Bast konnte es ihr nicht verdenken. Der Eindruck, den die Eingangshalle auf den ersten Blick bot, unterschied sich nicht von dem, den sie bereits von außen gehabt hatte: Alles hier war riesig, pompös und diente auf eine schrecklich falsche Weise dem einzigen Zweck, dem Besucher zu demonstrieren, wozu die Erbauer dieses Gebäudes fähig waren. Aber obwohl sie die Absicht dahinter erkannte, konnte selbst sie sich der Atmosphäre dieses Bauwerks nicht ganz entziehen. Auf einen Menschen wie Mrs Walsh, der seine Heimatstadt noch nie verlassen hatte und das Original nicht kannte, das dieses Monstrum von Gebäude nachzuahmen versuchte, musste es eine wahrhaft beeindruckende Wirkung haben. Und Bast musste zugeben, dass die Architekten dieser Halle gewusst hatten, was sie taten. Vielleicht war alles etwas zu groß, etwas zu glatt und zu sauber und viel zu pompös, und doch hatte man das fast körperliche Empfinden von Alter und Ehrwürdigkeit, und die geschickt angebrachten Fenster und bunten Oberlichter sorgten für eine gelungene Illumination, die dieses Gefühl noch unterstrich. Obwohl es anders hätte sein müssen, war die Halle nahezu taghell, doch das Licht fiel in scharf abgegrenzten Bahnen herein, in die vermutlich nicht nur ihre Einbildung das Flirren von Staub und heißem Wüstensand hineininterpretierte, der darin tanzte, und die Schatten dazwischen waren zu tief und zu dunkel, als verlöre sich der Blick nicht einfach nur in unbeleuchteten Gefilden, sondern glitte gleichsam in eine vergangene Zeit. Selbst hier in der Eingangshalle, die im Grunde nicht mehr als Leere und einige wenige, sorgsam gerahmte Bilder und in gläsernen Vitrinen autgestellte Exponate zeigte, die Bast allesamt nicht interessierten, glaubte man schon den Atem der Zeit zu spüren, als hätte man den ersten Schritt auf einer Reise in die Vergangenheit getan.
»Kommen Sie, meine Liebe.« Mrs Walsh zupfte an ihrem Ärmel und deutete nach rechts; anscheinend wahllos tiefer hinein in das Flirren von Schatten und Licht. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Etwas ... wehte ihr aus dieser Richtung entgegen, etwas wie ein lautloses Flüstern und Locken, das einen Teil ihrer Seele berührte, von dem sie schon gar nicht mehr wirklich gewusst hatte, dass sie ihn besaß. Etwas war dort. Etwas, von dem sie nicht sicher war, ob es da sein sollte. Ob es überhaupt sein sollte.
Mrs Walsh sah sie forschend an. »Und Sie sind wirklich sicher, dass Sie sich wohl fühlen?«
»Wohl fühlen?«
»Nehmen Sie 's mir nicht übel, aber Sie ... sehen nicht gut aus«, antwortete Mrs Walsh unbehaglich. Sie lachte nervös. »Ich weiß ja, dass es gar nicht möglich ist, aber wäre es nicht so, würde ich glattweg behaupten, dass Sie ein bisschen blass sind, mein Kind. Stimmt irgendetwas nicht mit Ihnen?«
Bast setzte zu einem Kopfschütteln und einer vielleicht eine Spur schärferen Antwort an, besann sich aber dann eines Besseren und sagte gar nichts.
Sie durchquerten die große Eingangshalle, und Mrs Walsh schob sich auf dem letzten Stück schnaubend an ihr vorbei, um an einem kleinen Tischchen unmittelbar neben dem Durchgang zwei Billetts zu lösen, und natürlich wurden sie angestarrt; nicht nur von der ältlichen Frau, die in einer dunkelblauen Fantasieuniform hinter dem Tisch saß und die wenigen Münzen einstrich, die Mrs Walsh aus ihrer zerschlissenen Geldbörse klaubte. Bast versuchte das Gefühl zu ignorieren - schließlich war sie es wahrlich gewohnt, angestarrt zu werden -, aber es wollte ihr nicht gelingen. Dieses Gefühl hier war ... anders. Unangenehmer. Es waren nicht die neugierigen und zu einem überraschend großen Teil nicht nur scheuen, sondern auch feindseligen Blicke der anderen Museumsbesucher, die sie mit diesem unheimlichen Gefühl erfüllten. Es war, als wäre es das Gebäude selbst, das sie anstarrte - oder etwas, das unmittelbar hinter seinen Mauern lebte.
Dann trat sie hinter Mrs Walsh durch eine weitere, nur unwesentlich kleinere Tür als die, durch die sie dieses Gebäude betreten hatten, und aus ihrer vagen Ahnung wurde Gewissheit. Es war ein Schritt in eine andere Welt.
