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Der schon erloschen geglaubte Zorn flammte noch einmal und noch heißer in ihr auf, erlosch aber auch fast genauso schnell wieder. Es gab nichts, was sie tun konnte, nicht hier und nicht jetzt, und Bast gemahnte sich in Gedanken zur Besonnenheit. Es war zweifelsohne ein Fehler gewesen, überhaupt hierherzukommen, aber es war auch noch nie ihre Art gewesen, über vergossene Milch zu jammern. Wenn sie schon einmal hier war, konnten sie auch tun, wozu sie eigentlich gekommen waren. Oder es wenigstens versuchen.

»Also?«, fragte sie.

Mrs Walsh sah sie verständnislos an.

»Wir sind nicht nur hierhergekommen, um die Kunstschätze meines Landes zu besichtigen«, erinnerte Bast sanft. Das »meines« bedauerte sie schon, bevor sie das Wort ganz ausgesprochen hatte, doch Mrs Walsh schien es gar nicht gehört zu haben, oder sie hatte sich noch besser in der Gewalt, als Bast ohnehin schon annahm. Sie sah zwar ein wenig verdutzt aus, blickte sich aber zugleich auch schon suchend um und deutete nach kaum einer Sekunde auf eine grauhaarige Gestalt in der gleichen, dunkelblauen Fantasieuniform, wie sie auch die Kartenverkäuferin am Eingang getragen hatte, die unweit einer der riesigen Statuen stand und die Besucher aus Argusaugen beobachtete. »Ich werde einen der Wächter fragen«, sagte sie. »Vielleicht erinnert er sich ja an Ihre Freundin.«

Bast fragte sich zwar, warum sie sich mit dieser Frage nicht gleich an die Kartenverkäuferin am Eingang wandte - schließlich musste jeder Besucher zwangsläufig an ihr vorbei, ob er wollte oder nicht -, beließ es aber bei einem stummen Kopfnicken. Immerhin hatte sie Mrs Walsh auf dem Weg hierher eine knappe Beschreibung von Isis geliefert, die vollkommen ausreichte - schließlich war es mit Isis nicht anders als mit ihr selbst: Auch wenn sie nicht über ihre beeindruckende Größe und nachtschwarze Haut verfügte, so vergaß doch niemand so schnell ihr Gesicht, der es einmal gesehen hatte.

Doch es gab noch einen anderen Grund, aus dem sie geradezu erleichtert war, als Mrs Walsh sich unverzüglich herumdrehte und den Wächter ansteuerte. Das bange Gefühl, das sie schon draußen in der Halle überkommen hatte, war noch immer da. Zorn und Empörung hatten es vielleicht für einen Moment überdeckt, wie das Heulen eines Wüstensturmes das leise Rieseln einer Sanduhr, aber es war trotzdem noch immer da; leise und atemabschnürend und bedrohlich, und dieser Vergleich war ihr nicht von ungefähr gekommen: Es hatte etwas Unaufhaltsames, mit der Gewissheit eines sehr, sehr schlimmen Endes.

Etwas war hier. Und es ... interessierte sich für sie.

Bast lauschte mit allen Sinnen in die Runde, aber es gelang ihr nicht, mehr als ein allgemeines vages Gefühl der Bedrohung aufzufangen. Vielleicht, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, galt es nicht einmal ihr, nicht nur ihr. Nicht alles von dem, was den Besuchern hier präsentiert wurde, war echt; längst nicht alles. Vieles war schlichtweg falsch datiert oder zugeordnet, bei mehr als einem Exponat handelte es sich um eine Fälschung - einige davon so plump und schlecht, dass sie vor Schadenfreude laut losgelacht hätte, wäre da nicht noch immer diese nagende Furcht in ihr gewesen. Aber nur zu vieles war authentisch, magische Steine von magischen Orten, gewaltsam entwurzelt und verschleppt und ihrer eigentlichen Bestimmung beraubt, und Bast hätte den Herren dieser größten Sammlung geraubter Grabbeigaben und Kunstschätze der Welt durchaus verraten können, dass auch Dinge ein Gedächtnis haben und manchmal nicht erfreut darauf reagieren, gestohlen und missbraucht zu werden.

Mrs Walsh begann mit gedämpfter Stimme, aber heftig gestikulierend, mit dem Museumswächter zu debattieren - ihr Vorhaben schien nicht besonders gut zu verlaufen -, und Bast dachte einen Moment lang daran, zu ihr zu gehen, entschied sich aber dann für das genaue Gegenteil. Das Gefühl, beobachtet zu werden, war noch immer da, und dass sie es weder verifizieren noch seinen genauen Ursprung benennen konnte, machte es nicht besser. Und es hatte schon immer zu ihren Grundsätzen gehört, lieber zu viel als zu wenig Vorsicht walten zu lassen.

