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»Wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, würde ich antworten, dass ein Gesicht wie dieses nur lächeln kann«, antwortete er amüsiert. »Aber die Wahrheit ist, dass ich Ihr Kopfschütteln bemerkt habe ... und so ganz nebenbei war auch Ihr Lachen nicht zu überhören.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Bitte verzeihen Sie mir. Ich wollte gewiss nicht aufdringlich erscheinen. Ich weiß gar nicht, wo meine Manieren geblieben sind. Renouf. Peter Le Page Renouf. Ich ... arbeite hier.«

»Bast«, antwortete Bast automatisch, während sie seine ausgestreckte Rechte ergriff und sehr behutsam drückte.

»Bast?«

»Um genau zu sein, Bastet«, antwortete Bast und zog eine Grimasse. »Meine Eltern hatten eine große Vorliebe für die Mythologie und Geschichte Afrikas ... aber leider nicht besonders viel Geschmack.«

»Wie dieser junge Rider Haggard«, seufzte Renouf. Bast verstand nicht genau, was er meinte.

»Ich habe also gelacht und den Kopf geschüttelt?«, fragte sie, als wäre sie nicht ganz sicher. Natürlich erinnerte sie sich genau, das getan zu haben - aber sie erinnerte sich im Nachhinein, und das war ein weiteres Warnzeichen. Sie begann die Kontrolle zu verlieren. Ihre Zeit wurde knapp.

»Deswegen sind Sie mir aufgefallen«, bestätigte Renouf und schüttelte praktisch im gleichen Moment den Kopf. »Unter anderem.«

»Unter anderem?«

»Um ehrlich zu sein: Sie sind mir schon vorher aufgefallen. Gleich nachdem Sie hereingekommen sind. Gefällt Ihnen unsere kleine Sammlung?«

»Sie ist ... beeindruckend«, antwortete Bast. Das hörbare Zögern vor dem letzten Wort war Absicht. Und es hätte ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und noch außergewöhnlicheren Sinne nicht bedurft, um sie erkennen zu lassen, dass ihm das keineswegs entging.

»Das freut mich zu hören«, antwortete er trotzdem. »Ich nehme an, das alles hier ist Ihnen vertraut ... vertrauter als den meisten jedenfalls.«

»Und wie kommen Sie zu dieser Annahme?«, wollte Bast wissen.

Renouf lächelte unerschütterlich weiter, wirkte aber zugleich nun zum ersten Mal ein bisschen verlegen. »Nun ... Ihre Kleidung«, antwortete er, »Ihr Name und Ihre - verzeihen Sie -, Ihre Hautfarbe. Sie kommen aus Ägypten? Dem südlichen Ägypten, nehme ich an?«

»Nubien«, antwortete Bast. »Das ist richtig.«

»Die Heimat der schwarzen Pharaonen«, strahlte Renouf. »Ja, das dachte ich mir. Vor allem, als ich Ihr Interesse an unserer neuesten Errungenschaft bemerkt habe.« Er deutete mit unübersehbarem Stolz auf den restaurierten Streitwagen. »Er befindet sich seit einem halben Jahr in unserem Besitz, aber wir haben bis jetzt gebraucht, um ihn instand zu setzen. Ich hoffe doch, er findet Gnade vor Ihrem kundigen Auge?«

Für jeden anderen hätte diese Frage ironisch geklungen, aber sie las in seinen Augen, dass sie vollkommen ernst gemeint war. Sie zögerte eine endlose Sekunde lang, bevor sie antwortete, und sie wusste selbst, dass ihre Antwort nicht besonders klug war. Aber seine schon fast aufdringliche Art, mit seinem Wissen zu glänzen, ärgerte sie ein bisschen.

»Die Beschläge sind falsch«, sagte sie. »Und der Fahrer stand viel weiter vorne. Außerdem war es ein Einspänner.«

»Mit einer Mitteldeichsel?«, fragte er zweifelnd und ein ganz kleines bisschen überheblich. »Ich bitte Sie!«

»Das Pferd wurde wechselweise rechts oder links angespannt«, antwortete Bast ruhig. »Je nachdem, auf welcher Seite der Bogenschütze stand. Und sie waren kleiner.«

»Die Wagen?« Renouf lächelte milde. »Das hier ist keine Kopie, sondern ein jahrtausendealtes Original - das meiste davon jedenfalls.«

»Die Pferde«, erwiderte Bast. »Vollblüter wie diese hätten in der Wüste nicht lange überlebt. Sie haben kleine, zähe Ponys benutzt ... genau wie Ihre Kreuzritter, nebenbei bemerkt.«

Renouf schien einen Moment lang ernsthaft über diese Worte nachzudenken, schüttelte aber dann den Kopf. »Eine interessante Theorie«, sagte er. Aber irgendwie klang es wie blödsinnige. Außerdem schüttelte er noch einmal und nur noch überzeugter den Kopf. »Wir haben eine Menge Aufzeichnungen und Bilder gefunden ...«

