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Bast ignorierte die unüberhörbare Frage, die sich in diesen Worten verbarg, und Mrs Walsh sah sie zwar noch einen Moment lang erwartungsvoll an, akzeptierte dieses Schweigen aber schließlich, wenn auch mit einer spürbaren, kaum verhohlenen Enttäuschung.

Sie hätte nicht herkommen sollen. Sie sollte nicht hier sein. Nicht vor diesem Gebäude. Nicht in dieser Stadt. Nicht einmal in diesem Land. Der jähe Schrecken, der sie beim Anblick des Falken überkommen hatte, verblasste allmählich wie die Erinnerung an einen schlimmen, aber kurzen Schmerz, doch die Angst blieb. Es war das dritte Mal, dass sie diesem unheimlichen Vogel begegnete, und sie hätte schon beim ersten Mal begreifen müssen, dass dieses Tier alles war, nur kein harmloser Vogel, und dass sich ihre Wege ganz gewiss nicht durch Zufall gekreuzt hatten. Früher hätte sie es begriffen. Was musste noch geschehen, bis sie sich endlich eingestand, was mit ihr nicht stimmte?

»Miss Bast?«, fragte Mrs Walsh, nun wieder in eindeutig besorgtem Ton, und Bast verscheuchte auch diesen Gedanken - mit noch mehr Mühe - und zwang sich zu einem kleinen, nervösen Lächeln.

»Es ist alles in Ordnung«, versicherte sie.

»Ganz bestimmt?« Mrs Walsh sah nicht unbedingt so aus, als würde sie dieser Behauptung Glauben schenken oder wäre auch nur im Mindesten beruhigt. »Vielleicht war es doch keine so gute Idee, hierherzukommen«, fuhr sie fort. »Verzeihen Sie einer dummen alten Frau, die ...«

»Das hat nichts mit Ihnen zu tun«, unterbrach sie Bast, ebenso nervös wie unbeholfen. »Sie haben recht: Ich hatte ein schlimmes Erlebnis mit einem Raubvogel, in meiner Jugend. Seither habe ich ... Probleme mit solchen Tieren. Es ist lange her, und es ist albern, ich weiß, aber ...« Sie beendete den Satz mit einem Schulterzucken, und Mrs Walsh nickte mitfühlend.

»Das verstehe ich«, sagte sie - was Bast ernsthaft bezweifelte. »Wir müssen auch nicht dort hineingehen, wenn Sie es nicht wollen. Es war nur eine Idee von mir, und wie es aussieht, keine besonders gute. Lassen Sie uns einfach zurückfahren und noch einen Tee trinken.«

Und natürlich wäre das das einzig Vernünftige. Was gäbe es dort drinnen zu sehen, was sie nicht bereits kannte und was sie nicht zudem in Trauer oder auch Zorn versetzen würde, es missbraucht und verschleppt und so weit fort von ihrer Heimat zu sehen? Gloria Walsh hatte in diesem Moment zweifellos recht; wenn auch auf eine Art und Weise, die sie niemals begreifen würde. Und Bast setzte gerade dazu an, ihr zuzustimmen und irgendeinen anderen, willkürlich ausgewählten Ort vorzuschlagen, den sie ihr zeigen konnte, um den vermeintlich schlechten Eindruck wettzumachen, den ihre Heimatstadt ihrer Meinung nach bei ihr hinterlassen haben musste, als sie die Gestalt sah.

Es war nicht einmal wirklich eine Gestalt, aber auch kein bloßer Schatten, sondern etwas ... dazwischen; wie ein Schwarm winziger schwarzer Fliegen, der sich durch eine bloße Laune des Zufalls zu einer Form zusammengefunden hatte, die an eine menschliche Gestalt erinnerte, oder feiner schwarzer Wüstensand, mit dem der Wind spielte. Sie stand einfach da, von einem Lidschlag auf den anderen wie aus dem Nichts erschienen, direkt unter dem weit offen stehenden Eingang des Museums, riesig und lautlos und vollkommen ohne Tiefe, und ganz offensichtlich existierte sie tatsächlich nicht, oder wenn doch, dann nur für sie, denn noch während Bast dastand und die unheimliche Erscheinung anstarrte, bewegte sich ein älteres Paar auf dem Weg ins Museum direkt auf die Erscheinung zu und trat hindurch, ohne auch nur einen Augenblick zu stocken. Aber für Bast war sie mehr als real. Sie spürte nicht nur ihre Präsenz, wie das Knistern elektrischer Energie kurz vor dem Ausbruch eines Sommergewitters auf der Haut, sie fühlte auch den Blick uralter, gnadenloser Augen, die direkt bis in die verborgensten Abgründe ihre Seele zu schauen schienen.