Unmittelbar hinter dem Eingang, mit großem Geschick so platziert, dass jeder, der den Saal betrat, eine hinreichende Menge beeindruckender Details wahrnehmen, die beiden Statuen in ihrer ganzen Größe aber nicht sofort mit Blicken erfassen konnte, sodass man im allerersten Moment nicht wirklich begriff, was man sah, sehr wohl aber einen fast körperlichen Eindruck von Größe und Gewaltigkeit bekam, erhoben sich zwei kolossale steinerne Statuen, jede mehr als acht Meter hoch und aus ägyptischem Sandstein gemeißelt, dem all die vergangenen Millennien zwar die Farbe der Bemalung, aber nichts von seiner lebendigen, warmen Beschaffenheit hatten nehmen können. Auch wenn sie auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlich erscheinen mochten, so zeigten sie doch nicht nur beide dieselbe Person, einen sitzenden Mann mit ägyptischer Königskrone, dessen Hände die Jahrtausende nicht nur seiner Finger, sondern auch des Schlangenszepters beraubt hatten, sondern waren auch unter der Anleitung desselben Künstlers entstanden; genauer gesagt: derselben Künstlerin.
Die beiden Statuen zeigten Ramses IL, einmal als jungen Mann, fast noch ein Knabe, einmal als den weisen, alten Herrscher, als der er weniger in die Geschichte als in die Herzen der Menschen eingegangen war.
Der Anblick war ein Schock. Für einen Moment, der so kurz war, dass er selbst Mrs Walshs aufmerksamen Blicken entging, die wie gebannt auf ihrem Gesicht hingen, glaubte sie Musik zu hören, spürte sie den Duft von warmem Zedernholz und den Geruch von heißem Sand, und für einen - noch unendlich viel kürzeren, unendlich süßen - Augenblick durchrieselte sie ein warmer Schauer, fühlte sie wieder die Berührung seiner Lippen auf ihrer Haut, das zärtliche Streicheln seiner Hände, die ihren Körper mit derselben Aufmerksamkeit erkundeten, wie sie auch fähig gewesen waren, die Geschicke eines ganzen Volkes zu leiten, ein Kind zu streicheln oder ein Schwert zu führen, glaubte sie seine Stimme zu hören, die ihr Worte der Liebe ins Ohr flüsterte und ein Versprechen auf die Ewigkeit abgab, das er so wenig hätte einhalten können wie alle anderen vor ihm und danach.
Dann löste sich ihr Blick von der Stein gewordenen Erinnerung an den Mann, mit dem sie fast ein Jahrhundert lang verheiratet gewesen war, erkundete den Raum dahinter, und was sie sah, löschte die Erinnerung augenblicklich aus und ließ eine wahre Explosion einander widersprechender Gefühle und Empfindungen hinter ihrer Stirn und in ihrem Herzen aufflammen. Plötzlich war alles da, was sie erwartet und befürchtet hatte: Zorn, Trauer, Entsetzen und Wut und noch viel mehr, viel Schlimmeres. Aber der Sturm erlosch so schnell, wie er gekommen war, und alles was zurückblieb, war eine auf sonderbare Weise mit Schmerz gepaarte, stille Empörung.
Plötzlich war sie froh, den Schleier vor ihrem Gesicht befestigt zu haben, denn obwohl davon wenig mehr als ihre Augen zu sehen waren, schien ihre Reaktion Mrs Walsh nicht entgangen zu sein. Bast kam ihrer entsprechenden Frage zuvor, indem sie rasch den Kopf schüttelte und eine zusätzliche Bewegung mit der Hand machte. »Ich war nur überrascht«, sagte sie.
»Aber doch hoffentlich angenehm.«
»Nach Ihren Worten habe ich eine Menge erwartet, aber nicht ... das«, erwiderte Bast ausweichend. »Es ist ... beeindruckend.«
Zumindest das war es, wie Bast widerwillig eingestehen musste. Der Raum war riesig - nicht wirklich größer als die monströse Eingangshalle, die sie gerade durchquert hatten, erweckte aber durch die geschickte Platzierung der ausgestellten Statuen, Stelen und Wandbilder und das raffiniert eingesetzte Licht den Eindruck, sie wäre es - und angefüllt mit den unterschiedlichsten Fundstücken; angefangen von den beiden kolossalen Statuen beiderseits des Eingangs bis hin zu endlosen Reihen gläserner Vitrinen voller antikem Schmuck, Waffen, Gegenständen des täglichen Bedarfs und sorgsam restaurierten Papyrusrollen.
Und nichts davon gehörte hierher.