels lähmte sie wie die hypnotische Bewegung der Kobra das Kaninchen. Etwas ging von ihm aus, das nicht nur ihren Körper in vollkommene Starre versetzte, sondern auch ihre Gedanken - und etwas, das älter und mächtiger war. Das Ungeheuer in ihr schrie auf und zog sich fast panisch in sein Versteck zurück, so tief in ihr, dass nicht einmal mehr sie selbst seine Anwesenheit spürte, und ihre Hände begannen ganz leicht zu zittern. Sie fühlte es, konnte aber nichts dagegen tun.
»Es gibt eine Menge Falken in London«, fuhr Mrs Walsh fort. Ihre Stimme klang nervös, und ihre Worte erreichten auch jetzt wieder das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt hatte. »Und auch andere Raubvögel. Bussarde, Habichte ...« Sie lachte leise und unecht. »Dann und wann verirrt sich sogar ein Adler hierher, obwohl es sie doch angeblich schon lange nicht mehr in freier Wildbahn gibt. Was erschreckt Sie so an diesem Tier?« Sie lachte noch einmal, lauter und hörbar nervöser jetzt. »Sie sind vollkommen harmlos. Manchmal schlagen sie eine Taube oder eine unvorsichtige junge Katze ...« Sie legte den Kopf auf die Seite und versuchte ohne großen Erfolg, ein spöttisches Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen. »Aber Sie sind vor ihm sicher, trotz Ihres Namens, meine Liebe.«
Wenn du wüsstest, dachte Bast. Aber Mrs Walshs Worte, so falsch sie auch gewesen sein mochten, erreichten dennoch etwas, was all ihrer verzweifelten Anstrengung nicht gelungen war: Der Bann fiel von ihr ab, und sie konnte wieder halbwegs klar denken.
Bast blinzelte, und als sie die Augen wieder öffnete, war der Vogel verschwunden.
»Verzeihen Sie«, brachte sie irgendwie hervor. »Ich war nur ... ein wenig erschrocken. Wahrscheinlich sitzen mir die Anstrengungen der Reise doch noch mehr in den Knochen, als ich zugeben möchte«, meinte Bast lahm und aus dem vollkommen grundlosen Bedürfnis heraus, sich verteidigen zu wollen.
»Sie sind sehr tapfer, mein Kind«, erwiderte Mrs Walsh, »aber zuzugeben, dass man Angst hat, ist kein Zeichen von Schwäche. Wobei ich nicht glaube, dass Sie wirklich Angst haben können.«
Bast sah sie nur fragend und irritiert an.
»Jacob hat mir erzählt, was gestern Abend passiert ist«, fuhr Mrs Walsh fort. Sie schüttelte den Kopf, wie um einen Widerspruch im Keim zu ersticken, zu dem Bast gar nicht angesetzt hatte. »Es ist ihm nicht leichtgefallen, glauben Sie mir, meine Liebe. Schließlich ist er ein Mann.«
»Was ist ihm nicht leichtgefallen?«
»Zuzugeben, dass Sie es waren, die ihn gerettet hatte, und nicht umgekehrt«, antwortete Mrs Walsh. Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. »Sie sind nicht das, was Sie zu sein vorgeben, meine Liebe. Aber keine Sorge - ich werde Sie nicht mit neugierigen Fragen belästigen. Warum auch immer Sie wirklich hierhergekommen sind, ich bin sicher, Sie haben gute Gründe dafür. Sie gehen mich nichts an ... es sei denn, Sie wollen darüber reden.«