»... von denen bekannt ist, dass die alten Ägypter ein schwatzhaftes Volk mit einem Hang zum Übertreiben und Heroisieren war«, fiel ihm Bast sanft ins Wort. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie das sagte. Der Mann war ihr durchaus sympathisch, soweit man das bei jemandem sagen konnte, den man erst seit ein paar Augenblicken kannte, und doch genoss sie es zugleich, ihm ein paar zugespitzte Bambussplitter unter die Fingernägel zu treiben. Vielleicht nicht wegen dem, wer er war, sehr wohl aber wegen dem, was er war. »Glauben Sie mir, es wäre ein Fehler, alles für bare Münze zu nehmen, was Sie auf Papyrus geschrieben sehen - oder auch in Stein gemeißelt.«

»Sie klingen, als hätten Sie einen solchen Wagen schon einmal gesehen«, sagte Renouf.

Sie war auf einem gefahren. Sie hatte einen Wagen wie diesen in die Schlacht gelenkt, unzählige Male und in viel zu vielen Schlachten. Wer weiß ... vielleicht sogar ganz genau diesen Wagen.

»Und wenn?«, fragte sie geheimnisvoll.

Einen winzigen Moment lang wirkte Renouf nun tatsächlich irritiert, aber dann lachte er. »Dann müsste ich Sie unter einem Vorwand verhaften lassen, um dieses Geheimnis aus Ihnen herauszupressen«, sagte er. Er lachte noch einmal, gutmütig. »Sie gefallen mir, Miss Bastet«, sagte er geradeheraus. »Sie hätten nicht zufällig Zeit und Lust, ein wenig mit mir zu plaudern? Um offen zu sein, es kommt selten vor, dass sich mir die Gelegenheit bietet, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.«

»Und welcher Teil ist der Angenehme, und welcher der Nützliche?«

»Beide, natürlich«, sagte Renouf. »Ich kann zwar oft und ausgiebig über meine Passion und meinen Beruf reden, aber meine Gesprächspartner sind meistens nicht nennenswert jünger als die Fundstücke, über die wir reden.«

»Wer sagt Ihnen, dass es bei mir anders ist?«

Jetzt wirkte Renouf so verwirrt, dass er Bast beinahe leidtat. »Wie gesagt«, wiederholte er unsicher, »ich würde gerne ein wenig mit Ihnen plaudern. Es könnte interessant werden.«

»Hätten Sie denn Zeit dafür?«, fragte Bast. »Wo Sie doch hier arbeiten?«

»Das ist richtig«, antwortete er schmunzelnd. »Ich bin der Direktor der ägyptischen Abteilung, genauer gesagt: der Abteilung für orientalische Altertümer. Meine Stellung, wenn auch nicht unumstritten, gewährt mir doch gewisse Privilegien.«

»Sie versuchen nicht zufällig, mir den Hof zu machen, Mister Renouf?«, fragte Bast.

»Keineswegs«, antwortete Renouf. Er klang ein bisschen erschrocken. »Ich war nur angenehm überrascht, jemanden Ihrer ... ähm ... Herkunft hier bei uns zu sehen, und sein Interesse zu bemerken.« Er lächelte schüchtern. »Und Ihr Urteil?« Er sah sie nichts anderes als auffordernd an. »Reden Sie ruhig frei von der Leber weg. Nur weil ich Professor für orientalische Sprachen und alte Geschichte bin, bedeutet das nicht, dass ich nicht offen für andere Meinungen wäre.«

Bast seufzte lautlos in sich hinein. Renouf versuchte ihr den Hof zu machen, aus welchem Grund auch immer, und auch wenn da ein winziger Teil in ihr war, dem dieser Gedanke schmeichelte, war das doch zugleich im Moment so ziemlich das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Sobald sie eine ruhige Minute fand, dachte sie, sollte sie dringend über die genaue Bedeutung des Wortes unauffällig nachdenken.

Sie beschloss, das Gespräch an dieser Stelle zu beenden, warf einen fast sehnsüchtigen Blick in Mrs Walshs Richtung und stellte fest, dass sie ihr Gespräch in genau diesem Augenblick - und sichtlich ohne Erfolg - zu Ende gebracht hatte und sich wutschnaubend herumdrehte, um Renouf und sie anzusteuern. Gut, diese wenigen Augenblicke konnte sie auch noch gute Miene zum eigentlich nicht einmal wirklich so bösen Spiel machen. Ihr unfreiwilliges Tête-à-Têtes mit Renouf mit einem Affront zu beenden, fiel vermutlich auch nicht wirklich in die Kategorie unauffällig. »Ganz ehrlich?«