Mehr um auf andere Gedanken zu kommen als aus irgendeinem anderen Grund begann sie zwischen den nur scheinbar willkürlich aufgereihten Vitrinen und Ausstellungsstücken umherzuschlendern. Nach dem, was Mrs Walsh ihr am Morgen über diese Ausstellung erzählt hatte, hatte sie mit einem weitaus größeren Ansturm von Besuchern gerechnet, doch in der großen Halle hielten sich kaum ein Dutzend Menschen auf; Mrs Walsh und den grauhaarigen Wächter mitgerechnet. Aber von keinem der anderen Besucher ging irgendeine Bedrohung aus; nur die gewohnte Mischung aus Neugier, Scheu und instinktiver Ablehnung, die aus der simplen Furcht der Menschen vor dem Unbekannten resultierte.

Vielleicht war es doch nur der Zorn dieses Ortes, den sie spürte.

Sie überzeugte sich mit einem raschen Blick über die Schulter davon, dass Mrs Walsh noch immer in ein heftiges Streitgespräch mit dem Museumswächter verwickelt war, der die Diskretion den Besuchern hier gegenüber mindestens ebenso ernst zu nehmen schien wie ein katholischer Priester das Beichtgeheimnis, schlenderte weiter und blieb vor einem nicht nur unvollkommen, sondern auch falsch zusammengesetzten Streitwagen vom Ende der dritten Dynastie stehen, von dem das dazugehörige Schild behauptete, er stamme aus der vierten; ein zierlich anmutendes, aber erstaunlich großes zweirädriges Gefährt, das von zwei prachtvollen, halb im Aufbäumen befindlichen weißen Schlachtrössern gezogen wurde und mitten in einer dynamischen Bewegung erstarrt zu sein schien, wie eine jener Daguerrotypien, wie sie in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen waren, die ein geheimnisvoller Zauber mit Farbe und Tiefe ausgestattet hatte; beeindruckend, aber schrecklich falsch.

Sie betrachtete das fast mannshohe Gefährt einen Moment lang kopfschüttelnd und wandte sich dann einer Vitrine aus dunklem Mahagoni und Glas daneben zu, deren Oberfläche von unzähligen tastenden Fingernägeln, Ringen und Manschettenknöpfen in nach hinten abnehmendem Maße zerkratzt war, und betrachtete die darin ausgestellten Stücke. Es war ein scheinbar chaotisches Sammelsurium der unterschiedlichsten Dinge: Waffen, Schmuckstücke und ein mit kalligrafischer Präzision beschrifteter Papyrus. Hinter ihrem Schleier huschte ein fast verächtliches Lächeln über ihre Züge, als ihr Blick über die kleine Messingtafel am Rande der Vitrine huschte.

»Darf ich fragen, was Sie so amüsiert?«

Bast fuhr so erschrocken herum, dass sie um ein Haar gegen die Vitrine gestoßen wäre, und starrte den Besitzer der Stimme, die so plötzlich hinter ihr erklungen war, einen Herzschlag lang beinahe entsetzt an. Wieso hatte sie ihn nicht gehört? Und wie hatte er wissen können, wie es hinter ihrem Schleier aussah?

Gar nicht, wie ihr nach einem zweiten, schweren Herzschlag und einem Blick in sein von einem weißen Vollbart beherrschtes Gesicht klar wurde. Er sah interessiert aus, und in seinen Augen war eine winzige Spur derselben Scheu zu erkennen, die sie auch bei allen anderen hier spürte, aber kein Hauch von Ablehnung oder gar Furcht. Bast schätzte ihn auf Ende sechzig. Er war einen knappen Kopf kleiner als sie, von untersetzter Statur, und seine Hände verrieten, dass sie nicht nur Arbeiten gewohnt waren, die man mit dem dreiteiligen Anzug assoziieren würde, den er momentan trug.

»Verzeihung«, sagte er, nachdem sich das Schweigen eine endlose weitere Sekunde lang dahingeschleppt hatte. »Ich wollte Sie nicht stören ... verstehen Sie unsere Sprache?«

»Ein wenig«, antwortete Bast. »Und Sie stören nicht. Ich war nur ein wenig überrascht.«

»Von dem, was Sie hier sehen?«

»Von Ihrer Frage.« Sie löste den Schleier von ihrem Gesicht, und seine Reaktion war genauso amüsant, wie sie erwartet hatte ein kurzer Moment des Erstaunens, gefolgt von einem noch kürzeren des Erschreckens und dann deutlicher Verlegenheit. Aber er fing sich auch sofort wieder.