»Miss Bast?«, fragte Mrs Walsh noch einmal. Jetzt klang sie nicht besorgt, sondern eindeutig erschrocken.

Bast blinzelte, und die Erscheinung war verschwunden. Aber sie spürte, wie schnell und hart ihr Herz schlug, und ihre rechte Hand glitt ganz ohne ihr Zutun unter ihren Mantel. Alles, was sie fand, war der grobe Stoff ihres schwarzen Kleides, anstelle des vertrauten Gewichts der Waffe, die sie normalerweise dort zu tragen pflegte.

»Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass es keine gute Idee war, hierherzukommen«, fuhr Mrs Walsh energischer fort. »Lassen Sie uns woanders hingehen. Was halten Sie vom Trafalgar Square? Wir sind nicht allzu weit entfernt, und er ist zu Recht auf der ganzen Welt berühmt, und ...«

»Nein«, unterbrach sie Bast. Ihr fiel auf, dass Mrs Walshs Blick ihrer rechten Hand gefolgt war, und sie zog sie hastig wieder zurück. Diese alte Frau war nicht annähernd so unbedarft, wie sie sich gab, und sie hatte ihr und Maistowe schon mehr als genug Anlass zu der einen oder anderen Spekulation gegeben. »Sie haben mich wirklich neugierig gemacht. Ich möchte sehen, wie es dort drinnen ist.«

Sie lauschte in sich hinein. Der Schrecken, den ihr der Anblick des unheimlichen Schemens eingejagt hatte, begann bereits wieder zu verblassen, doch darunter glaubte sie nun etwas wie ein leises, unendlich böses Lachen zu hören. Ihre Kräfte schwanden. Die Ketten, die das Ungeheuer hielten, waren noch immer stark, doch ihre dunkle Schwester war nicht auf pure Kraft angewiesen, um ihre Fesseln zu zerreißen, sondern verstand sich ebenso auf List und Tücke. Bald, sehr bald, würde sie ihr geben müssen, wonach sie verlangte.

Trotz regte sich in ihr. Bevor Mrs Walsh antworten konnte, schüttelte sie den Kopf, zwang ein grimmiges Lächeln auf ihre Lippen und straffte demonstrativ die Schulter. »Ich benehme mich wie ein dummes Kind, das Angst vor der Dunkelheit hat.« Als ob alle Kinder und Erwachsenen der Welt, die die Dunkelheit fürchteten, nicht allen Grund dazu gehabt hätten! »Kommen Sie. Zeigen Sie mir, was Ihre Forscher zusammengetragen haben, und ich erzähle Ihnen, was von dem, was sie zu wissen glauben, alles falsch ist.«

Sie gab Mrs Walsh gar keine Gelegenheit, noch einmal zu widersprechen, sondern ging entschlossen und mit so schnellen Schritten los, dass die alte Frau Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.

Als sie sich dem eigentlichen Eingang des Museums näherten, griff sie nach dem losen Ende ihres Turbans und befestigte es so vor ihrem Gesicht, dass nur noch wenig mehr als die Augen davon zu sehen waren, gleichzeitig schloss sie ihren Mantel. Jetzt war nicht einmal mehr zu erkennen, ob sich ein Mann oder eine Frau unter all der fallenden Schwärze verbarg. Einem sehr aufmerksamen Beobachter wären vielleicht ihre schlanken Hände mit den spitz gefeilten Fingernägeln aufgefallen, aber Bast wusste auch, dass vermutlich niemand darauf achten würde. Selbst in ihrer Heimat, wo weder ihre Kleidung noch ihre nachtschwarze Haut Anlass zu einem zweiten Blick geboten hätten, erregte ihre Erscheinung Aufsehen. Hier, in dieser fremden Stadt voller fremder Menschen, ganz gleich, wie viele exotische Gäste sich auch hierher verirren mochten, konnte sie sich nicht ernsthaft einbilden, unbemerkt zu bleiben. Mit ein bisschen Glück, dachte sie spöttisch, würden die meisten hier sie vielleicht für einen Teil der Ausstellung hatten, einen kostümierten Statisten, den man losgeschickt hatte, um Besucher anzulocken.

Mrs Walsh kommentierte ihre improvisierte Verkleidung mit einem wortlosen Stirnrunzeln und beeilte sich, zu ihr aufzuschließen und dabei nicht zu sichtbar zu schnauben. Und kaum dass sie das riesige Portal durchschritten hatten, erschien auch wieder das stolze Besitzerlächeln auf ihrem Gesicht, mit dem sie bereits aus der Droschke ausgestiegen war.