Выбрать главу

»Ich bitte darum.«

»Zu Zeiten als das hier gemacht worden ist«, sie machte eine angedeutete Geste, die die gesamte Halle einschloss, »und in meiner Heimat hat man Grabräuber hingerichtet.«

Nein, das war jetzt ganz eindeutig nicht mehr dazu angetan, ihn zu besänftigen, oder ihn sie möglichst schnell wieder vergessen zu lassen.

Zu ihrer Überraschung reagierte er jedoch nicht verletzt oder auch nur verstimmt, sondern zauberte ganz im Gegenteil sogar ein Lächeln auf sein Gesicht. »Vollkommen zu Recht«, sagte er. »Ginge es nach mir, dann wäre das möglicherweise auch heute noch so.« Er lachte erneut, als er ihre Verwirrung bemerkte. »Sie machen sich über mich lustig, nicht wahr? Sie gehören doch nicht wirklich zu denen, die wissenschaftliche Arbeit als Grabräuberei bezeichnen?«

»Als was bezeichnen Sie es denn?«, gab Bast zurück. Wo blieb Mrs Walsh?

»Als genau das«, antwortete er. »Wissenschaft. Wir holen die Vergangenheit ans Tageslicht und entreißen sie dem Vergessen. Niemand tut das, um sich zu bereichern. Ihr Volk hat eine großartige Geschichte, Miss Bast. Möchten Sie wirklich, dass sie für alle Zeit in Vergessenheit gerät? Doch wohl kaum.«

Bei manchem davon wäre es besser, dachte Bast. Aber sie sparte es sich, das laut auszusprechen. Diese Diskussion führte zu nichts. Seine Worte waren ehrlich gemeint, das spürte sie, aber genau das war es, was sie so schlimm machte. Sie hatte die, die es wirklich gut mit ihr meinten, schon immer mehr gefürchtet als ihre Feinde.

»Ich fürchte, dass mir im Moment die Zeit fehlt, weiter mit Ihnen zu plaudern, so amüsant es auch sein mag, Professor«, seufzte sie. »Vielleicht ein andermal.«

Renouf machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, fing sich aber auch jetzt fast augenblicklich wieder. »Dann werfen Sie wenigstens noch einen Blick auf unseren ganzen Stolz«, sagte er und gestikulierte zugleich auf die zerschrammte Vitrine hinab. Er lachte. »Wenn Sie schon einen ägyptischen Streitwagen im Original gesehen haben, dann können Sie vielleicht auch dieses Schriftstück übersetzen, und ich kann hinterher behaupten, ich hätte es selbst getan und die Lorbeeren einheimsen.«

Bast beugte sich gehorsam vor und warf einen Blick auf das Papyrus, und Renouf redete fröhlich weiter: »Meine Kollegen und ich streiten seit einem Jahr über die genaue Übersetzung. Wir ordnen es Ramses II. zu, aber bisher konnten wir uns nicht einigen, ob es sich nun um ein königliches Edikt handelt, die Absetzung eines Statthalters betreffend, oder um eine Schmähschrift gegen einen fremden Potentaten.«

Bast hatte das Gefühl, dass Renouf sie auf die Probe stellen wollte, aber sie antwortete wahrheitsgemäß: »Es stammt aus der Zeit Ramses I., und es ist ein Pamphlet, in der sich eine Frau über die ständigen Seitensprünge ihres Gemahls mokiert, der ein hochrangiger Beamter am Hofe des Pharao war.« Sie richtete sich wieder auf und sah Renouf vollkommen ernst und so fest in die Augen, wie er es gerade noch aushielt. »Sie macht sich lustig darüber, dass er jedem Rockzipfel nachläuft, wo er doch im ehelichen Bett schon lange nicht mehr seinen Mann steht.«

Renouf starrte sie nun fassungslos an, und obwohl ihre innere Stimme ihr mittlerweile zuschrie, endlich die Klappe zu halten, fügte sie aus der Erinnerung noch hinzu: »Er wurde übrigens hingerichtet, nachdem bekannt wurde, dass einer der Rockzipfel, denen er nachjagte, zum Harem des Pharao gehörte.«

Ra - oder wer immer auch das Schicksal der Welten in diesem Moment lenkte - hatte endlich ein Einsehen mit ihr und ließ Mrs Walsh auftauchen; schnaubend vor Empörung und so aufgebracht, dass sie all ihre gute Erziehung vergaß und sich rücksichtslos zwischen Renouf und sie schob.

»Dieser Kerl ist einfach unmöglich«, ereiferte sie sich. »Ich habe ihm nur eine ganz höfliche Frage gestellt, und er führt sich auf, als hätte ich ihm ein ... ein unsittliches Angebot gemacht!«

Renouf blickte fragend, und Bast machte eine erklärende Geste auf Mrs Walsh, dann auf Renouf. »Mrs Gloria Walsh, eine ... Freundin von mir - Professor Renouf, Direktor der orientalischen Abteilung des Museums.«

Jetzt war es Mrs Walsh, die fassungslos Mund und Augen aufriss, während Renouf abermals seine Geistesgegenwart bewies und augenblicklich seine Fassung zurückerlangte.

»Gibt es irgendein Problem, gnädige Frau?«

Mrs Walsh funkelte ihn nur an, und Bast beeilte sich, in besänftigendem Ton zu erklären: »Nicht wirklich. Wir sind aus einem bestimmten Grund hierhergekommen, aber mittlerweile glaube ich fast, dass es keine so gute Idee gewesen ist.«

»Darf ich fragen, worum es geht?«, erkundigte sich Renouf. »Vielleicht kann ich ja behilflich sein.«

»Wir wollten ... einige Erkundigungen einziehen«, antwortete Bast ausweichend. »Erkundigungen, die einen der Besucher hier betreffen. Aber vermutlich tut die gute Mrs Walsh Ihrem Personal unrecht. Ich nehme doch an, dass Sie zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, was Ihre Besucher hier angeht.«

Renouf nickte zwar, sagte aber trotzdem: »Das kommt ganz darauf an, was Sie wissen wollen.«

»Ich suche nach einer Freundin aus meiner Heimat«, antwortete Bast. »Leider weiß ich wenig mehr über sie, als dass sie sich seit einer Weile in London aufhält. Mrs Walsh kam auf die Idee, dass sie vielleicht hier gewesen sein könnte.«

»Wenn sie Ihnen ähnelt, dann erinnert man sich ganz bestimmt an sie«, antwortete Renouf nonchalant. »Und der gute Henry erinnert sich nicht?«

»Angeblich nicht«, verbesserte ihn Mrs Walsh.

Renouf ignorierte die erste Hälfte ihrer Antwort. »Wir haben hier eine Menge Personal«, sagte er. »Und noch dazu arbeiten sie in zwei Schichten. Wenn Sie für den Augenblick mit der einen Hälfte vorliebnehmen können ...« Er zog eine gravierte Taschenuhr aus der Weste und klappte den Deckel auf, ohne allerdings wirklich einen Blick auf das Ziffernblatt zu werfen. »Wie es der Zufall will, ist gerade Mittagszeit. Sie können mit allen sprechen, wenn Sie es wünschen.«

»Das wäre möglich?«, fragte Bast überrascht.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mich in die Unterwelt zu begleiten«, antwortete Renouf.

»Wie?« Natürlich war es nur ein Scherz und nicht einmal ein guter. Aber er erschreckte sie, als verberge sich unter den Worten, die er aussprach, noch eine zweite, ungleich düsterere Botschaft. Beinahe ohne darüber nachzudenken, warf sie alle ihre Bedenken und Hemmungen über Bord und lauschte in ihn hinein. Aber da war keine Spur von Falschheit oder gar Heimtücke.

»In die Unterwelt?«

»Ein Scherz, bitte verzeihen Sie.« Renouf räusperte sich unbehaglich. »Der Aufenthaltsraum des Personals befindet sich unten im Keller. Es ist nicht weit, aber vielleicht ein wenig ... unbequem. Aber wenn Sie sich meiner Führung anvertrauen wollen, begleite ich Sie gerne dorthin. Die Pause beginnt in zehn Minuten.« Ein beinahe schüchternes Lächeln. »Und es gibt dort unten noch eine ganze Anzahl interessanter Artefakte, die ich Ihnen zeigen könnte, wenn Sie es wünschen.«

»Um meine Meinung dazu zu hören?« Sie versuchte es mit aller Kraft, aber es gelang ihr nicht, die Andeutung eines Lächelns ganz von ihren Lippen zu verbannen. Dieser Mann ... verwirrte sie. Sie wurde nicht schlau aus ihm. Und das war zumindest ungewöhnlich. Und eigentlich sollte es sie erschrecken.

»Wenn Sie es wünschen.« Renouf machte eine einladende Geste, und für einen einzigen, unendlich kurzen Moment war sich Bast fast sicher, dass die Schatten hinter ihm darauf reagierten, wie etwas Großes, Düsteres, das sich träge zu regen begann. Und war da nicht ein Geräusch, das es vorher nicht gegeben hatte, etwas wie das Schlagen schwarzer, metallisch glänzender Flügel? Ihr Blick tastete über die Schatten hinter Renouf, glitt über das sorgsam polierte Holz des Streitwagens und das mattweiße Fell der beiden ausgestopften Pferde und die Dunkelheit dahinter, aber da war auch nicht mehr als Dunkelheit; nur die bloße Abwesenheit von Licht, in der sich rein gar nichts verbarg.